Sonntag, 16.12.2018
 
Seit 08:35 Uhr Am Sonntagmorgen
StartseiteInterview"Der Islam ist selbstverständlich mit dem Grundgesetz vereinbar"18.04.2016

Islamrats-Vorsitzender"Der Islam ist selbstverständlich mit dem Grundgesetz vereinbar"

Der Vorsitzende des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland, Burhan Kesici, wirft der AfD vor, mit den Ängsten der Menschen zu spielen. Mit ihrer Forderung, islamische Symbole in der Öffentlichkeit zu verbieten, wolle die Partei ein neues Wählerklientel erreichen, sagte Kesici im Deutschlandfunk.

Burhan Kesici im Gespräch mit Tobias Armbrüster

Koran (picture alliance / dpa / Foto: Roos Koole)
Der Koran mit Gebetskette (picture alliance / dpa / Foto: Roos Koole)
  • E-Mail
  • Teilen
  • Tweet
  • Drucken
  • Podcast
Mehr zum Thema

AfD "Der Islam ist ein Fremdkörper"

Islam und Emanzipation - Teil 5 "Mein Kopftuch, meine freie Entscheidung"

Diskriminierung in Flüchtlingsheimen Koran versus Kreuz

Kesici wies auch die Aussage der stellvertretenden AfD-Vorsitzenden Beatrix von Storch zurück, wonach der Islam eine politische Ideologie sei, die nicht mit dem Grundgesetz vereinbar sei. Er betonte, es würden viel weniger Moscheen in Deutschland aus dem Ausland finanziert, als immer gesagt werde. Selbst wenn Imame von der Türkei bezahlt würden, seien sie dennoch europabezogen und demokratiefreundlich.

Viele Moscheen wirkten positiv in die Gemeinschaft hinein und förderten die Integration von Muslimen in die Gesellschaft. "Ob man auf Türkisch sagt: Macht was gutes, oder auf Deutsch oder Arabisch, wichtig ist, dass man die gleiche Zielsetzung hat." Kesici sagte weiter, auch im Islam gebe es Gleichberechtigung. Manche Meinungen über die Religion basierten auf Vorurteilen. "Das Problem ist, dass wir zu wenig miteinander reden und zu wenig voneinander wissen." Die Muslime müssten zeigen, dass sie keine Gefahr darstellten und Partner in der Gesellschaft seien. Der Islam sei "selbstverständlich mit dem Grundgesetz vereinbar".

Lesen Sie das vollständige Gespräch mit Burhan Kesici:

Tobias Armbrüster: Die AfD, die Alternative für Deutschland, präsentiert sich zunehmend als Anti-Islam-Partei. Sie will Minarette und Verschleierung verbieten. Außerdem hält sie den Islam für unvereinbar mit dem Grundgesetz. Das ist die Kernbotschaft aus zwei Interviews, die die beiden AfD-Politiker Beatrix von Storch und Alexander Gauland am Wochenende gegeben haben. In zwei Wochen hält die Partei ihren Programmparteitag ab. Dort werden diese Positionen anti Islam mit großer Wahrscheinlichkeit unterstützt. Welche Reaktionen gibt es dazu aus der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland? Auskunft kann uns Burhan Kesici geben. Er ist der Vorsitzende des Islamrats für die Bundesrepublik. Das ist einer der großen muslimischen Dachverbände. Ich habe vor dieser Sendung mit ihm gesprochen. - Herr Kesici, aus der AfD ist zu hören, der Islam ist nicht mit dem Grundgesetz vereinbar. Was sagen Sie dazu?

Burhan Kesici: Ich meine, diese ganzen Diskussionen, die hatten wir schon vor 15, 20 Jahren in Deutschland, und ich glaube, dass gute Politiker auch einen Schritt weitergekommen sind und genau wissen, dass der Islam selbstverständlich mit dem Grundgesetz vereinbar ist. Aber ich glaube, dass diese Themen dazu gebraucht werden, um einfach in die Öffentlichkeit hineinzutreten.

AfD spielt mit den Ängsten der Menschen

Armbrüster: Jetzt ist es aber ja sicher so, dass die AfD vielen Leuten mit dieser Forderung aus dem Herzen spricht, auch vielen Leuten, die die AfD vielleicht gar nicht unbedingt wählen.

Kesici: Ich glaube, dass die AfD einfach mit den Ängsten der Menschen spielt. Wir haben im letzten Jahr die Flüchtlingswelle gehabt, wir haben große Arbeitslosigkeit, wir haben andere Probleme, und ich glaube, dass man jetzt auch mit dem Islam versucht, zu punkten und ein neues Wählerklientel zu bekommen.

Armbrüster: Jetzt ist aber ja eins der großen Probleme, was auch viele Leute wahrnehmen, dass so viele muslimische Gemeinden und Verbände aus dem Ausland unterstützt werden, aus der Türkei oder zum Beispiel auch aus Saudi-Arabien. Ist es da nicht verwunderlich, wenn diese Religion auch hier bei uns in Deutschland immer noch als etwas Fremdes wahrgenommen wird?

Kesici: Ich glaube, man macht den Fehler: So viele Moscheen werden gar nicht aus dem Ausland finanziert. Das sind einige DITIB-Moscheen und noch einige andere. Aber ich glaube, da muss man auch differenzieren, zum Beispiel, wenn türkische Imame aus der Türkei finanziert werden. Diese Imame sind europabezogen, kennen sich in Europa aus, sind demokratiefreundlich, und ich glaube, dass sie auch sehr viel im Hintergrund machen, damit die Menschen sich in Deutschland integrieren. Die ganze Arbeit wird nicht wahrgenommen und ich glaube, man hängt sich zu sehr an der Auslandsfinanzierung fest, anstatt zu gucken, inwiefern Moscheen positiv in die Gemeinschaft und in die Gesellschaft reinwirken.

Moscheen machen gute Integrationsarbeit

Armbrüster: Das müssen Sie uns erklären. Wie wirken die denn positiv rein?

Kesici: Ganz einfach! Schauen Sie mal: Ich meine, wenn man Deutschland mit anderen Ländern vergleicht, dann sieht man, dass die Muslime sehr gut integriert sind. Das liegt aber auch daran, dass die Moscheegemeinden und auch diese Imame, von denen wir reden, sehr gute Integrationsarbeit gemacht haben, auch wenn sie nicht Deutsch sprechen. Sie haben sich damit dafür bemüht, dass die Menschen in die Gesellschaft positiv hineinarbeiten, dass sie sich an Recht und Ordnung halten, und haben die Leute in dem Bereich auch sehr gut aufgeklärt.

Armbrüster: Moment, Herr Kesici. Wie können sie denn positiv bei uns hineinwirken, die Imame und die Prediger, wenn sie nicht Deutsch sprechen, sondern Türkisch oder Arabisch?

Kesici: Indem man einfach bestimmte Standpunkte darlegt in Form von, dass wir als Muslime uns in unsere Gesellschaft einbringen sollen, dass wir Recht und Ordnung einhalten sollen, dass wir aus religiöser Perspektive auch für das Wohl der Gemeinschaft arbeiten sollen. Das sind Sachen, die bei uns gepredigt werden.

Armbrüster: Aber ist es dann nicht das Gegenteil von Integration, wenn man das nicht in deutscher Sprache tut?

Kesici: Nein. Ich glaube, es wäre desintegrativ, wenn man das Gegenteil sagt und ob man nun auf Türkisch sagt, macht etwas Gutes, oder in Deutsch oder in Arabisch, spielt ja keine Rolle. Wichtig ist, dass man die gleiche Zielsetzung hat.

Es wäre wünschenswert, wenn man sehr viel Deutsch sprechen könnte, aber ich glaube gerade, dass man auch in dem Bereich die religiöse Autonomität auch akzeptieren muss. Das heißt, es gibt zum Beispiel auch römisch-orthodoxe Kirchen, es gibt syrisch-orthodoxe Kirchen, wo man auch in einer anderen Sprache predigt, und das stellt ja auch kein Problem dar. Ich glaube, anstatt auf die Sprache zu achten, sollte man schauen, was dort gepredigt wird.

Armbrüster: Und wenn wir das mal vergleichen mit dem Grundgesetz, dann können wir sagen, Gleichberechtigung der Frau, Meinungsfreiheit, Religionsfreiheit, das sind alles Rechte, die auch vom Koran, auch vom Islam so bedingungslos unterstützt werden?

Kesici: Ja selbstverständlich haben wir Gleichberechtigung, selbstverständlich haben wir auch andere Sachen. Zum Beispiel wenn wir uns mal die Türkei anschauen, dann werden Sie sehen, dass Frauen vorher schon das Recht auf Freiheit gehabt haben. Dementsprechend ist es so, dass die muslimische Bevölkerung selbstverständlich auch an solchen Werten festhält und auch an solche Werte gewöhnt ist.

Kesici: Islam akzeptiert Homosexualität nicht

Armbrüster: Sie müssen aber immer häufiger einen Schleier tragen.

Kesici: Nein, müssen sie nicht, sondern es ist etwas Freiwilliges. Und dass eine Frau einen Schleier trägt beziehungsweise ein Kopftuch, ist ihr überlassen und hat ja nichts mit dem Druck der Gesellschaft zu tun.

Armbrüster: Herr Kesici, warum hören wir so selten von schwulen und lesbischen Muslimen oder Musliminnen oder auch von muslimischen Feministinnen?

Kesici: Es gibt Menschen, die sich als Muslime betrachten und schwul und lesbisch sind, aber ich glaube, man muss schauen, dass der Islam so was nicht akzeptiert. Und dementsprechend ist es so, dass das auch eine ganz kleine Minderheit darstellt.

Armbrüster: Der Islam akzeptiert so etwas nicht?

Kesici: Nein, genauso auch wie andere Religionen. Das heißt, für uns ist es so, dass die Mann-Frau-Beziehung im Mittelpunkt steht und das auch die Regel ist.

Armbrüster: Aber ich meine, das widerspricht dann doch einigen Grundsätzen, die wir hier in Deutschland ja haben.

Kesici: Nein! Ich glaube, man muss gucken, wie das ist. Man kann ja sozusagen eine Präferenz haben, aber ich glaube, was sehr wichtig ist, dass man, egal was für eine Präferenz die Menschen haben, trotzdem respektvoll miteinander umgeht und verständnisvoll miteinander umgeht. Ich glaube, das sind zwei Paar Schuhe. Man kann zwar zum Beispiel eine bestimmte Meinung haben, aber was wir auf jeden Fall lernen müssen ist, friedlich in der Gesellschaft zu leben, egal welche politische Ideologie man hat oder welche geschlechtliche Neigung man hat. Das darf nicht zu einem Problem in der Gesellschaft führen.

Man muss friedlich in der Gesellschaft leben

Armbrüster: Aber wenn der Islam genau das nicht akzeptiert, auch bei uns in Deutschland nicht, ist das dann nicht ein deutliches Zeichen dafür, dass der Islam einfach noch nicht in der deutschen Gesellschaft des 21. Jahrhunderts angekommen ist?

Kesici: Ich glaube, es ist ein Unterschied zwischen etwas gutheißen und etwas akzeptieren. Das heißt, zum Beispiel sehr viele Christen oder sehr viele Menschen, die nicht dem Islam angehören, akzeptieren Muslime und sagen, okay, sie können hier leben, obwohl sie eine andere Religion haben. Genauso ist das auch bei uns. Wir haben da eine Religion, die haben eine andere Vorstellung, aber wir müssen auch lernen, friedlich miteinander zu leben, egal wie unterschiedlich auch unsere Positionen sind. Und ich glaube, dass wir in dem Bereich einen guten Schritt vorangeschritten sind in den letzten Jahrzehnten.

Armbrüster: Herr Kesici, wenn ich Sie da so höre, dann könnte man meinen, dass wir in Deutschland gerade einen Boom des aufgeklärten Islam erleben, sozusagen eine muslimische Reformation. Ist das so?

Kesici: mit der Mehrheitsgesellschaft reden

Kesici: Ich glaube, man macht einen Fehler, indem man versucht, den Islam in verschiedene Positionen wie Reform-Islam, liberaler Islam zu stecken, sondern das sind urgegebene islamische Positionen, die nicht neu sind. Aber das Problem ist, dass wir einfach zu wenig miteinander reden und dass wir zu wenig voneinander wissen, was diesbezüglich anbelangt.

Armbrüster: Und wenn die AfD, um darauf jetzt noch mal zurückzukommen, so eine Anti-Islam-Kampagne in Deutschland startet, was setzen denn die muslimischen Dachverbände dagegen?

Kesici: Was wir als Muslime machen ist, dass wir seit Jahrzehnten versuchen, mit der Mehrheitsgesellschaft in den Dialog zu treten. Wir versuchen, mit den gesellschaftsrelevanten Institutionen, seien es nun die Kirchen, seien es nun die NGOs oder andere Institutionen, ins Gespräch zu kommen, wo wir dann solche Themen behandeln. Wir arbeiten mit der Politik, wir arbeiten mit der Verwaltung zusammen. Wir öffnen unsere Moscheen, machen Veranstaltungen und nehmen selber auch an Veranstaltungen teil. Ich glaube, dass man in dem Bereich auch relativ viel schon macht.

Armbrüster: Aber gleichzeitig nehmen wir alle wahr, dass immer mehr gerade junge Muslime abdriften in den islamistischen Extremismus und im Extremfall sich dem Islamischen Staat anschließen.

Kesici: Wir haben generell das Problem, dass immer mehr Menschen in Extreme gehen. Wir sehen, dass auch der Rechtsradikalismus und der Linksradikalismus auch so einen großen Zustrom hat. Und wir haben das Problem, dass junge Leute, egal welcher Couleur, Extremismus attraktiv finden, und ich glaube, da müssen wir gemeinsam dagegen gehen. Es gibt in den Gemeinden sehr viel Arbeit, was wir machen, indem wir die Jugendlichen bilden, indem wir den Jugendlichen islamische Positionen geben, die sich gerade gegen Extremismus wenden. Und wir haben die Erfahrung gemacht und das werden sehr viele Wissenschaftler auch bestätigen, dass gerade Jugendliche, die in Gemeinden aufwachsen, weniger solchen Positionen verfallen, weil sie sich einfach auch religiös mit solchen Positionen auseinandersetzen.

Armbrüster: Aber ist es denn nicht eher so, dass viele junge Muslime gerade erst in den Gemeinden, in den Moscheen mit dem Islamismus, mit dieser extremen Form in Berührung kommen?

"Wir müssen nicht gegen die AfD eine Gegenposition darstellen"

Kesici: Nein, nein. Da gibt es Studien, die auch vom Bundeskriminalamt und anderen Sicherheitsbehörden gemacht worden sind, die gerade zeigen, dass Jugendliche, die keine Gemeindebindung haben, eventuell konvertiert sind oder mit einem bestimmten Alter übers Internet oder über Freunde radikalisiert werden, aber nicht über die Gemeinden.

Armbrüster: Gut! Wenn Sie nun diese Auffassung vertreten und da der AfD wirklich diametral gegenüberstehen mit dieser Auffassung, wird es dann nicht Zeit für eine groß angelegte Kampagne der Muslime in Deutschland gegen die AfD?

Kesici: Nein. Ich glaube nicht, dass wir gegen die AfD agieren müssen. Aber was wir machen müssen ist, dass wir als Muslime uns in die Gesellschaft hineintragen müssen. Zum Beispiel ist es so, dass die Gemeinden des Islamrats vor einiger Zeit eine Aktion gemacht haben, "Gestatten: Moslem!", wo wir in die Straßen gegangen sind und uns vorgestellt haben, wo wir die Möglichkeit geboten haben, dass jeder seine Fragen stellen kann. Was wir weiterhin machen ist, dass wir Tage der offenen Moscheen machen und dass wir zu bestimmten Zeiten uns öffentlich präsentieren, damit wir mit der Mehrheitsgesellschaft ins Gespräch kommen. Und ich glaube nicht, dass wir gegen die AfD oder andere eine Gegenposition darstellen müssen, sondern wir müssen aus unserem eigenen Glauben heraus und aus unserer eigenen Position heraus zeigen, dass wir als Muslime keine Gefahr darstellen und dass wir als Muslime Partner in der Gesellschaft sind.

Armbrüster: … sagt hier bei uns im Deutschlandfunk Burhan Kesici, der Vorsitzende des Islamrats für die Bundesrepublik Deutschland. Vielen Dank, Herr Kesici, für Ihre Zeit.

Kesici: Danke! Ich bedanke mich auch recht herzlich.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk