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StartseiteTag für TagBeten nach dem Beben10.11.2016

ItalienBeten nach dem Beben

Viele Basiliken und Kirchen in den italienischen Erdbebengebieten sind zerstört. Dass sie wieder aufgebaut werden, ist unwahrscheinlich. Die wenigen modernen und stabilen Kirchen dienen als Notunterkünfte. Geologen und Kirchenmänner erwarten weitere Erdstöße und machen den Politikern schwere Vorwürfe.

Von Thomas Migge

Die vom Erdbeben zerstörte Basilika in Norcia (ALBERTO PIZZOLI / AFP)
Die vom Erdbeben zerstörte Basilika in Norcia (ALBERTO PIZZOLI / AFP)
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Sie stürzte am 30. Oktober ein, wie ein Kartenhaus – mit einem Geräusch, das einem durch Mark und Bein ging. Die Kirche San Salvatore in Campi di Norcia aus dem frühen 15. Jahrhundert war ein kunsthistorisches Juwel – mit Dutzenden von Quadratmetern Wandmalereien aus der Renaissance. Jetzt ist das Gotteshaus nur noch eine Ruine, die Tag und Nacht von Ordnungskräften bewacht wird, weil man befürchtet, dass Diebe Reste der Fresken rauben könnten, um sie auf dem Kunstmarkt zu verkaufen.

"In einer TV-Liveschaltung am gleichen Tag stürzten Teile der mächtigen Fassade der Basilika des Heiligen Benedikt in Norcia zu Boden. Die im 12. Jahrhundert errichtete und in späteren Jahrhunderten ausgebaute Kirche ist dem Ordensgründer der Benediktiner gewidmet. Sie soll genau an jener Stelle errichtet worden sein, in der sich im späten fünften Jahrhundert das Geburtshaus des Heiligen Benedikt befand. Eine wichtige Pilgerkirche, von der jetzt nur noch die beschädigte Fassade und einige Seitenmauern stehen. Der große Rest ist zusammengestürzt."

Nur einige liturgische Gegenstände gerettet

Auch die spätmittelalterliche Kirche Madonna della Peschiera in Preci ist zerstört – wie fast die gesamte kleine Ortschaft im Erdbebengebiet. Don Luciano Avenati zelebriert aber nach wie vor seine Gottesdienste. Jeden Tag unter freiem Himmel, auch wenn es regnet. Vor der mit Rissen durchzogenen Fassade seiner Kirche hat er einen alten Tisch zum provisorischen Altar umfunktioniert. Hier wird die Messe gefeiert – mit jenen wenigen Gemeindemitgliedern, die noch nicht das Weite gesucht haben, aus Angst vor weiteren Erdbeben.

Don Luciano Avenati: "Nach dem letzten schweren Beben am 30. Oktober lief ich gleich in die Kirche, in das, was von ihr geblieben ist, und da wurde mir klar, dass hier fast alles zerstört ist. Doch wir konnten einige liturgische Gegenstände retten."

Einstürzende Kirchen

Seit dem 24. August bebt es im Apennin. Weitere schwere Beben erwarten die Geologen, denn die afrikanische Erdplatte, die sich unter die europäische schiebt, wird Mittelitalien keine Ruhe lassen. So viel steht fest. Mindestens 100 kunsthistorisch bedeutende Kirchen sind komplett oder teilweise zerstört oder momentan aus statischen Gründen unzugänglich. Gotteshäuser vor allem aus der Periode des Mittelalters bis zum Barock. Gebäude, die für die ländliche und deshalb recht gläubige Bevölkerung des Apennins Zentren des lokalen Lebens waren – weshalb einstürzende Kirchen in Italiens Erdbebengebieten immer viel mediale Aufmerksamkeit erregen.

Regierungschef Matteo Renzi versprach, sämtliche zerstörte Ortschaften komplett zu rekonstruieren. Der Sozialdemokrat bezog sich auch auf die beschädigten Kirchen, wie etwa die Basilika des Heiligen Benedikt in Norcia:

"Ohne Norcia und die Kirche des Heiligen Benedikt, der ja der Schutzheilige Europas ist, ist unser Kontinent weniger schön. In diesem schwierigen Moment hat Europa sein Zentrum in Norcia".

Fehlende Geldmittel

Große Worte. Aber ob der italienische Staat und die italienische Bischofskonferenz das Geld haben werden, um alle von den Erdbeben betroffenen Kirchen nicht nur zu restaurieren, sondern sie auch komplett zu rekonstruieren, muss bezweifelt werden. Sicherlich wird man bedeutende Gotteshäuser wie die Benedikt-Basilika in Norcia restaurieren, aber auch dieses Projekt steht in den Sternen. Nicht nur wegen möglicherweise fehlender Geldmittel, sondern wegen des Untergrunds. Dazu der Geologe Giuliano Milana vom Nationalen Erdbebeninstitut:

"Dieses Gebiet Italiens ist seit jeher von Erdbeben gekennzeichnet, doch wenn jetzt, so unsere Vermutung aufgrund der Vielzahl großer Beben, die Erdplatte auseinanderbricht, dann muss mit weiteren katastrophalen Vorfällen gerechnet werden".

Dass also die etwa 22.000 obdachlos gewordenen Italiener in den nächsten Jahren in ihre aus den Trümmern wiederauferstandenen Häuser zurückkehren und in ihren rekonstruierten Kirchen Gottesdienste feiern können, ist Geologen zufolge eher unwahrscheinlich.

Die Mitschuld der Politiker

Doch die Experten stellen nicht nur düstere Zukunftsaussichten, sondern machen den politisch Verantwortlichen auch schwere Vorwürfe: Die Zerstörung bedeutender Kirchen wie der Benediktbasilika in Norcia hätte verhindert werden können. Das meinen nicht nur Geologen, sondern auch Geistliche. Für Renato Boccardo, Bischof von Spoleto und Norcia, tragen die Politiker eine große Mitschuld an den Zerstörungen. Hätte man rechtzeitig - wohlwissend, und das nicht erst seit gestern, dass man sich in einem akuten Erdbebengebiet befindet - ingenieurtechnische Vorbereitungen getroffen, wären viele Kirchen nicht eingestürzt.

Bischof Boccardo: "In ganz Norcia kann keine Kirche mehr benutzt werden. Alle sind beschädigt oder zerstört. Mit den seit Jahren bekannten Methoden zum Absichern historischer Gebäude hätte man das Schlimmste verhindern können. Wir suchen jetzt händeringend nach Orten, wo die Menschen, die hier noch leben, in Wohnhäusern oder Notunterkünften, ihre Messen feiern können."

Die wenigen modernen und erdbebensicheren Kirchen, die bei den jüngsten Erdstößen nicht beschädigt wurden, wurden in den vergangen Tagen zu Notunterkünften umgewandelt. Wie etwa in der schwer zerstörten Ortschaft Tolentino. Dort hat der katholische Geistliche Sergio Fraticelli in seiner Kirche 220 obdachlos gewordene Bürger aufgenommen. In dem Gotteshaus geht es nun sehr lebendig zu: Auf Gasöfen wird gekocht, an langen Klapptischen gegessen, auf Hunderten von Matratzen geschlafen, Kinder spielen Ball, man wäscht sich an Bottichen - und jeden Morgen und Abend wird vor vollem Haus der Gottesdienst zelebriert.

 

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