Samstag, 04. Dezember 2021

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IslandSchatzkammer der Natur

Island ist bekannt für seine Gegensätze der Naturgewalten: 31 aktive Vulkane gibt es und zugleich sind etwa elf Prozent des Landes mit Eis bedeckt. Eine Reise zu den beiden extremen Orten.

Von Jessica Sturmberg | 24.09.2017

Die Felsen im Inneren eines erloschenen Vulkans schimmern in vielen verschiedenen Farben
Innenansicht eines erloschenen Vulkans (Deutschlandfunk / Jessica Sturmberg)
Es ist ein schlafender Riese, zu dem ich aufbreche. Ein Vulkan, erloschen vor mehr als 4.000 Jahren, hoch oben im Naturschutzgebiet des Bláfjöll-Gebirges. Dieses befindet sich in der Nähe von Reykjavík, eine halbe Autostunde entfernt. Der Weg dorthin führt durch Serpentinen. Die Straße ist gut ausgebaut, im Winter ist hier ein beliebtes Skigebiet. Der Parkplatz nahe der Skilifte ist auch Ausgangspunkt für meine Reise in das Innere der Erde.
Es beginnt mit einer geführten Wanderung zum Þríhnúkagígur - dem Krater mit drei Spitzen.
"Hi, ich bin Bryndís, willkommen am Bláfjöll, übersetzt bedeutet das blaue Berge. Wir gehen diese Richtung, drei Kilometer über dieses Lavafeld, hier ist ein Pfad. Seid ihr bereit?"
Ein schmaler Pfad über ein mit Moos bewachsenes Lavafeld. Im Hintergrund sind Bergspitzen zu sehen.
Der Weg zum Þríhnúkagígur führt über ein Lavafeld (Deutschlandfunk / Jessica Sturmberg)
Wanderführerin Bryndís Krístjánsdóttir führt mich und sieben weitere Teilnehmer zu einem Pfad über ein riesiges Lavafeld. Der Weg führt über Höhlen, die geformt wurden, als flüssige Lava an der Oberfläche schon erstarrte, während es darunter noch floss. So entstanden auch die Wellen auf den Felsplatten, die so wirken, als hätte jemand Wasser zu Stein verzaubert.
Einst abgeseilt ins dunkle Ungewisse
Unterwegs erzählt Wanderführerin Bryndís, wie es überhaupt dazu kam, dass der Vulkan entdeckt und zugänglich gemacht wurde. Alles fing an mit einem in Island bekannten Höhlenforscher.
"Arni Stefansson und seine Leidenschaft für Höhlen und Spalten. Wann immer er eine neue entdeckt, zwängt er sich direkt hinein."
1974 hatten er und seine Freunde von einem großen Hohlraum in der Gegend gehört und wanderten dorthin. Arni Stefansson ließ sich von Freunden ins dunkle Ungewisse abseilen, in der Hand nur eine kleine Lampe. Das unendlich lang erscheinende Seil reichte gerade so eben, um den Boden in 120 Meter Tiefe zu berühren. Aber Arni konnte nicht absteigen, erzählt Bryndís.
"Dann wäre das Seil hochgezogen worden und er wäre in der Tiefe eingeschlossen gewesen. So kamen sie nochmal wieder mit mehr Menschen und besserem Licht und - voilà - dann haben sie entdeckt, was ihr gleich auch entdecken werdet."
120 Meter in die Tiefe des Vulkans
Doch bevor es auf die Entdeckungstour geht, müssen noch umfangreiche Vorkehrungen getroffen werden. Helm, Lampe, Sicherheitsgurt. Der Weg nach unten führt über einen offenen Bauaufzug, ähnlich der einer Kabine für Gebäudereiniger. Nichts für Menschen mit Höhenangst. Ein Stahlsteg führt über das Loch zum Aufzug. Der wurde vor ein paar Jahren eigens für ein Filmteam von National Geographics konstruiert. Damit es für Dreharbeiten sein komplettes Equipment nach unten transportieren konnte. Danach baute man es aus, um auch Touristen diesen außergewöhnlichen Einblick zu ermöglichen. Ein Blick ins tiefe Dunkel lässt erahnen, wie mächtig das Innere des erloschenen Vulkans ist.
Stahlkonstruktion für den Aufzug in den erloschenen Vulkan an der Spitze des Kraters. Einige Personen sind über einen Stahlsteg in die Aufzugskabine gelangt.
Der Weg in den Krater des erloschenen Vulkans führt über einen Aufzug. Dieser führt die Besucher 120 Meter in die Tiefe. (Deutschlandfunk / Jessica Sturmberg)
Der Aufzug führt zunächst durch eine enge Passage. Kurz darauf eröffnet sich ein gigantischer Hohlraum. Mehrere Minuten dauert die Fahrt nach unten. Die Farbpracht ist überwältigend. Gold, blau, rot, braun, grün. Es ist als wäre ich in eine schillernde Farb-Schatzkammer der Natur gestiegen. Nur einige, wenige Sonnenstrahlen schaffen es durch die Öffnung da ganz oben. Ich bin andächtig vor lauter Schönheit. Durchbrochen wird die Stille durch die Wassertropfen, die in die Tiefe stürzen um dann im Gestein zu versickern.
Die Form eines Doms
Aber warum gibt es diesen außergewöhnlichen Ort überhaupt? Wie konnte dieser riesige Hohlraum entstehen? Es gibt eine Theorie: Es entsteht enormer Druck, wenn Magma brodelt und ihren Weg sucht. Mitten in der Eruption damals gab es plötzlich einen Druckverlust, wahrscheinlich, weil irgendwo ein Loch war, durch das die Lava rausgesogen wurde, wie als wenn man den Stopfen aus einem Waschbecken herausnimmt. Normalerweise hätte der Hohlraum im Moment des Druckabfalls einstürzen müssen. Warum steht die Höhle also noch nach mehr als 4.000 Jahren?
"Wenn ihr Euch umschaut und mal genau auf die Form achtet - das ist hier wie ein Dom. Und ein Dom ist selbsttragend. Daher ist das alles hier erhalten. Und weil die Öffnung relativ klein ist, gibt es hier auch keine Erosion."
Die leuchtenden Farben an den Wänden sind durch die Schwefelgase entstanden, die sich auf die Basaltsäulen gesetzt haben wie Farbpulver. Durch sie wird der Gang ins Innere des Vulkans erst zum Hoch-Erlebnis für die Sinne. Mit Scheinwerfern oder den Helmleuchten angestrahlt, funkeln sie zurück. Als wollte die Natur ihre eigenen Sagas erzählen. Überall an den Felswänden lassen sich Geschichten entdecken, Figuren heraus interpretieren, es ist wie in einer Zauberwelt. Nur, dass ich nach 40 Minuten aus meiner Träumen und Fantasien herausgerissen und aufgefordert werde, wieder zum Aufzug zu kommen.
Im umgebauten Nato-Fahrzeug zum Gletscher
Anders als man mit dem Wort Vulkan assoziiert, ist es hier unten nicht heiß, sondern etwa so kalt wie in einem Kühlschrank. Ganz unabhängig davon, wie kalt es gerade draußen ist. Nur fegt hier kein Wind.
Das Eis des Tunnelgangs ist im Vordergrund in dunklem Blau angeleuchtet. Weiter hinten wird es weiß, ganz hintern ist eine Gruppe von menschen zu sehen.
Der Tunnelrundgang im zweitgrößten Gletscher Islands Langjökull (Deutschlandfunk / Jessica Sturmberg)
Beeindruckt von diesem Erlebnis will ich mich ein paar Tage später auf den Weg zum anderen Extrem machen: hinein ins Eis. Ingenieure haben vor ein paar Jahren einen Tunnelrundgang in den zweitgrößten Gletscher des Landes, den Langjökull, gebohrt. Sein Ausläufer liegt gute Fahrstunden von Reykjavík entfernt im Landesinneren.
Ausgangspunkt ist der kleine Ort Húsafell. Dort steige ich mit etwa 30 Fahrgästen in ein umgebautes, altes Nato-Fahrzeug, das einst für Raketenstarts genutzt wurde. Jetzt ist es zum Gletscher-Transporter umfunktioniert worden.
Heiraten in der Eiskapelle
Es dauert rund 20 Minuten bis das Gletscherende erreicht ist, dann ist kurze Pause um Luft aus den Reifen zu lassen. Nur so kommt der Truck auf dem Eis auch gut vorwärts. Die Sicht ist an diesem Tag nicht die beste, immer wieder Nebelschwaden. Beim Blick aus dem Fenster ist alles weiß in weiß.
So ist dann auch der Eingang recht unscheinbar. Ein riesiges Rohr sichert den Zugang ab, damit dieser nicht einstürzt, oder anderweitig durch die Natur vereinnahmt werden kann. Im Inneren bekomme ich dann Spike-Überzieher für meine Schuhe, um nicht auf dem glatten Eis auszurutschen. 400 Meter ist der Tunnelrundgang lang. Vier Jahre bohrten sich Ingenieure durch die Eisschichten und errichteten einen Ort mit raffiniert beleuchteten Gängen und Räumen. Darunter eine Eiskapelle, wo mittlerweile Ehen geschlossen oder Konzerte gegeben werden.
In der Eiskammer in der Eiswüste
Das Eis hat seine ganz spezielle Akustik. Der besondere Raumklang lädt immer wieder zu spontanen Gesangseinlagen ein. Es ist ein menschengemachter Gang, das Spiel der Farben wechselt zwischen weiß, türkis und blau. Die verlegten LED-Lampen ersetzen zwar nicht das intensiv-leuchtende Blau, wenn Sonnenstrahlen in eine Eishöhle fallen, aber sie animieren zu kreativen Fotomomenten.
Angeleuchtete Eiszapfen im Vordergrund, die Spalte wird weiter hinten mit verschiedenen Lampen angestrahlt
Blick in eine Gletscherspalte, die 40 Meter tief ist und mehrere hundert Meter lang (Deutschlandfunk / Jessica Sturmberg)
Unterbrochen wird der quaderförmige Gang an einer Stelle von einer Gletscherspalte. Über sie wurde eine Brücke gebaut. In dem Moment, in dem ich auf ihr stehe, kann ich in die Tiefe der Spalte schauen.
Ich bin jetzt 1.260 Meter über dem Meer. In der Eiskammer mitten in der Eiswüste. Und auf dem anderen Pol der Gegensätze angekommen. In mir herrscht eine Poesie der Sinne, Wahrnehmung von Naturelementen, die ich atemberaubend finde. Aber sie wurden mir auch leicht zugänglich gemacht. Das kann schnell darüber hinwegtäuschen, wie viel Anstrengung es eigentlich kostet, hier an diese Orte der Extreme, der Gegensätze zu gelangen.