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StartseiteHintergrundNicht alles im Argen30.06.2014

Italien vor der Ratspräsidentschaft Nicht alles im Argen

Mit Italien übernimmt am 1. Juli ein Land die EU-Ratspräsidentschaft, das mit vielen Problemen kämpft - von der hohen Jugendarbeitslosigkeit bis hin zur überbordenden Bürokratie. Doch es gibt auch in Krisenzeiten ermutigende Beispiele: Alte helfen den Jungen, Aktivisten engagieren sich für den Erhalt der Kultur und Akademiker stemmen sich gegen die Perspektivlosigkeit.

Von Jan-Christoph Kitzler

Die Flaggen Italiens und der Europäischen Union (EU) wehen über dem Eingang eines Gebäudes in Rom, (dpa / Soeren Stache)
Viele Italiener sehen die EU-Ratspräsidentschaft kritisch. (dpa / Soeren Stache)
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Weiterführende Information

Jugendarbeitslosigkeit: Italien kurz vor der EU-Ratspräsidentschaft (Deutschlandfunk, Europa heute, 30.06.2014)

Italien und die EU: "Spielraum für Investitionen schaffen" (Deutschlandfunk, Interview mit Laura Garavini, 25.05.2014)

EU-Stabilitätspakt: Italien will Schuldengrenze aufweichen (Deutschlandfunk, Europa heute, 20.06.2014)

Wie steht es um Italien? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, kann man sich an das ISTAT wenden, die italienische Statistikbehörde. "La situazione del Paese", "Die Situation des Landes", heißt der jährliche Bericht, den sie veröffentlichen. In diesem Jahr sind es 280 Seiten voller Zahlenkolonnen und Grafiken über die Jungen, die Alten, über die Familien oder die Wirtschaft, über Kaufkraft, Demographie, Arbeitsmarkt. Man kann sich aber auch mit Menschen treffen, die aus Ihrem Leben erzählen. Daraus wird keine amtliche Statistik, sondern daraus werden fünf Einzelaufnahmen, die sich zu einem Gesamtbild fügen.

Die Politikerin

Das Abgeordnetenhaus liegt mitten in der römischen Altstadt. Das Gebäude wird schwer bewacht, denn immer wieder gibt es Demonstrationen auf dem Platz davor. "La Casta" - die "Kaste" - nennen die Demonstranten die, die drinnen sitzen. Der Politikbetrieb ist in den Augen vieler Italiener zu einem Selbstbedienungsladen verkommen, unfähig, die Probleme des Landes zu lösen.

Drinnen hat Laura Garavini gerade die deutsch-italienische Parlamentariergruppe wiederbelebt, heute leitet sie eine Konferenz mit dem deutschen Staatsminister im Auswärtigen Amt, Michael Roth.

Laura Garavini (rechts) bei einer Konferenz im italienischen Parlament. Michael Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt (Mitte), Sandro Gozi, Unterstaatssekretär, verantwortlich für Europapolitik (links). (Deutschlandradio / Jan-Christoph Kitzler)Laura Garavini (r.) bei einer Konferenz im italienischen Parlament. Michael Roth, Staatsminister im Auswärtigen Amt (Mitte), Sandro Gozi, Unterstaatssekretär, verantwortlich für Europapolitik (l.). (Deutschlandradio / Jan-Christoph Kitzler)

 

"Ich bin Laura Garavini, Abgeordnete im italienischen Parlament. Ich besitze sowohl die deutsche als auch die italienische Staatsangehörigkeit, weil ich seit über 20 Jahren in Deutschland lebe. Ich bin aber für die Sozialdemokratische Partei Italiens, Partito Democratico, also die Schwesterpartei der SPD, gewählt worden von den Italienern, die in Europa leben."

Das ist ihre zweite Legislaturperiode im Abgeordnetenhaus. Laura Garavini sitzt im Auswärtigen- und im Anti-Mafia-Ausschuss und ist Mitglied im Fraktionsvorstand. Das bringt gewisse Vorteile: Ihr Büro ist zwar nicht besonders groß und eher spartanisch eingerichtet, aber immerhin ihres:

"Als normaler Abgeordneter teilt man sich ein Büro mit einem Kollegen, hat kein Sekretariat, und je nachdem kann der Abgeordnete entscheiden, ob er Mitarbeiter einstellt oder nicht, auf seine eigenen Kosten. Ich hatte am Anfang drei Mitarbeiter, aber im Nachhinein habe ich mich leider von ihnen teilweise trennen müssen, weil ich mir das nicht leisten konnte."

Den Vorwurf, italienische Politiker seien die bestbezahlten in Europa, lässt sie nicht gelten, denn Bundestagsabgeordnete zum Beispiel bekommen ihre Mitarbeiter vom Parlament bezahlt.

Bei den Terminen, die sie wahrnimmt, schlägt ihr mitunter regelrechter Hass entgegen. Die allermeisten Italiener halten nicht viel von ihren Politikern. Laut Meinungsforschungsinstitut Eurispes haben mehr als 73 Prozent kein Vertrauen in die staatlichen Institutionen. In das Parlament haben sogar fast 90 Prozent kein Vertrauen. Politikverdrossenheit ist da noch ein harmloses Wort. Laura Garavini, deren Partei mit Matteo Renzi gerade den Ministerpräsidenten stellt, erklärt das mit Problemen der Vergangenheit:

"Es ist wenigstens 20 Jahre lang eine schlechte Politik gemacht worden. Aufgrund der wirtschaftlichen Krise, die auch Italien betrifft, sind die Probleme einfach unheimlich gewachsen. Und es ist klar, dass man nicht alles von heute auf morgen lösen kann. Dazu kommt eben die Tatsache, dass die Kredibilität der Politik dadurch unheimlich gelitten hat und Politikverdrossenheit massiv gestiegen ist. Das sind alles Faktoren, die das Ganze noch schwieriger machen."

Matteo Renzi inszeniert sich jetzt als zupackender Reformer. Jeden Monat, so hat er nach seiner Ernennung zum Ministerpräsidenten im Februar angekündigt, solle es eine neue Reform geben. Eine Reform des politischen Systems, der gefürchteten italienischen Bürokratie, des Arbeitsmarkte.

Jetzt dauert alles doch etwas länger, als der jugendliche Renzi versprochen hat. Geringverdiener haben seit Mai 80 Euro mehr in der Tasche, das soll den Konsum ankurbeln. Die Provinzen mitsamt ihren Parlamenten und den vielen Versorgungsposten für Lokalpolitiker wurden abgeschafft. Der Staat hat begonnen, offene Rechnungen zu bezahlen, die viele kleine und mittlere Betriebe in die Pleite gestürzt haben.

Der Wissenschaftler

Den Blick fest auf Europa gerichtet hat auch Michele Bolla Pittaluga: In Italien sieht der junge Wissenschaftler keine Perspektiven. Deshalb hat er jetzt einen Job in Den Haag angenommen.

Tränen fließen heute in einer Schule in Genua. Maria muss sich von ihren Klassenkameraden verabschieden. Es ist ihr letzter Schultag hier – das neue Schuljahr wird Micheles Tochter in den Niederlanden beginnen.

Bolla Pittaluga: "In Italien passiert das oft: Man wird in einer Stadt geboren, besucht dort die Uni und sucht sich dann in derselben Stadt Arbeit. Ich bin in Genua geboren, habe hier studiert, mein Doktorat gemacht und habe dann hier meine Anstellung gefunden. Das war jetzt sicher eine schwere Entscheidung für die Familie, doch sie macht gern mit bei diesem Abenteuer."

Die Bollas müssen ihre Sachen packen, die ganze Familie wird umziehen: Michele, seine Frau und die vier Kinder. Dabei ist es für den gelernten Ingenieur bislang ziemlich gut gelaufen:

"Ich hatte das Glück, relativ schnell angestellt zu werden. Ich bin Forscher mit Festanstellung und Doktorat. Doch abgesehen von dem anfänglichen Glück, ist mir klar geworden, dass es sehr schwer ist, hier Karriere zu machen, und sehr oft hat das nichts mit dem eigenen Können zu tun."

Womit wir bei der Poltrona wären, dem Versorgungsposten. An den italienischen Universitäten laufen viele Stellenbesetzungen über Seilschaften. Und oft kommen nicht die Besten nach oben, sondern die, die die mächtigsten Fürsprecher haben, oder figlio di... sind, Sohn oder Tochter von einem, der Macht hat. Auch das hat den Ausschlag gegeben für Micheles Entscheidung:

"Erstens sicher die fehlende Perspektive. In meinem Fall und in vielen anderen weiß man nicht, ob und wann es Geld geben wird für höhere Posten. Der akademische Bereich wird Jahr für Jahr kleiner, weil nur ein Teil der Professoren, die in Rente gehen, ersetzt werden."

Mittags kommt Michele meist nach Hause: um seine Kinder zu sehen, und auch weil Federica, seine Frau, arbeitet. Ihr Gehalt als Ärztin wird dringend gebraucht. Der anstehende Umzug war am Ende eine finanzielle Frage: Michele, der gelernte Ingenieur, ist an der Universität Genua Ricercatore, also eine Stufe unter dem Professor. Er hat schon in den USA geforscht, in Spanien und in Schottland. Aber Chancen, selber Professor zu werden, sieht er erst einmal nicht:

"Ich gehe jeden Morgen mit großer Lust zur Arbeit. Die Depression setzt erst ein, wenn ich mein Bankkonto anschaue und mir klar wird, dass das bis zum Monatsende nicht reichen wird. Im Vergleich zum Rest der Welt geht es uns in Italien schlecht. Und wenn dann Arbeitsangebote kommen, wie in meinem Fall, bei denen Du fünfmal so viel verdienst wie jetzt, für mehr oder wenig dieselbe Arbeit, klar, dann nimmt man seine Sachen und geht."

"Fuga dei cervelli" nennen sie das hier, "Flucht der Gehirne", neudeutsch Braindrain. In den letzten fünf Jahren haben 94.000 Italiener zwischen 15 und 35 das Land verlassen. Zumindest offiziell. Unter ihnen viele Akademiker wie Michele. Bei einer Jungendarbeitslosigkeit von zurzeit mehr als 46 Prozent ergreift, wer kann, die Flucht. Für Michele aber ist das eine Flucht mit Rückversicherung. Für ein paar Jahre kann er unbezahlten Urlaub nehmen, und wenn er dann zurückkommt, stehen seine Chancen an der Uni hoffentlich besser.

"Ich steige für maximal drei Jahre aus und hoffe, dass sich in den drei Jahren etwas ändert und dass ich in der Zwischenzeit Kontakte knüpfe und qualifizierter bin, um mich wieder in die akademische Welt eingliedern zu können."

Die Rentnerin

Elvira Guida ist Rentnerin. Sie lebt in einer guten Gegend in Rom. Die Wohnung ist voller Bücher und gehört ihr. Das ist nichts Besonderes: Mehr als 80 Prozent der italienischen Familien wohnen im Eigenheim. 38 Jahre lang hat Elvira als Psychologin gearbeitet, mit ihrer Rente kommt sie gut klar, auch weil sie nicht viel ausgibt, wie sie sagt. Vermutlich geht es Elvira Guida besser als vielen anderen Rentnern in Italien, aber trotzdem steht sie exemplarisch für die vielen Italiener der älteren Generation:

"Meine Töchter haben es ziemlich schwer, auch weil sie recht fordernde Berufe haben. Eine ist Physikerin und die andere Ärztin. Sie sind beide sehr beansprucht. Sie schaffen es, aber ich helfe, wo ich kann - als Babysitter und auch anders."

Mehr als die Hälfte der italienischen Großeltern hilft ihren Söhnen und Töchtern bei der Kinderbetreuung. Elvira Guida selbst hat immer gearbeitet, seit sie denken kann. Besonders nach der Scheidung war das nötig – sie musste ihre Familie durchbringen. Seit fast zehn Jahren ist die zierliche Frau mit den roten Haaren schon in Rente. Jetzt hat sie die Zeit, ihren vier Enkeln zwischen fünf und zwölf Jahren das zu geben, was sie ihren eigenen Kindern damals nicht geben konnte.

"Sie kommen jeden Tag zum Mittagessen zu mir. Das ist mir sehr wichtig. Sie würden sonst Pizza auf dem Nachhauseweg essen oder ungesundes Zeug zu Hause. Ich erfinde jeden Tag besondere Gerichte, und sie lernen so, richtig zu essen. Das ist nicht nebensächlich. Mir sind einige Werte wichtiger geworden, die mir früher nicht so viel bedeuteten."

Italien ist mit inzwischen fast 17 Millionen Rentnern eine immer älter werdende Gesellschaft. Die Geburtenrate ist nur wenig höher als die in Deutschland. Auch weil es Familien schwer haben, gleichzeitig zu arbeiten und Kinder zu haben. Deshalb tragen die Großeltern, tragen Frauen wie Elvira Guida die Last der Betreuung. Auch in Italien wird das Versprechen ewigen Wachstums nicht mehr eingelöst. Die junge Generation, die gerade unter der Krise leidet, unter fehlenden Perspektiven und der Jugendarbeitslosigkeit ist auch hier die erste seit Jahrzehnten, der es nicht besser geht als ihren Eltern.

Was in Italien funktioniert, sind die Hochgeschwindigkeitszüge. Die fast 600 Kilometer von Rom nach Mailand schafft man in weniger als drei Stunden. Zum Glück geht es in den Norden – in den strukturschwachen Süden, den Mezzogiorno, fahren diese Züge nicht.

Der Unternehmer

In einer kleinen, feinen Straße in der Mailänder Innenstadt hat das Modehaus Kiton seit Anfang des Jahres sein Geschäft, eher eine Repräsentanz. Selbst am Sonntag werden hier edle Anzüge und Hemden verkauft. Schwere, dunkle Limousinen fahren vor, die Kunden kommen aus aller Welt. Üblicherweise macht man einen Termin, wenn man hier einkaufen will.

In aller Kürze stellt sich Antonio De Matteis vor, der Geschäftsführer. Kiton, das neapolitanische Unternehmen, produziere höchste Qualität, sagt er.

Antonio De Matteis, Geschäftsführer Kiton,im Showroom von Mailand aufgenommen. (Deutschlandradio / Jan-Christoph Kitzler)Antonio De Matteis, Geschäftsführer Kiton (Deutschlandradio / Jan-Christoph Kitzler)Oben im zweiten Stock gibt es einen Verkaufsraum, groß wie eine Bahnhofshalle. An diesem Sonntag ist gerade wenig los. Das Ambiente von Luxus und Exklusivität hat viel Raum, um zu beeindrucken. Mittendrin der Unternehmens-Chef. Heute berät auch er die Kunden:

"Heute ist Sonntag und ich bin im Showroom und nicht am Meer. Ich warte auf meine Kunden, spreche mit ihnen, finde heraus, was sie brauchen - das machen alle Unternehmer so. Das ist nichts Besonderes, sondern ganz normal. Wir arbeiten aus Leidenschaft. Die Leidenschaft ist sehr wichtig."

Antonio De Matteis trägt – natürlich - einen eleganten Anzug mit gelber Krawatte. Er hat einen engen Zeitplan. Gleich, so sagt er, komme noch "il presidente" vorbei. Die Zeit für ein paar knappe Antworten nimmt er sich dennoch. Die Anzüge von Kiton zählen zu den teuersten der Welt, mit Preisen ab 5.000 Euro aufwärts. Die Maßanzüge sind deutlich teurer. Während anderen italienischen Unternehmen regelmäßig vorgeworfen wird, sie würden nicht oder zu wenig investieren, hat Kiton in den vergangenen Jahren genau das Gegenteil getan. In Arzano, einem Vorort von Neapel, hat Kiton eine Schneiderschule gebaut:

"Sicherlich war die Schneiderschule das größte Investment, das Kiton in den letzten 15 Jahren machen konnte. Das war sehr wichtig und hat unsere Belegschaft und unsere Handwerkskunst deutlich verjüngt. Im Jahr 2000 betrug das Durchschnittsalter unserer Arbeiter noch 55 Jahre, heute ist es 36 Jahre. Das war eine ungeheure Arbeit - und mit viel Stolz arbeiten wir weiter daran."

1956 wurde Kiton in Neapel gegründet, inzwischen sind in Italien 780 Arbeitsplätze entstanden. Etwa 20.000 Anzüge entstehen pro Jahr in Handarbeit. Ein Großteil der Stoffe wird in der firmeneigenen Weberei gefertigt. Alle Arbeitsschritte bis zum fertigen Anzug geschehen in Italien. Die Produktion ins Ausland zu verlegen, käme für De Matteis nie infrage - trotz der schwierigen Bedingungen in seinem Land.

"Obwohl wir in Italien sind, haben wir diesen großen Erfolg. Italien hat viele Menschen, die Lust haben zu arbeiten und die alles für ihre Unternehmen geben. Und dann gibt es aber noch einen kleinen Prozentsatz, der alles zerstört, was wir tagtäglich aufbauen. Es ist die Politik."

An der italienischen Politik lässt der Unternehmer kein gutes Haar. Italien müsste seine Werte besser verkaufen, müsste investieren in Kultur und Infrastruktur, damit die Unternehmen es leichter haben. Stattdessen hat De Matteis das Gefühl, die Politik lege denen Steine in den Weg, die etwas bewegen wollten:

"Die Politiker sollten anfangen zu arbeiten. Das habe sie noch nie getan, bisher haben sie nur gestohlen. Sie müssen ARBEITEN, jeden Tag. Sie sollten ins Ausland gehen und gucken, wie es die anderen machen. Wir haben Neapel, eine wunderbare Stadt. Es reicht, nach Barcelona zu gehen, da kann man kann begreifen, was Neapel brauchte, um besser zu werden. Man muss sich nur umgucken und tagtäglich arbeiten - so wie wir das machen."

Die Kultur-Aktivistin

Francesca Romana De Santis, Schauspielerin und Aktivistin (Deutschlandradio / Jan-Christoph Kitzler)Francesca Romana De Santis, Schauspielerin und Aktivistin (Deutschlandradio / Jan-Christoph Kitzler)

 

Das Teatro Valle ist das älteste bespielte Theater in der italienischen Hauptstadt, in der Nähe des Pantheons und der Piazza Navona. Aber dass hier jeden Tag noch gespielt wird, verdankt dieses Haus einer radikalen Aktion vor drei Jahren.

Francesca Romana De Santis: "Am 14. Juni 2011 ist eine Gruppe von Leuten herein gekommen. Das Theater war die Woche zuvor geschlossen worden. Es war Sommerpause, es gab kein Programm für die nächste Saison. Man munkelte so einiges. Die Leute sagten, Kultur sei lebensnotwendig wie Luft und Wasser."

Unter den ersten Besetzern waren junge und alte Theaterleute, die ein sterbendes Haus retten wollten. Francesca Romana De Santis hat seitdem eine neue Berufung. Die junge Frau mit den schwarzen Locken ist von der Schauspielerin, zur Aktivistin geworden – und im besetzten Teatro Valle so eine Art Mädchen für alles:

"Ich kümmere mich um die künstlerischen Projekte, ich kontaktiere die Künstler, organisiere die Abende, ich mache alles. Wenn man sauber machen muss oder jemand an der Tür stehen soll, auf der Bühne. Ich kenne mich etwas aus mit der Bühnentechnik, kann beim Bühnenbild helfen. Aber ich bin keine Schauspielerin mehr. Das fehlt mir sehr."

Aber dafür ist in diesem Haus viel mehr Leben als in einem normalen staatlichen Theater. 200 Vorstellungen gibt es im Jahr, jede Woche werden Filme gezeigt, gibt es Konzerte. Jeder, der das sehen will, zahlt so viel er kann. Gerade wird für die nächste Vorstellung geprobt, ein Musical einer ungarischen Künstlerin.

Dazu kommen Schauspielkurse, Jugend- und Kindertheaterprojekte und vieles mehr. In dem besetzten Haus ist eine Oase entstanden – während an vielen anderen italienischen Theatern schon aus finanziellen Gründen langsam die Lichter ausgehen.

Francesca Romana De Santis: "Im Laufe der Jahre wurde immer stärker gekürzt. Die Vereinigung, die mit der Besetzung des Theaters Valle angefangen hat, hieß 0,3 - weil das der Prozentsatz des BIP war, der in die Kultur investiert wurde. Es war der niedrigste in ganz Europa. In Frankreich sind es drei Prozent. 0,3 ist also nichts. Und es gab immer mehr Kürzungen."

Und dem versucht das Teatro Valle etwas entgegenzusetzen. Das ist oft mühsam, das Geld ist immer noch knapp. Aber dieses Theater trifft einen Nerv: Wenn der Staat es nicht könne, dann müssten sie ihre eigenen Räume schaffen, sagen die Besetzer.

Francesca Romana De Santis: "Der Staat müsste das finanzieren. Kunst kann sich nicht allein finanzieren. Wir können eine Vorstellung nicht nur mit Kartenverkäufen bezahlen. Und es ist auch undenkbar, dass nur die Privatleute investieren, dass wir kommerziell werden und nicht mehr ausbilden können. Wenn der Staat an die Kunst glaubt und investiert, bedeutet es, dass die Kunst eine große Bedeutung für das Leben der Bürger hat."

Und das ist vielleicht das Ermutigende: dass in Italien einerseits zwar vieles im Argen liegt - in der Kultur, in der Politik, an den Universitäten, in den Familien und Unternehmen. Dass es aber andererseits in diesem Land voller Schätze und Ressourcen Menschen gibt, die sich ihre eigenen Räume schaffen. Italienische Erfolgsgeschichten gehen in diesen Zeiten meist nicht vom Staat aus.

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