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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische Literatur"Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung"11.11.2019

Ivan Krastev und Stephen Holmes "Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung"

Populismus und illiberale Bestrebungen weltweit - für Stephen Holmes und Ivan Krastev eine Reaktion auf die behauptete Alternativlosigkeit des westlichen Liberalismus nach 1989. "Das Licht, das erlosch" - ein Buch über verlorenes Vertrauen und Selbstüberschätzung.

Von Michael Kuhlmann

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Buchcover "Das Licht, das erlosch"/ Hintergrund: Eine zerbrochene Glühlampe (Buchcover Ullstein/ Hintergrund picture alliance / dpa / Jens Büttner)
Ivan Krastev und Stephen Holmes erklären, was der Liberalismus falsch gemacht hat (Buchcover Ullstein/ Hintergrund picture alliance / dpa / Jens Büttner)
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Stephen Holmes und Ivan Krastev rechnen ab – mit dem westlichen Liberalismus der Zeit ab 1989. Demokratie und Marktwirtschaft galten damals als Nonplusultra, als leuchtendes Vorbild für die ganze Welt. In Ostmitteleuropa, so erinnern Holmes und Krastev, habe man Nägel mit Köpfen gemacht und versucht das westliche Modell nachzuahmen: das politische System, die wirtschaftlichen Freiheiten, auch die Ideale. Das allerdings hatte einen Haken. Denn, so die Autoren:

"Das Nachahmen moralischer Ideale hat, anders als das Entleihen von Technologien, zur Folge, dass man demjenigen, den man bewundert, ähnlich wird. Gleichzeitig führt es aber auch dazu, dass man sich selbst unähnlicher wird – und das zu einem Zeitpunkt, an dem die persönliche Einzigartigkeit und die Loyalität zur eigenen Gruppe im Zentrum des Bemühens um Würde und Anerkennung stehen."

Der Nährboden des Antiliberalismus

Aber noch während Polen oder Ungarn sich um Einzigartigkeit, um Würde und Anerkennung bemüht hätten, seien sie der EU beigetreten und hätten geglaubt, sich anpassen zu müssen. Sie hätten den Liberalismus genauso nachgeahmt, wie sie zuvor – wenn auch gezwungenermaßen – den Sowjetkommunismus nachgeahmt hätten. Ivan Krastev und Stephen Holmes halten dieses Nachahmen aus Sicht der Ostmitteleuropäer für erniedrigend.

"Ein Leben als Nachahmer vermengt unweigerlich Gefühle der Unzulänglichkeit, Minderwertigkeit, Abhängigkeit, des Identitätsverlusts und der unfreiwilligen Unaufrichtigkeit. Wir können sagen, dass in Mitteleuropa noch ein besonderes Ärgernis ins Spiel kam, weil die Nachahmer glaubten, zum selben Kulturraum zu gehören wie die Nachgeahmten – und zudem davon ausgingen, dass sie eingeladen waren, der ‚freien Welt‘ auf Augenhöhe mit ihren europäischen Nachbarn beizutreten."

Auf die Menschen in der früheren DDR dürfte letzteres – so möchte man ergänzen – noch stärker zutreffen. Die Entfremdung und Demütigung, wie sie die Ostmitteleuropäer ab den neunziger Jahren erlebten – sie lieferten aus Sicht der Autoren idealen Nährboden für den heutigen Antiliberalismus. Um Missverständnissen vorzubeugen: Ivan Krastev und Stephen Holmes wollen den populistischen Ungeist in keiner Weise verteidigen. Sie sind überzeugte Liberale; aber sie halten dem Westen seine Arroganz und Ignoranz vor – und seine politischen Fehlkalkulationen.

Interessenpolitik statt Moral

Gegenüber diesem Westen verhalte sich Russland nun ganz anders als die osteuropäischen Populisten. Zwanzig Jahre lang habe es noch vorgetäuscht, eine Demokratie zu sein. Dann habe Putin mit der Besetzung der Krim offen auf Konfrontation geschaltet. In den US-Wahlkampf 2016 habe er sich eingemischt – aber nicht, um einen kreml-freundlichen Kandidaten zu fördern, sondern einzig, um die russische Macht zu demonstrieren. Und nun?

"Das Hauptziel der heutigen Außenpolitik des Kreml besteht darin, den angeblichen Universalismus des Westens als Deckmantel zu entlarven, unter dem sehr spezielle geopolitische Interessen zum Vorschein kommen. Sarkastische Nachahmung ist die effektivste Waffe in dieser Kampagne. Wie Amerikaner und Europäer den Zerfall der Sowjetunion feierten, so feiern Russen nun den Brexit und den möglichen Zerfall der EU."

Der Westen macht es ihnen leicht – so die Autoren –, denn er trat seine eigenen Ideale mit Füßen: im Irak-Krieg 2003 ebenso wie im Schmusekurs gegenüber Saudi-Arabien. Wie westliche Politiker nun mit einmal begangenen Fehlern umgehen, darin beobachten Ivan Krastev und Stephen Holmes einen entscheidenden Unterschied: Sie zitieren den US-Präsidenten Bill Clinton, der 1999 bei einem Türkei-Besuch an Amerikas Rassismus und die Sklaverei erinnerte. Und sie ziehen einen Vergleich:

"Für Liberale ist das Eingeständnis amerikanischer Fehler ein Vorspiel für die Arbeit an Verbesserungen. Für Trump ist das Bekenntnis, dass die Amerikaner genauso amoralisch sind wie die Russen, Saudis und andere, ein Vorspiel für das endgültige Ablegen aller noch verbliebenen Hemmungen."

Wie der Liberalismus überleben kann

Zwischen den USA und ihrem neuen Konkurrenten China werde sich allerdings nicht noch einmal ein Kalter Krieg entspinnen. Denn anders als die Sowjetunion wolle China keine Ideologie exportieren – Peking gehe es einzig darum, seine Macht und Würde auf der Weltbühne zu sichern. China sei es gelungen, seine Einparteienherrschaft ins postideologische Zeitalter – so wörtlich – hinüberzuschmuggeln. Immerhin könne die neue Konkurrenz die Welt zu einem ungemütlicheren Ort machen. Was also tun? Ivan Krastev und Stephen Holmes zeigen sich in ihrer Antwort als eingefleischte Liberale.

"Wir können die weltweit vorherrschende liberale Ordnung, die wir verloren haben, endlos betrauern. Oder wir können unsere Rückkehr in eine Welt ständig miteinander rangelnder politischer Alternativen feiern – und erkennen, dass ein geläuterter Liberalismus, wenn er sich von seinem unrealistischen und selbstzerstörerischen Streben nach weltumspannender Hegemonie erholt hat, noch immer die politische Idee ist, die dem 21. Jahrhundert am ehesten entspricht."

Zumal der Antiliberalismus nicht die Spur einer reizvollen politischen Vision zu bieten habe. Wie das aber praktisch aussehen könnte – dieser Frage weichen die Autoren aus. Sie belassen es bei der vagen Hoffnung auf neue, klügere Führungspersönlichkeiten des politischen Liberalismus.

Alles andere als unfehlbar

Dennoch ist dieses Buch eine Bereicherung. Es erklärt, wie katastrophal sich die verfehlte Politik eines Westens ausgewirkt hat, der seine Spielart des Liberalismus für unübertrefflich und menschheitsbeglückend hielt. Eines dogmatischen Liberalismus, der zwar gegen wirtschaftliche Monopole kämpft, der aber sein eigenes geistiges Monopol verteidigt. Den geistigen Schiffbruch, den dieser Tunnelblick-Liberalismus in Polen oder Ungarn erlitt, dürfte er in der Ukraine – sollte sie tatsächlich einmal der EU beitreten – wohl abermals erleiden. Das Buch bietet eine mitunter quergedachte, aber plausible Erklärung, aus welchen geistigen Quellen sich das Verhalten Ostmitteleuropas, Russlands und Chinas gegenüber dem Westen unter anderem speist. Auf die deutschen Verhältnisse gehen Stephan Holmes und Ivan Krastev zwar nicht ein. Aber ihre Beobachtungen der Mentalität in früheren Warschauer-Pakt-Ländern dürften sich in vielen Fällen auf die frühere DDR übertragen lassen. Und damit liefert das Buch auch bedenkenswerte Erklärungen für Pegida in Dresden, für den Mob von Chemnitz und für das jüngste Wahlergebnis in Thüringen.

Ivan Krastev und Stephen Holmes: "Das Licht, das erlosch. Eine Abrechnung",
Ullstein, 366 Seiten, 26 Euro.

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