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Israel
Zahl der Ultra-Orthodoxen in der Armee steigt

"Haredi" heißen in Israel die ultra-orthodoxen Juden. Seit 1998 gibt es die erste Haredim-Einheit in der israelischen Armee. Damals waren es nur ein paar Ultra-Orthodoxe. Heute sind es fast 5.000, Tendenz: steigend. Sie kommen auch, weil die sozialen Mauern, hinter denen sie gelebt haben, im Internetzeitalter durchlässig geworden sind. Und die Armee profitiert von ihnen.

Von Peter Kapern | 08.01.2016
    Israelische Soldaten patroullieren an der nördlichen israelisch-libanesischen Grenze.
    Israelische Soldaten patroullieren an der nördlichen israelisch-libanesischen Grenze. (afp / Jack Guez)
    Der junge Mann wartet auf uns in einer Baracke der israelischen Armee. Draußen auf dem Kasernengelände sieht es proper aus – blühende Blumen und zurechtgestutzte Palmen, hier drinnen eher trist. Braunes Resopal und abgewetzte Stühle. Das hier ist nicht sein Arbeitsplatz, den darf er uns nämlich nicht zeigen. Streng geheim. Soviel lässt sich sagen: Er ist Oberleutnant in einer jener israelischen Armee-Einheiten, die über einen ganz, ganz breiten Internetzugang verfügen. Auch sein Name ist geheim. Nennen wir ihn also Shlomo. Shlomo ist Anfang dreißig, spricht mit hoher Stimme, höflich und zurückhaltend. Einfach freundlich. So ganz anders als viele andere israelische Soldaten, die auftreten, als hätten sie zu häufig Bruce Willis im Kino gesehen. Shlomo ist heute, wie jeden Tag, sehr früh aufgestanden. Weit vor Dienstbeginn. Sein Start in den Tag: Anziehen, beten – und dann hat er sich für eine Stunde in das Talmud-Studium vertieft: "Heute habe ich den Mischna-Traktat "Scheidebriefe" studiert. Es ist das Blatt des Tages im Studienprogramm des Talmud. Das habe ich heute gelernt, die Rechtsvorschriften im Zusammenhang mit einem Scheidebrief." Komplizierte Sache. Es geht darum, welchen Ansprüchen ein Brief, mit dem ein jüdischer Mann seiner Frau die Scheidung mitteilt, genügen muss. Danach hat er die Kinder zu Schule gebracht und ist dann in die Kaserne gefahren.
    Shlomo ist ein Haredi, ein ultra-orthodoxer Jude. Aufgewachsen ist er in Tel Aviv, im Stadtteil Bnei Brak. Eine abgeschlossene Welt für sich. Kein Fernsehen, kein Internet. Viele von denen, die hier leben, wissen über die Welt da draußen eigentlich nur, dass es sie gibt. Die Haredi-Männer widmen ihr ganzes Leben den religiösen Studien, die Haredi-Frauen widmen ihres der Familie. Sie sind es in der Regel auch, die mit schlecht bezahlten Jobs das Geld ranschaffen. Bei Shlomo lagen die Dinge etwas anders. Er hat neben dem Thora-Studium mit 19 das Abitur gemacht, ist dann in eine Yeshiwa, eine Thora-Schule gegangen. . Mit 21 hat er geheiratet, mit 22 war er Vater. Und dann stand er vor der Frage: Wie soll er seine Familie ernähren? Viele Haredim bleiben dem traditionellen Weg treu. Die Männer studieren die Thora, die Frauen jobben, dazu ein wenig Sozialhilfe und viele Kinder. Bittere Armut ist der Preis für die Gottesfürchtigkeit – denn das heißt "Haredim" – die Gottesfürchtigen. Shlomo hat sich anders entschieden: "Zuerst habe ich mit meiner Frau darüber gesprochen. Und dann habe ich entschieden, dass der Weg zur Armee der richtige Weg ist. Es war keine einfache Entscheidung aber ich habe sie mit ruhigem Gewissen getroffen."
    Armut und Strenggläubigkeit - der Inbegriff der Ultra-Orthodoxen
    Die Widerstände, die Shlomo zu bewältigen hatte, waren eher gering. Weil seine Familie unter den Haredim eher zu den liberalen zählt. Andere Haredi haben es da viel schwieriger. Ortswechsel. Jerusalem, der Stadtteil Mea Shearim. Der Inbegriff des ultra-orthodoxen Lebens. Armut und äußerste Strenggläubigkeit. Yoelish Kroiz sitzt am Tisch in einem der beiden fensterlosen Zimmer, die er mit seiner Familie bewohnt. Die Möbel uralt, ein löchriges Sofa, ein klappriges Regal voller schwerer Folianten. Hier studiert Yoelish Kroiz. Das andere Zimmer ist das Schlafzimmer. Für ihn, seine Frau und die 17 Kinder. Yoelish Kroiz erklärt, dass die Juden seit der Vertreibung in die Diaspora im Jahr 70 nach Christus nicht mehr das Recht haben, einen eigenen Staat zu gründen. Das sei dem Messias vorbehalten. Die Schlussfolgerung liegt auf der Hand: Israel ist nach seiner Lesart kein legitimer Staat, die Armee also keine legitime Armee, und deshalb dürfen Haredim deren Uniform nicht tragen. Wer es doch tut, so Yoelish Kroiz, kommt zwangsläufig vom Weg des rechten Glaubens ab: "Langsam aber sicher, nach ein paar Monaten sind die Schläfenlocken nicht mehr die, die sie zuvor hatten, sie sind kürzer. Die Kippa wird kleiner. Ich bin der Meinung, dass es eigentlich gar keine Haredim in der Armee gibt. Wer zur Armee geht, der ist nach ein paar Monaten schon säkular." Wenn ein Junge aus Mea Shearim dennoch in Uniform hier auftaucht, wird er beschimpft und verjagt. Wenn Yoelish Kreuz davon hört, dass ein Haredi-Junge mit dem Gedanken spielt, zur Armee zu gehen, dann setzt er ihn und seine Eltern unter Druck. Oft, so sagt er, hat er damit Erfolg.
    Der Gegenspieler von Yoelish Kroiz, der heißt Jehuda Duvdevani. Hochdekorierter Ex-Offizier. Sohn eines legendären Kommandeurs im Unabhängigkeitskrieg. Selbst im Jom-Kippur-Krieg gewesen, ein Kumpel von Ariel Sharon. "Es ist unheimlich wichtig, dass die Gemeinschaft der Haredi auch wirklich ein Teil des Staates wird. Dass sie nicht einfach nur schwarz arbeiten oder Sozialhilfe nehmen, sondern dass sie dem Land auch etwas geben."
    Besonders für hochkomplizierte Aufgaben sind sie geeignet
    Ende der 1990er Jahre ist er im Stil eines Street-Workers in die Haredi-Wohnviertel gegangen. Dabei hat er festgestellt: In jeder Haredi-Familie, gibt es schwarze Schafe. Söhne, die dem monotonen Thora-Studium in der Yeshiwa nicht gewachsen sind. Drop-Outs, die sich nachts in der Stadt herumtreiben. Und die den Familien Schande bringen. Denn die Schwestern dieser schwarzen Schafe, die lassen sich bei den üblichen Heirats-Arrangements kaum noch verkuppeln. Duvdenvanis Idee: Die schwarzen Schafe zur Armee bringen, dafür den Segen des Oberrabbinats einholen und so den Eltern der Haredi-Soldaten ermöglichen, ihre Töchter wieder gut unter die Haube zu bringen. Das war ein schwieriger Weg. Bis 1998 hat es gedauert, dann hat Duvdevani die Nahal Haredim gegründet. Die erste Haredim-Einheit der israelischen Armee. Ein paar Leute nur, heute sind es 4800. Tendenz: steigend. Sie kommen nicht nur, wie Shlomo, aus Sorge um die wirtschaftliche Zukunft ihrer Familien, sondern auch weil die sozialen Mauern, hinter denen sie gelebt haben, im Internetzeitalter durchlässig geworden sind. Und die Armee profitiert von ihnen. Besonders für hochkomplizierte Aufgaben sind sie geeignet, erklärt Oberleutnant Shlomo: "Wenn wir in der Jeshiwa die Thora studieren, dann lernen wir damit auch eine besondere Form des Denkens. Wir lernen, Probleme besonders tief zu durchdringen und zu analysieren. Wir können Dinge dann wirklich bis ins feinste Detail verstehen." Vielleicht ist er ja gerade deswegen in seiner sehr, sehr geheimen Einheit gelandet.
    So oder so, auch bei der Armee kann er seine Strenggläubigkeit bewahren, sagt Shlomo. Alle Haredim bekommen besonders koscheres Essen, täglich wird die Thora auch während der Dienstzeit studiert, die Gebetszeiten werden eingehalten. Und dort, wo Haredim sind, darf nicht geflucht werden. Er bleibt Haredi, sagt Shlomo, auch mit Uniform: "Ich habe das Haredi-Dasein die ganze Zeit vor Augen, die Armee nimmt es mir nicht weg. Ich lebe es, von meiner Geburt bis zu meinem Ende"