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Japans alternde GesellschaftVersicherung für Demenzkranke

Im Jahr 2035 wird ein Drittel der Japaner über 65 sein. Die Menschen fürchten Krebs, Schlaganfall, Demenz und Alzheimer. Deswegen bieten Versicherungen besondere Versicherungen bei Demenz an. Ohne finanzielle Rücklagen wird es für Betroffene jedoch trotzdem eng.

Von Jürgen Hanefeld | 29.01.2018

Senioren sitzen beim Plausch zusammen in Daiochofunakoshi, Japan.
Im hohen Alter sind soziale Kontakte und Beweglichkeit wichtig. In Japan ist die Lebenserwartung hoch, aber viele ängstigen sich vor Krankheiten wie Alzheimer. (imago / Kyodo News)
Es klingt wie auf der Geisterbahn, aber es macht absolut keinen Spaß.
Eine der Frauen gibt immer wieder markerschütternde Schreie von sich, ein Mann reagiert mit Gestammel. Zwei spielen Karten, einer guckt in die Zeitung, andere sitzen vollkommen apathisch im Gemeinschaftsraum. Der Fernseher läuft, nur einer guckt hin:
"Ich bin etwa 76-Jahre alt. Ich lebe hier seit sieben oder acht Jahren."
Der Verwalter, Junichi Mitsaoka, korrigiert: Sie leben seit 16 Jahren bei uns. Der Patient redet weiter:
"Ich habe auf dem Bau gearbeitet. Im Krankenhaus hat man mir vorgeschlagen, dass ich hierher gehen soll. Zu meinen vier Geschwistern habe ich keinen Kontakt mehr. Aber es geht mir gut. Ich gucke Fernsehen."
Demenz als Volkskrankheit
Das Heim "Otera No Yoko" liegt irgendwo in Tokyo. Nur neun Patienten werden hier betreut, von drei Pflegekräften. Eine davon ist Junichi Mitsaoka:
"Die Meisten sind dement. Die Ärzte sprechen von "Demenz mit Alzheimer-Typ". Es beginnt damit, dass man Dinge vergisst, die erst ganz kurz zurückliegen."
In einem westlichen Vorort von Tokio, Japan, werden Senioren mit Demenz mit einem QR-Code markiert, damit sie nicht verloren gehen.
In einem westlichen Vorort von Tokio, Japan, werden Senioren mit Demenz mit einem QR-Code markiert, damit sie nicht verloren gehen. (AFP PHOTO / Toshifumi KITAMURA)
Es gibt bereits 13.000 solcher Gruppenheime für Demenz-Kranke, denn in Japan ist daraus längst eine Volkskrankheit geworden, sagt Rina Tajima vom Versicherungskonzern "MetLife".
"Unsere Gesellschaft vergreist immer stärker. Jetzt schon ist ein Viertel der Japaner über 65. Im Jahr 2035 wird es ein Drittel sein. Wir haben untersucht, wovor sich die Menschen am meisten fürchten. 60 Prozent sagen Krebs, 46 Prozent sagen Schlaganfall, aber gleich danach kommen Demenz und Alzheimer. Daraus haben wir geschlossen: Es gibt Bedarf für ein solches Angebot."
Versicherungssumme wird bei Diagnose sofort ausgezahlt
Man kann sich natürlich nicht gegen Demenz versichern, sondern allenfalls gegen die Kosten, die die Krankheit verursacht. Das japanische System funktioniert anders als das deutsche. Es gibt keine Trennung zwischen gesetzlicher und privater Krankenversicherung, sondern alle Japaner sind staatlich versichert. Allerdings auf einfachem Niveau. Wer mehr wünscht als die Basisleistungen, schließt eine private Zusatzversicherung ab. Die Demenz-Versicherung ist das jüngste Produkt auf dem Markt der Privatanbieter. Unter diesem Namen gibt es sie seit 2016, nun in einer kundenfreundlicheren Variante.
"Das Neue an unserer Police ist, dass man die Versicherungssumme sofort ausbezahlt bekommt, wenn ein Arzt die Diagnose "Demenz" stellt. Früher mussten zwischen Diagnose und Auszahlung sechs Monate liegen. Wir haben das geändert, damit sich die Patienten so schnell wie möglich helfen lassen können."
Monatlich 1.500 Euro für ein bescheidenes Quartier
Das funktioniert denkbar einfach. Wer nachgewiesenermaßen dement ist, bekommt eine Million Yen. Wofür er das Geld - es sind etwa 7.400 Euro - verwendet, ist seine Sache. Die Versicherer denken an Zusatzausgaben für die behindertengerechte Umrüstung der Wohnung, für Taxikosten, für Fertiggerichte, wenn man nicht mehr selbst kochen kann. Mit spitzem Bleistift haben sie ausgerechnet, dass dafür im Schnitt 60 Euro im Monat anfallen. Wie bei jeder Versicherung, gelten zwei Prinzipien: Erstens, je früher man einsteigt, desto günstiger die Prämie. Und zweitens, wer bereits Symptome der Krankheit zeigt, wird nicht mehr versichert.
Angesichts der Kosten für einen Heimplatz ist das kaum der Rede wert.
Im "Otera no Yoko" zahlen die dementen Patienten im Monat 1.500 Euro für ein bescheidenes Quartier. Wer keine Rücklagen hat, dem hilft auch die Demenz-Versicherung nicht weiter.