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StartseiteEuropa heuteDie Helfer der Flüchtlingsretter24.07.2017

Italienische Leitstelle für SeenotrettungDie Helfer der Flüchtlingsretter

Jeden Tag versuchen Menschen, über das Mittelmeer nach Europa zu fliehen und geraten dabei in Lebensgefahr. Alle Einsätze zur Rettung von Flüchtlingen koordiniert die Leitstelle für Seenotrettung in Rom. Verantwortlich ist die italienische Küstenwache für ein Seegebiet, das fast doppelt so groß ist wie Italien.

Von Tassilo Forchheimer

Flüchtlinge warten in einem überfüllten Schlauchboot vor der libyschen Küste auf ihre Rettung aus dem Mittelmeer. (AFP/Abdullah ELGAMOUDI)
Flüchtlinge vor der libyschen Küste. Da die libyschen Behörden überfordert sind, muss im Notfall die italienische Seenotrettung herhalten. (AFP/Abdullah ELGAMOUDI)
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Es sind menschliche Dramen, die sich Tag für Tag auf dem Mittelmeer abspielen. Das Mittelmeer ist zu einem Massengrab geworden. Tausende sind hier schon ertrunken und die Opferzahlen wären noch höher, wenn es die Retter nicht gäbe und eine weniger bekannte Behörde in Rom: die italienische Leitstelle für Seenotrettung. Von dort werden alle Einsätze im zentralen Mittelmeer koordiniert, erklärt Filippo Marini von der italienischen Küstenwache. 

"Ich bringe als Beispiel gerne den Dirigenten eines Orchesters. Der Dirigent hat eine Vielzahl von Instrumenten zur Verfügung und er ist es, der sie auf die richtige Weise zum Klingen bringt. Jetzt stellen Sie sich vor, dass diese Instrumente wie die Ressourcen sind, die wir auf dem Meer zur Verfügung haben. Das können Schiffe der Nichtregierungsorganisationen sein, zivile Handelsschiffe oder Einheiten der europäischen Militäroperationen im Mittelmeer. Um all das zum Funktionieren zu bringen, um dafür zu sorgen, dass es keine Doppelarbeiten oder Überschneidungen gibt, haben wir hier eine Regie, die sagt, wer was tun muss."

Schwierige Verständigung zwischen Leitstelle und Not geratene Flüchtlinge

Alle Schiffe in der Nähe müssen die Anweisungen aus Rom befolgen. Die rechtliche Grundlage dafür ist das internationale Übereinkommen über den Such- und Rettungsdienst auf See, das 1979 in Hamburg verabschiedet wurde. Seitdem ist jedes Seegebiet weltweit einer Seenotrettungsleitstelle zugeordnet. Die entsprechende deutsche Station wird von der Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger in Bremen betrieben. Dort haben sie allerdings deutlich weniger zu tun als die italienischen Kollegen, die in den vergangenen 26 Jahren die Rettung von über einer Million Menschen organisiert haben. Im August des vergangenen Jahres gab es beispielsweise innerhalb von 96 Stunden 112 Einsatzfälle. Dabei wurden 13.762 Menschen gerettet.

Die meisten Einsätze beginnen mit einem Anruf in Rom, so der Kommandant Cosimo Nicastro:

"Hier empfangen wir den Notruf. Unsere Spezialisten bemühen sich dann, an alle wichtigen Informationen zu kommen - die genaue Position, die Zahl der Menschen, deren Verfassung, die sanitäre Situation an Bord - manchmal ist die Verständigung auf Englisch möglich, in anderen Fällen nutzen wir unsere Übersetzer um an alle Informationen zu kommen, die unverzichtbar sind, um eine Bergungsaktion auf dem Meer zu koordinieren."

Libysche Behörden überfordert

Das ist leichter gesagt als getan. Früher hatten 80 Prozent der Flüchtlingsschiffe Satelliten-Telefone an Bord. Mit denen konnte die genaue Position innerhalb von einer halben Stunde geortet werden. Inzwischen gilt das nicht einmal mehr für die Hälfte der Boote. Früher waren viele aus Holz, jetzt sind es größtenteils völlig überladene Schlauchboote. Dementsprechend ist die Zahl der Toten immer weiter gestiegen. Die meisten ertrinken inzwischen nicht weit vor der libyschen Küste, sagt Filippo Marini:

"Sehr oft bewegt sich die italienische Küstenwache außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs. In dem Moment, in dem wir Kenntnis von einer Gefahrensituation haben, müssen wir von Rechts wegen automatisch die Verantwortung für den Einsatz übernehmen - und zwar so lange, bis die eigentlich zuständige Stelle die Koordination übernimmt."

Und zuständig wären in den meisten Fällen die libyschen Behörden, denn von dort kommen die meisten Boote mit Migranten. Allerdings gibt es in dem Bürgerkriegsland derzeit keine einsatzfähige Rettungsleitstelle und deshalb müssen schon seit Jahren die Italiener herhalten. Was nach internationalem Seerecht als Ausnahme gedacht ist, damit im Notfall keine wertvolle Zeit verloren geht, bedeutet für die italienische Küstenwache, dass sie nun für ein Seegebiet verantwortlich ist, das fast doppelt so groß ist wie Italien. Der irischen Pop-Band U2 war das vor einer Woche bei einem Konzert in Rom sogar ein Ständchen wert.

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