Freitag, 17. Mai 2024

Fußball in Israel
Was der Krieg für den Profi-Fußball bedeutet

Ab Sonntag bestreitet die israelische Fußball-Nationalmannschaft innerhalb von zehn Tagen ihre vier verbleibenden Qualifikationsspiele für die EM 2024. Welche Rolle spielt der Sport für eine Gesellschaft, die sich im Krieg befindet?

Von Ronny Blaschke | 11.11.2023
RECORD DATE NOT STATED 13th October 2023 Wembley Stadium, London, England International Football Friendly, England versus Australia A Israel flag is held up by a fan PUBLICATIONxNOTxINxUK ActionPlus12564014 ShaunxBrooks
Bei internationalen Fußballspielen bekunden Fans immer wieder entweder ihre Unterstützung für Israel oder für Palästina. (IMAGO / Action Plus / IMAGO / Shaun Brooks)
Zwei Fußball-Mannschaften stehen im Spielertunnel des Bloomfield-Stadions von Tel Aviv. Blitzlichter flackern. Die Spieler in roten Trikots greifen nach den Händen der Kinder, die sie auf den Rasen begleiten. Die andere Mannschaft, gekleidet in den israelischen Landesfarben Blau und Weiß, steht allein da.
Diese Szenen gehören zu einem Video, das der israelische Fußballverband veröffentlicht hat. Dazu eine Mitteilung: „Unsere Kinder werden vermisst. Die Hamas hat sie entführt – aus ihren Betten und ihren Häusern.“
Seit dem Terrorangriff der Hamas ist das Sportliche in Israel in den Hintergrund gerückt. Die nationalen Fußballligen pausieren. Stattdessen beteiligen sich Spieler an Initiativen von Staat und NGOs, erzählt der israelische Journalist Yossi Medina von der Fußball-Internetplattform Babagol:
„Die Teams besuchen Verletzte in den Krankenhäusern und treffen sich mit Menschen, die nach dem Angriff ihre Häuser verlassen mussten. Sie helfen dabei, Lebensmittel und Spenden zu sammeln. Und einige von ihnen trafen sich auch mit Soldaten.“

Ehemaliger Profi unter den Opfern

Laut dem Nationalen Olympischen Komitee Israels sind beim Angriff der Hamas 17 israelische Sportler getötet worden. Und auch der ehemalige Profifußballer Lior Asulin wurde ermordet. In den Wochen seit dem Angriff beteiligen sich nun auch die großen israelischen Fußballklubs an den Gedenkaktionen, sagt Yossi Medina:
„In den Dörfern an der Grenze zu Gaza lebten viele Fans von Hapoel Tel Aviv, sie gelten politisch eher als links. Etliche von ihnen wurden von der Hamas ermordet. Die Anhängerschaft setzt sich nun für ein würdiges Andenken ein, zum Beispiel mit eindrucksvollen Graffitis im Stadtbild von Tel Aviv.“  
Rund 20 Prozent der israelischen Bevölkerung sind arabischer Herkunft. Nach dem Überfall der Hamas verlangten konservative Medien in Israel insbesondere von arabischen Nationalspielern ein Bekenntnis zum jüdischen Staat. Einer von ihnen, Dia Saba, wurde von Fans kritisiert, weil seine Frau mehr Mitleid für Kinder in Gaza forderte. Dia Saba entschuldigte sich, doch er fehlte am Donnerstag beim Spiel seines Klubs Maccabi Haifa in der Europa League gegen Villareal.
Von anderen arabisch-israelischen Spielern ist in der Öffentlichkeit wenig über den Krieg zu hören, sagt der israelische Historiker Moshe Zimmermann:
„Die Haltung in Israel ist sowieso nationalistisch-jüdisch. Also jetzt zählt eine Art von Zusammensein. Also in dem Moment, wo jemand etwas Kritisches sagt, und dazu noch ein israelischer Araber ist, dann fliegt er aus dem Kader.“

Drohungen gegen israelischen Stürmer

In Israel hält die Fußballgemeinde weitgehend zusammen, doch in den europäischen Ligen zeigt sich ein ganz anderes Bild. Bei Celtic Glasgow schwenken Ultras seit Jahren palästinensische Fahnen, auch bei einem Spiel am 7. Oktober, als der Terror in Israel noch gar nicht absehbar war.
Darüber zeigte sich der israelische Spieler Liel Abada, der seit 2021 für Celtic spielt, tief enttäuscht. Im Zuge der israelischen Militäroffensive in Gaza forderten einige Celtic-Fans sogar die Entlassung Abadas.
Auch in Spanien kochen die Emotionen hoch. Der israelische Stürmer Shon Weissman, der für Granada spielt, soll für feindselige Posts gegen Palästinenser angezeigt worden sein. Weissman erhielt daraufhin massive Drohungen, berichtet Reporter Yossi Medina:
"Weissman konnte für Granada nicht am Auswärtsspiel gegen Osasuna teilnehmen. Denn die lokale Polizei hat Sicherheitsbedenken geäußert.“

Israelische Spieler boykottieren die Spiele ihres türkischen Klubs

Nochmal anders ist es in der Türkei, wo sich Präsident Erdoğan scharf von Israel abgrenzt. Auch die türkische Profiliga bekundete mit Aktionen ihre Solidarität mit den Palästinensern, unter anderem mit Schweigeminuten und Bannern.
Weil der Terror der Hamas dabei nicht erwähnt wurde, boykottierten die israelischen Spieler Ramzi Safouri und Sagiv Jehezkel ein Spiel mit ihrem Klub Antalyaspor. Israelische Medien berichteten darüber ausführlich, sagt Moshe Zimmermann:
„Schön patriotisch. Also das ist die stolze Haltung eines stolzen israelischen Fußballers. Also man versucht hier, auch immer wieder zu betonen, wie ungerecht die Welt mit uns umgeht. Und da hat man im Sport die Beispiele, die auch gut beim ,gemeinen Volk‘, in Anführungszeichen, ankommen.“

Heimspiele in der Fremde

In der aktuellen EM-Qualifikation bestreitet Israel die beiden Heimspiele gegen die Schweiz und Rumänien nicht zu Hause, sondern in der ungarischen Kleinstadt Felcsút. Dort hoffen die Uefa und der israelische Verband auf ein geeignetes Umfeld für die hohen Sicherheitsvorkehrungen.
Doch die Partien dürften auch nach Ungarn verlegt worden sein, weil Israels Premierminister Benjamin Netanjahu gute Beziehungen zum ungarischen Premier Viktor Orbán unterhält:
„Manchmal gibt es sogar einen Zwist zwischen Netanjahu und dem israelischen Botschafter in Ungarn. Also wo der israelische Botschafter in Ungarn etwas Antisemitismus wittert, da versucht ihn Netanjahu zu überrumpeln.“
Die Nationalspieler, die bei israelischen Klubs unter Vertrag stehen, haben in den vergangenen Wochen kaum Spiele bestritten. Und trotzdem kann sich die israelische Nationalmannschaft nun für die Europameisterschaft 2024 in Deutschland qualifizieren. Es wäre ihre erste EM-Teilnahme in der Geschichte.