Mittwoch, 02.12.2020
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteSonntagsspaziergangDas Sterben der Glühwürmchen29.06.2014

Italiens KulturlandschaftenDas Sterben der Glühwürmchen

Die Industrialisierung der Agrarwirtschaft verändert die Natur weltweit. Meist dauerhaft. Traditionelle Landschaften verwildern oder verschwinden ganz. In Italien hat das nicht nur Folgen für die Kultur, auch die Umwelt leidet, haben Wissenschaftler festgestellt.

Von Cristiana Coletti

Blick auf Olivenbäume in der Toskana, aufgenommen im Oktober 2005. (dpa picture alliance / Paul Mayall D2513)
Olivenbäume in der Toskana (dpa picture alliance / Paul Mayall D2513)

Es war an einem Sommertag. Ich weiß nicht mehr genau, wo wir gewesen waren, aber ich kann mich erinnern, dass mein Vater bei der Rückkehr einen Umweg machte, um uns Kindern das alte Bauernhaus seiner Großeltern zu zeigen. Es stand da, mitten in der verwilderten Natur, leer, still, unbetretbar. Er hat uns oft vom Leben in diesem Haus erzählt, vom Urgroßvater Gratignano und der Urgroßmutter Maria. Aber die Sehnsucht in seinem Blick blieb für mich undurchschaubar. Es war die Sehnsucht nach einer Zeit, die ich nicht kannte, weil sie verschwunden war, bevor ich zur Welt kam.

"Ich stieg aus dem Bus und rannte zum Haus meiner Großmutter. Es war eine lange Strecke zu Fuß. Aber ich rannte nicht, ich flog! Ich spürte den Weg nicht, es war wie Fliegen. Und als ich die Großmutter im Hof bei den Hühnern sah, bin ich zu ihr gesprungen! Nichts habe ich gespürt, keine Steine, keine Dornen, nichts!“,

erinnert sich der Vater.

"Der Bauernhof stand auf der Spitze eines Hügels. Auch eine kleine Kirche mit einem Glockenturm gehörte dazu, und vor ihr standen fünf Zypressen. Wie in allen Bauernhäusern war unten der Stall und oben wohnte die Familie, mehrere Generationen zusammen. In der Küche gab es einen riesigen Kamin, das Zentrum des Hauses. Im Winter konnten wir drin in dem Kamin sitzen und aßen 'Granturco-Kuchen' - bis zum letzten Krümel. Es war ein armes, sehr einfaches Haus aus alten Steinen. Aber diese Steine waren warm und lebendig. Es war schön."

Die Familie meines Vaters wohnte in der Stadt Perugia und konnte nur selten das Bauernhaus der Großeltern am Monte Tezio besuchen. Doch es gab besondere Ereignisse, die sie unter keinen Umständen verpassen wollten.

"Das absolut wichtigste Ereignis, und es war fast eine Pflicht, dabei zu sein, war die Getreideernte. Alle arbeiteten mit, auch die Nachbarn, und tranken dazu Wein. Es war sehr heiß und staubig. Die Garben wurden auf Ochsenkarren ganz langsam zum Ort gebracht, wo sie dann gedroschen wurden. Eine sehr harte, gut organisierte Arbeit, aber auch ein Fest. Später zum Mittagessen trugen alle schöne, unglaublich weiße Hemden, und wir aßen Tagliatelle mit Entensauce. Schon früh am Vormittag begannen die Frauen zu kochen! Nach der Arbeit aßen wir alle zusammen. Es war ein Fest! Heute gibt es nichts mehr. Nur ein leeres, grasbewachsenes Haus, ungepflegt wie die Landschaft ringsherum. Meine Generation hat diesen Zauber gebrochen. Zwischen den 60ern und 80ern Jahren wurde das Land verlassen. Es blieb leer."

"Mit blitzartiger Geschwindigkeit begannen die Glühwürmchen zu verschwinden" - schrieb Pier Paolo Pasolini 1975. "Sie sind heute eine schmerzliche Erinnerung an die Vergangenheit, und wer von den Älteren diese Erinnerung noch hat, kann in der heutigen Jugend nicht mehr seine eigene Jugend erkennen und hat so auch nichts mehr, dem er so schön wie einst nachtrauern könnte." So Pasolini. Auch wenn das alte Italien der Glühwürmchen tatsächlich verschwunden ist, gibt es doch sichtbare Spuren in der Struktur und Form von Landschaften, die bis heute bestehen.

Mauro Agnoletti, Professor an der agrarwissenschaftlichen Fakultät der Universität Florenz und Koordinator des Projekts "Paesaggi rurali storici" (Historische bäuerliche Landschaften):

"Eine historische Kulturlandschaft ist eine Landschaft, in der noch hundert oder sogar tausend Jahre alte Anbaukulturen und -methoden wiederzufinden sind, die bis zur Industrialisierung der Landwirtschaft in den 60ern Jahren erhalten blieben. Es sind wertvolle Landschaften, die auch in der Gegenwart eine große Bedeutung haben. Die kulturelle Identität Italiens erkennt man auch in den Formen der bäuerlichen Landschaft, die bei uns ganz besonders vielfältig sind, wie die Steine eines Mosaiks. Genauso wie die architektonischen Formen sind die Kulturlandschaften das Ergebnis menschlicher Arbeit, die der Natur eine spezifische Form verliehen hat. In diesem Sinn hat auch die Kulturlandschaft einen historischen Wert."

Mit einer Wanderausstellung auf Zeitreise

80 Forscher aus 14 Universitäten und Institutionen arbeiteten an diesem Projekt. Ihr Ziel war die Identifizierung noch existierender Kulturlandschaften Italiens, die Analyse ihrer Verwundbarkeit und die Anerkennung ihres Wertes. Die vielen unterschiedlichen Anbaukulturen sind ein Schatz, den man der Banalisierung der Landschaft durch die moderne Agrarindustrie und vor allem der zunehmenden Verwilderung entgegensetzen sollte. Agnoletti:

"Wir haben bemerkt, dass viele bäuerliche Gebiete mit ihren spezifischen Eigenschaften ganz vergessen wurden. Nur auf die Quantität der Produktion zu achten, das verursacht Probleme und kann nicht die wirtschaftliche Stärke Italiens ausmachen. Die ernsthafte Vernachlässigung dieser historischen Landschaften zwang uns schließlich zu handeln. Unsere Katalogisierung umfasst nicht alle Gebiete. Wir wollten erst mal recherchieren, ob dieses Kulturerbe, das die Reisenden seit Jahrhunderten bewundern, noch vorhanden ist und in welchem Zustand es sich befindet."

Die Wanderausstellung "Paesaggi rurali storici", kuratiert von Mauro Agnoletti, gibt uns die Möglichkeit, eine kleine, imaginäre Reise zu machen, auf der Suche nach einigen der schönsten Kulturlandschaften Italiens. Wir starten in der Toscana, einer Region, die in den letzten hundert Jahren einen großen Teil ihrer berühmten Kulturlandschaften verloren hat. Mauro Agnoletti zeigt mir das Bild eines besonderen Waldes.

"Wir sehen hier einen Kastanienwald im Scesta Tal, eine abgelegene, schwer erreichbare Gegend im toskanischen Appennin. Dort gibt es kleine, heute unbewohnte Dörfer, Zeugen einer ganzen Welt, die verschwunden ist: die Kultur der Kastanien. In den Bergregionen konnte man nicht genug Getreide anbauen. Das Kastanienmehl war ein wichtiger Ersatz dafür, und die Bäume konnten außerdem vielfach verwendet werden: Als Material für die Häuser, aber auch für das Gerben von Tierhäuten, wie die Reste alter Arbeitsgeräte beweisen. Diese Wälder sind Jahrhunderte alt und ihre riesigen Kastanienbäume beeindruckend. Selbst der unerfahrene Beobachter kann ihre Besonderheit auf den ersten Blick erkennen."

In der Tat! Die Kastanienbäume im Scesta-Tal erreichen einen Umfang bis neun oder zehn Meter! Zumindest die, die noch übrig geblieben sind.

"Der verlassene Kastanienbaum verwildert und verliert seine wichtigsten Eigenschaften, die er durch die menschliche Arbeit erworben hat. Die Frucht ist z. B. nicht mehr essbar. Der Wald wächst willkürlich, schadet den Bäumen und sie sterben. Seitdem es in der Nähe auch Naturschutzgebiete gibt, ist der Prozess der Naturalisierung oder der Verwilderung der Natur noch intensiver geworden. Dazu kommt die moderne Agrarindustrie. Die Jahrhunderte alten Bäume werden durch junge, produktivere ersetzt. So verlieren wir eine historische Kulturlandschaft."

Auch ein Verlust für den Umweltschutz

Eine alte bäuerliche Landschaft enthält Spuren der Geschichte und weist auf wertvolle, überlieferte Kenntnisse hin, die heute fast völlig vergessen sind. Ich betrachte das Bild eines Gartens auf der sizilianischen Vulkaninsel Pantelleria, den Orto Pantesco. Eine vier Meter hohe, kreisrunde Steinmauer mit einem Durchmesser von elf Metern umschließt einen weit verzweigten Orangenbaum. Dank der Lavasteine, die ein Mikroklima erzeugen, kann der Orangenbaum selbst in dieser trockenen Gegend ohne Bewässerung gedeihen! Eine Anbautechnik, die die Araber nach Sizilien gebracht hatten, und die heute allmählich verschwindet. So ein Verlust ist nicht nur aus historischen Gründen dramatisch. Kulturlandschaften spielen oft auch eine wesentliche Rolle für den Umweltschutz. Mauro Agnoletti:

"Wir sind nun in den Cinque Terre in Ligurien. Im Jahr 2011 geschah hier eine Katastrophe. Eine große Menge Regen verursachte riesige, dramatische Erdrutsche. Das Ministerium finanzierte danach eine Forschung, um zu verstehen, wo und warum diese Erdrutsche passiert waren. Wir haben festgestellt, dass 85% der Erdrutsche sich auf verlassenen Anbauterrassen ereigneten, eben weil sie verwildert waren. In einer bergigen Gegend mit einem Gefälle von 45% sind Anbauterrassen die beste Lösung auch gegen das hydrogeologische Risiko."

Lucio Izzo, Direktor des Italienischen Kulturinstituts in Köln, der dritten Etappe der Wanderausstellung "Paesaggi rurali storici" in Deutschland:

"Hier eine steile Küste mit Anbauterrassen, Zitronen- oder Olivenbäumen, die direkt ins Meer fällt, so wunderschön blau wie selten, und viele kleine Dörfer oben in den Bergen und unten am Ufer. So sieht die Amalfiküste auf diesem Foto aus. Meine Lieblingssaison dort ist der Frühling. Ich erinnere mich an meine Spaziergänge zwischen den Anbauterrassen. Es waren lange, sonnige Nachmittage. Alles duftete nach Blüten. Ich hatte den Eindruck, zwischen Meer und Himmel zu schweben. Es kam mir wie ein Privileg vor, am Meer und in den Bergen gleichzeitig zu sein."

Die Ausstellung "Paesaggi rurali storici" eröffnet neue Blickwinkel und Perspektiven auf Italien und seine Landschaften. Sie lässt uns wertvolle Details und Unterschiede erkennen, die wir früher vielleicht nicht wahrnehmen konnten.

Eine schöne Einladung, nach dem alten Land der Glühwürmchen zu suchen. Noch einmal mein Vater:

"Momente wie die Getreideernte waren kleine Ereignisse, die eine menschliche Wärme ausstrahlten. Eine Wärme die man deutlich spürte. Und der Respekt für die Person, ganz besonders für die Alten. Als der Großvater kam, war es wie eine Zeremonie. Alle sagten voller Freude und Achtung 'Jetzt kommt der Großvater!' Ein Landgut sah aus der Ferne wie ein Bienenstock aus, mit vielen Menschen, die auf den Feldern, im Hof und überall wie kleine Bienen arbeiteten. Es war schön."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk