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StartseiteKalenderblattEine Operette als Polit-Satire17.12.2014

Jacques Offenbachs "Die schöne Helena" Eine Operette als Polit-Satire

Eine böse Parodie auf die Pariser Gesellschaft unter Napoléon III. – und sprühend vor Lebenskraft: Als die Operette "Die schöne Helena" heute vor 150 Jahren uraufgeführt wird, erzürnt sie so manchen Zeitgenossen. Doch der Welterfolg ist nicht mehr aufzuhalten.

Von Michael Stegemann

Blick in das Pariser Théâtre des Variétés ( AFP / FRANCOIS GUILLOT)
Blick in das Pariser Théâtre des Variétés: Hier wurde Jacques Offenbachs Operette "Die schöne Helena" vor 150 Jahren uraufgeführt. ( AFP / FRANCOIS GUILLOT)
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Paris, 17. Dezember 1864. Im Théâtre des Variétés hat sich le Tout Paris eingefunden, um die Uraufführung der neuesten opéra-bouffe von Jacques Offenbach zu erleben: La Belle Hélène. In einer Loge sitzt der österreichische Botschafter mit seiner Frau – und ist empört.

"Meine Liebe, wir haben Unrecht daran getan, dieser Premiere beizuwohnen. Unser Name wird in allen Zeitungen stehen, und es ist nicht angenehm für eine Frau, gewissermaßen offiziell in einem solchen Stück gewesen zu sein."

Offenbachs Rechnung und die seiner Librettisten Meilhac und Halévy ist aufgegangen. Jeder im Publikum versteht, auf wen und was die Satire abzielt: Der trottelige Spartaner-König Ménélas ist Napoléon III., seine frivole, affektiert-gelangweilte Gemahlin Helena ist Kaiserin Eugénie. Die Geistlichkeit – bloßgestellt in der Figur des Großauguren Calchas – ist bis ins Mark korrupt und verdorben. Der Hof mischt sich unter die Halbwelt: Prinz Paris ist ein oberflächlicher Dandy, Agamemnons Sohn Orest – eine Hosenrolle – treibt sich auf Staatskosten mit Kokotten und in Cabarets herum.

Allen geht es nur um eines: "Il faut bien que l’on s’amuse", man muss sich amüsieren!

Persiflage auf das Second Empire in Gestalt einer Antiken-Parodie

Es ist ein Tanz auf dem Vulkan: Am Ende wird der Trojanische Krieg ebenso unvermeidbar sein wie der von 1870/71 zwischen Frankreich und Preußen.

Sechs Jahre nach Orphée aux enfers liefert Offenbach mit der "Schönen Helena" die nächste Persiflage auf das Second Empire, wieder in Gestalt einer Antiken-Parodie. Und das Schönste: Gerade die, die gemeint sind, amüsieren sich am besten, wie der Komponist Camille Saint-Saëns fassungslos feststellt:

"Mit La Belle Hélène setzten der Operettenwahnsinn und der Verfall des guten Geschmacks ein, und Paris verlor endgültig den Verstand. Die respektabelsten Damen versuchten einander auszustechen, indem sie 'Amour divin, ardente flamme' trällerten."

So wurde La Belle Hélène – all ihren Kritikern zum Trotz – ein Welterfolg, der bis heute andauert, nicht nur in Paris: Max Reinhardt inszenierte sie in München, Karl Kraus feierte die "Offenbachiade" in seiner Wiener Fackel, Egon Friedell, Werner Finck und Peter Hacks bearbeiteten das Libretto für die deutsche Bühne. Dabei ist die sprühende Lebenskraft des Werkes durchaus nicht allein dem pointierten Witz des Textes zu verdanken: Offenbachs Musik ist mit ihrer genialen Balance zwischen greller Ironie und lyrischer Rêverie ein Meisterstück, das über alle Zeiten hinweg gültig bleibt. 

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