Dienstag, 16. August 2022

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Jahresrückblick Literatur 2019
"Ein großer Moment des weiblichen Erzählens"

2019 war das Jahr der Autorinnen: Es seien hervorragende Werke von Frauen erschienen, so Literaturkritikerin Maike Albath. Außerdem bereicherten mehrsprachige Autorinnen und Autoren die Literaturszene - und Albath stellt einen "Trend zum Dorfroman" fest.

Maike Albath im Gespräch mit Antje Allroggen | 29.12.2019

Eine junge Frau steht vor einem Regal in einem Buchladen.
Buchladen in Berlin: Die Hauptstadt war 2019 in vielen Büchern Thema, genau wie das Landleben. (picture alliance / Jens Kalaene)
In den letzten Monaten des Jahres 2019 dominierte auf den ersten Blick vor allem eine Thema die Literaturwelt: Die Debatte um den Literaturnobelpreis für Peter Handke. Der österreichische Schriftsteller ist wegen seiner proserbische Haltung während der Kriege im ehemaligen Jugoslawien bis heute umstritten. Kritiker sind der Meinung, dass man Handke den Nobelpreis nicht hätte verleihen dürfen.
Darüber allerdings möchte Literaturkritikerin Maike Albath nicht weiter sprechen – sie meint, dass man es versäumt habe, "über Inhalte zu reden und viel zu wenig über Texte" gesprochen habe. Außerdem sei die andere Preisträgerin des Literaturnobelpreises, Olga Tokarczuk, durch die Diskussion über Handke in den Hintergrund gerückt worden.
Viele beeindruckende Werke von Autorinnen
Grundsätzlich sei 2019 ein Jahr mit vielen hervorragenden Werken von Autorinnen gewesen. "Mir scheint es ein großer Moment dieses weiblichen Erzählens zu sein", so Albath. Sybille Lewitscharoff habe einen "großer Roman" veröffentlicht, und Barbara Honigmann habe eindrücklich darüber geschrieben, was es hieß, jüdisch in der DDR zu sein.
Die Schriftstellerin Barbara Honigmann.
Barbara Honigmann: „Georg“ - Ein Tausendsassa-Leben Honigmann ist eine Meisterin des biografischen Porträts. Nachdem sie 2004 schon ein Buch über ihre Mutter veröffentlicht hat, legt sie mit "Georg" nun ein Vaterbuch vor - die Geschichte eines überaus schillernden Mannes.
Als Neuentdeckung nennt Albath die 40-jährige Kenah Cusanit, deren Debüt von der Ausgrabung Babylons handelt. Insgesamt hätten gerade die Autorinnen "sehr viele verschiedene Annäherungsweisen an die Welt" vorgelegt.
Mischung aus Autobiografie und Fiktion
Den Deutsche Buchpreis ging 2019 an Saša Stanišić für seinen Roman "Herkunft". Stanišić‘ Werk ist laut Albath ein Beispiel für sogenannte "Hybrid-Formen", bei denen die Autorinnen und Autoren sich nicht auf Fiktion beschränken, sondern autobiografische und dokumentarische Elemente in ihr Werk mischen.
Sasa Stanisic (l) bekommt den Deutschen Buchpreis 2019 von Heinrich Riethmüller, Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. 
Saša Stanišić über "Herkunft" - Vorsicht vor dem "Zugehörigkeitskitsch" Woher komme ich? Dieser Frage geht Saša Stanišić in "Herkunft" nach. Und er gibt Acht, bei dem Gedanken an Heimat nicht dem Kitsch oder der Ausgrenzung anderer zu erliegen.
Zu den Hybrid-Büchern gehöre auch David Wagners "Der vergessliche Riese" - gleichzeitig ein Buch über die Demenzerkrankung des Vaters und die alte Bundesrepublik.
Es gebe außerdem inzwischen eine ganze Reihe Autorinnen und Autoren, die in mehreren Sprachen verankert seien, zum Beispiel Terézia Mora und Matthias Nawrath. Deren Werke seien eine Bereicherung für die Literaturszene in Deutschland.
Stadtleben versus Landleben
Neben Romanen, die in Berlin spielen, gebe es auch eine "Tendenz zum Dorfroman". Diese Entwicklung hat laut Albath schon vor einigen Jahren eingesetzt: Sie beobachtet eine Renaissance des Dorflebens.
Das "Buch des Jahres" dazu sei Jan Brandts Roman "Ein Haus auf dem Land". Brandt habe sowohl eine Wohnung in der Stadt als auch ein Haus auf dem Land und nehme die sozialen Hintergründe in den Blick - und die dazugehörigen "Absurditäten".
Stadtansicht von Berlin
Jan Brandt: "Ein Haus auf dem Land / Eine Wohnung in der Stadt" - "Der Druck ist gestiegen" In seinem neuen Buch erzählt Jan Brandt von seiner Wohnungssuche in Berlin und vom Strukturwandel in seinem ostfriesischen Heimatdorf. Er beschreibt damit auch die ökonomischen Bedingungen, unter denen Literatur heutzutage entsteht. Immer schon hätten sie zum Schreiben dazugehört, sagte Brandt im Dlf.