Israels Informationskrieg
Social Media als "achte Front"

Die israelische Regierung gibt immer mehr Geld für Propaganda aus und führt einen Informationskrieg. Dazu gehört auch die Verbreitung von Desinformationen. Damit will das auf Hilfe angewiesene Land auch seinen Ruf verteidigen.

    Illustration einer israelischen Flagge auf einem Bildschirm. Die Flagge ist teilweise in Artefakte aufgebrochen bzw. verzerrt.
    Israel arbeitet im Kampf um die öffentliche Meinung auch mit Desinformationskampagnen. (Getty Images / vitacopS)
    Fast jedes Land auf der Welt betreibt "Public Diplomacy", also Diplomatie, die sich an die Öffentlichkeit wendet. Dazu gehören auch Kampagnen und Öffentlichkeitsarbeit in den sozialen Medien. In Israel heißt das „Hasbara“, das bedeutet eigentlich „Erklärung“. Israel versucht damit, sein Image aufzupolieren.
    Doch Kritiker werfen der Netanjahu-Regierung vor, damit Desinformationskampagnen zum Gazakrieg zu betreiben. Es ist ein Krieg um die öffentliche Meinung.

    Inhalt

    Hunderte Millionen für Public Diplomacy

    Umgerechnet fast 630 Millionen Euro sind im israelischen Haushalt in diesem Jahr für "Public Diplomacy" vorgesehen - fast fünfmal so viel wie 2025. Im vergangenen Jahr wurden unter anderem Millionenbeträge dafür ausgegeben, dass Kommunikationsagenturen in den USA Suchergebnisse von Google, Chat GPT und Co. beeinflussen, beispielsweise über Social-Media-Accounts und eigens aufgesetzte Seiten im Internet.
    Gegenüber dem Fernsehsender CBS sprach Ministerpräsident Benjamin Netanjahu von Social Media als der „achten Kriegsfront“. Einer Recherche des Bayerischen Rundfunks zufolge flossen von Mitte Juni bis Ende Dezember 2025 umgerechnet fast 40 Millionen Euro aus dem israelischen Staatshaushalt in Google- und YouTube-Anzeigen und weitere über vier Millionen Euro an die Plattformen X und Outbrain.

    Hunger in Gaza: die Kampagne

    Israels Regierung startete in dieser Zeit eine groß angelegte Kampagne, mit der sie widerlegen wollte, dass die Menschen in Gaza Hunger litten. Mitte August hatte die IPC, das internationale Klassifizierungssystem für Ernährungssicherheit, für den Norden des Gazastreifens erstmals eine Hungersnot festgestellt. Wegen einer Totalblockade Israels kamen keine Lebensmittel mehr in das Kriegsgebiet. Menschenrechtsorganisationen weltweit sprachen vom „Einsatz von Hunger als Kriegswaffe“.
    Das israelische Außenministerium reagierte darauf mit mehreren YouTube-Videos in unterschiedlichen Sprachen, die angeblich volle Restaurants mit wohlgenährten Menschen an vollen Tischen zeigen. Am Ende steht: "Es gibt Lebensmittel in Gaza. Jede andere Behauptung ist eine Lüge." Tatsächlich gab es damals Lebensmittel in Gaza – doch nur für wenige.
    Ein gesponsorter Link auf Google wurde ausgespielt, wenn nach den Schlagworten "IPC" und "Hunger" gesucht wurde. Nutzer landeten dann auf einer israelischen Regierungsseite, die die IPC-Einschätzung infrage stellt und behauptet, diese sei aufgrund unvollständiger und falscher Daten zustande gekommen. Die ebenfalls von Israel aufgestellte Behauptung, IPC habe für Gaza die Kriterien für Hunger gesenkt, wurde inzwischen widerlegt.

    Israelische Lobby-Arbeit in Deutschland

    Die Beispiele zeigen: Die israelische Regierung bringt mithilfe von Kampagnen zum Teil falsche und zum Teil irreführende Informationen in Umlauf.
    Auch in Deutschland findet Lobby-Arbeit statt: Die Organisation "European Leadership Network" (Elnet) veranstaltet unter anderem Delegationsreisen nach Israel. Laut der taz flogen seit 2017 mindestens 96 Mitglieder des Bundestages mit Elnet nach Israel. Auch das israelische Außenministerium veranstaltet Reisen. Die linksliberale Zeitung Haaretz spricht von einer "PR-Operation" und von "Propaganda für die israelische Regierung".
    Das offizielle Israel gibt Hasbara in allen Variationen immer mehr Bedeutung. Der Grund: Das Land verliert weltweit an Reputation. Israel werden Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit vorgeworfen, die Regierung wurde vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag angeklagt, auch israelische Menschenrechtsorganisationen sprechen von einem Genozid im Gazastreifen und von einem Apartheidsregime im besetzten Westjordanland.

    Der Kampf um die öffentliche Meinung

    Israel braucht Unterstützung von außen – und deshalb ist der Krieg um die öffentliche Meinung so wichtig für Israels Sicherheit. Der israelische Premier Benjamin Netanjahu sieht sein Land auch hier in der Selbstverteidigung. Er sprach vor ein paar Monaten in New York vor Influencern auch über die Rolle, die dabei die sozialen Netzwerke als Waffen spielen: "Wir müssen in den Kampf gehen, um Juden eine Richtung zu geben – und unseren nichtjüdischen Freunden oder denen, die unsere Freunde sein könnten.“ 

    Was ein Ministerium zu den Vorwürfen sagt

    Trotz vermehrter Anfragen des Deutschlandfunks bei Ministerien, der israelischen Armee und dem Regierungs-Presseamt kam kein Interview dazu zustande, um Antworten auf offene Fragen zu bekommen. Etwa, ob Falschinformation und Manipulation legitime Mittel eines Rechtsstaats sein können.
    Erst kurz vor der Veröffentlichung war lediglich das Ministerium für "Diaspora-Angelegenheiten und den Kampf gegen Antisemitismus" bereit zu einem Hintergrundgespräch, aus dem nur wenig zitiert werden durfte und das Zitierte offiziell abgenommen werden musste.
    Der Kampf um die öffentliche Meinung sei ein fester Bestandteil unserer Zeit, so eine Mitarbeiterin des Ministeriums. Und letztlich wirke sich Israels internationales Ansehen auf seinen strategischen Handlungsspielraum aus. Damit meint sie auch das Vorgehen der israelischen Armee.
    „Spezialisierte Informationsplattformen“ nennt die Mitarbeiterin das, was das Ministerium betreibt. Darin fließen nach ihrer Darstellung unter anderem auch Geheimdienstinformationen ein, um Beweise für die Sicht der israelischen Regierung zu liefern.
    Informationen zusammenzutragen, sei das eine, sagt sie. Aber es gehe auch darum, sicherzustellen, dass Israels Darstellung jene Zielgruppen erreicht, die aktiv nach diesen Themen suchen. Ziel sei es, Suchergebnisse und Algorithmen von Suchmaschinen wie Google, KI-Portalen wie ChatGPT und in den sozialen Medien entsprechend zu "optimieren". Dass ihr Ministerium mit Bots oder Fake-Accounts arbeitet, weist die Mitarbeiterin entschieden zurück.

    Feature und Recherche: Jan-Christoph Kitzler, Onlinetext: Lukas Gedziorowski