Montag, 28. November 2022

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Italien
Beppe Grillos Jagd auf den Killer-Journalismus

Roms Bügermeisterin Virginia Raggi war angetreten, die Regierungsfähigkeit von Beppo Grillos Fünf-Sterne-Bewegung zu demonstrieren. Doch stattdessen sorgt sie fast täglich für schlechte Presse. Grillo macht dafür einen Killer-Journalismus verantwortlich. Nun stellt er besonders verhasste Medienvertreter gezielt an den Pranger.

Von Jörg Seisselberg | 23.02.2017

    Beppe Grillo, der Anführer der "5-Sterne"-Bewegung, wirbt am 2. Dezember 2016 in Turin für ein "Nein" beim Referendum über eine Verfassungsreform in Italien.
    Beppe Grillo, Anführer der "5-Sterne"-Bewegung, hier bei einer Veranstaltung zumVerfassungsreferendum im vergangenen Dezember (dpa / picture alliance / ANSA / Alessandro Di Marco)
    Für Beppe Grillo, den Chef der Fünf-Sterne-Bewegung, ist er derzeit der politische Hauptgegner. Mario Calabresi steht in seinem Büro im siebten Stock, unter ihm der Verkehr der zehnspurigen Via Cristoforo Colombo, dahinter die grünen Pinienwälder der Appia Antica. Giornalismo killer, Killerjournalismus - dieser Vorwurf Grillos gilt in erste Linie Calabresi, dem Chefredakteur der Repubblica, einer der beiden größten Zeitungen Italiens. Die Kriminalisierung der Journalisten hat schon etwas Dramatisches in dieser Phase
    Killerjournalismus - ein besonders verletzender Vorwurf an die Adresse Calabresis. Denn ganz Italien weiß, dass Calabresis Vater eines der prominentesten Opfer der Roten Brigaden war, in den 70er Jahren von links-terroristischen Killern erschossen wurde. Persönlich habe er keine Angst, sagt Calabresi. Es sei aber unverantwortlich, wie die Fünf-Sterne-Bewegung - nach einigen Umfragen derzeit stärkste Partei Italiens - die politische Aggression im Land anheize.
    Du kannst nicht sagen, die Journalisten sind "Killer", der Journalismus hat versucht, unsere Bewegung "umzubringen". Denn wir alle wissen - und ich speziell aus meiner persönlichen Geschichte -, dass dieses Land eine Tradition politischer Gewalt hat.
    Wie die Stimmung unter den italienischen Wutbürgern ist, ließ sich vor Kurzem auf dem Platz vor dem Parlament beobachten. Alessandro di Battista, einer der bekanntesten Abgeordneten der Fünf-Sterne-Bewegung, wetterte vor protestierenden Kaufleuten mit sich überschlagender Stimme gegen Journalisten. Als Reaktion rufen einige der Demonstranten: Wir werden sie umbringen.
    Eure Wut ist auch meine. Seit vier Jahren, seit wir im Parlament sind, erleiden wir alle möglichen Sachen, vor allem vom Mediensystem, weil wir nie Kompromisse eingegangen sind.
    "Li ammazziamo noi" - wir werden sie umbringen. Auch der Chef der italienischen Journalistengewerkschaft, Giuseppe Giulietti, zeigt sich beunruhigt.
    Die Sprache des Hasses vergiftet alles. Man kann die radikalste Kritik aussprechen, aber wir brauchen keine Flüche, keine Aggression. Es ist Zeit, sich dem entgegenzustellen.
    Kriegserklärung der Fünf-Sterne-Bewegung an die Presse?
    Grillo, dessen Internetseite noch aus seiner Zeit als Komiker zu den meistgeklickten in Europa gehört, hat mittlerweile eine politische Fingerübung daraus gemacht, ihm besonders verhasste Medienvertreter gezielt an den Pranger zu stellen.
    Grillo greift Journalisten mit Namen und Vornamen an. Letzte Woche war ich dran. Er schreibt am Morgen einen Post und ruft alle dazu auf, diesen Journalisten zu attackieren. Du bekommst dann Tausende Nachrichten auf Twitter, Facebook und via Mail von Personen, die Dich beleidigen, Dir sagen, Du solltest Dich schämen und so weiter.
    Virginia Raggi während einer Pressekonferenz in Rom.
    Roms Bügermeisterin Virginia Raggi sieht sich heftiger Kritik durch die Medien ausgesetzt, (picture-alliance/ dpa / Alessandro Di Meo)
    Calabresi Schuld aus der Sicht Grillos: Seine Zeitung La Repubblica berichtet kritisch über Roms Bürgermeisterin Virginia Raggi, die der Fünf-Sterne-Bewegung angehört und gegen die die Staatsanwaltschaft unter anderem wegen Amtsmissbrauch ermittelt.
    Calabresi glaubt, dass die Kriegserklärung der Fünf-Sterne-Bewegung gegen ihn und andere Journalisten vor allem mit dem Kommunikationsschema Grillos zu tun hat. Der Populisten-Anführer verbreitet seine Botschaften mit Posts und Videos über das Internet.
    Journalisten, so Calabresi, wolle Grillo nicht dazwischen haben - weil diese mit ihrem Recherchehintergrund kritische Fragen stellen, auf die meisten Bürger nicht kommen. Wären die Journalisten mundtot, sagt der Repubblica-Chef, würde die kommunikative Einbahnstraße der Populisten ungestört funktionieren.