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StartseiteTag für TagMit delikater Note08.08.2018

Jiddisches FestivalMit delikater Note

Der Yiddisch Summer in Weimar feiert mit Musik und Lesungen eine fast vergessene Sprache. In diesem Jahr widmet sich das Festival dem arabischen Einfluss aufs Jiddische. Die Botschaft: Es gibt mehr Verbindendes als Trennendes.

Von Blanka Weber

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Come as you are" - eine Israelisch-Syrische Tanz-Produktion, zu sehen auf dem Festival "Yiddish Summer Weimar" 2018 (Bernhard Musil)
Beim "Yiddish Summer Weimar" 2018 verbinden sich die Kulturen. Im Bild: "Come as you are" - eine Israelisch-Syrische Tanz-Produktion, die in Weimar laufen wird. (Bernhard Musil)
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Auch Dozenten müssen üben. Hier sitzen die Großen der Szene beisammen und proben ihr Repertoire: Musiker, Sänger, Spezialisten für Klezmer und arabische Musik. Am Abend steht ihr Konzert auf dem Programm. Mit dabei: die israelische Sängerin Esti Kenan Ofri, spezialisiert auf sephardische Musik und auf die Sprache der sephardischen Juden - was umgangssprachlich als "Judenspanisch" bezeichnet wird, exakt als Ladino. 

In Israel ist Esti Kenan Ofri eine gefeierte Interpretin. Studiert hat sie arabische Musik und die Feinheiten der vielen Einflüsse aus Marokko, dem Irak, Syrien in Sprache und Klang. In Weimar ist sie nun zum ersten Mal dabei. 

"Ich war früher ein bisschen ignorant allem Jiddischen gegenüber und bin jetzt fasziniert, was junge, talentierte Menschen daraus gemacht haben. Es ist nicht das, was schnell oberflächlich anziehend und attraktiv wirkt. Vielmehr hat diese Kultur eine sehr feine, sehr delikate Note. Der Charme sitzt hier einfach tiefer. Und das macht es interessant."

Faszination Schmélzschprach

Vier Wochen beschäftigen sich Neueinsteiger und Profis, Sänger und Musiker mit Jiddisch auf allen Ebenen: In Texten, in der östlichen und westlichen Musik und in diesem Jahr verstärkt mit dem Blick auf die arabischen Einflüsse. Der Bedarf, tiefer und spezialisierter Wissen zu bekommen, war einfach groß, sagt Andreas Schmitges, der organisatorische Leiter des Festivals. 

"Ja, ja, wir haben mit dem, was wir in diesem Jahr machen, auf eine wirklich größere Nachfrage reagiert. Wir hatten letztes Jahr sehr volle Kurse und wir haben uns dieses Jahr entschlossen, mit mehr Lehrern zu arbeiten."

Eine davon ist Janina Wurbs:

"Ich habe 2002 angefangen, Jiddisch zu lernen und hab mich da so richtig reingeworfen auf allen verschiedenen Ebenen. Ich habe am größten Archiv, was es weltweit gibt, in New York, ein Jahr lang Aufnahmen angehört am YIVO Institut, mit den besten Lehrern gelernt und dann auch irgendwann gedacht: Okay, jetzt habe ich so viel mit Jiddisch gemacht, was kann ich damit tun? Ich habe für den "Vorwärts" geschrieben - eine jiddisch-sprachige Zeitung - immer mal wieder, habe auch Radio gemacht auf Jiddisch - polnisches - was leider jetzt inzwischen nicht mehr existiert, habe Gedichte geschrieben, die veröffentlicht wurden."

Studiert hat sie in Potsdam und lange Zeit in den USA in einer jiddisch-sprachigen Umgebung gelebt. Sie hat Dialekte in Osteuropa erkundet, in Sankt Petersburg moderne Juden in Jiddisch unterrichtet und über die Dichterin Beyle Schaechter-Gottesman jetzt ein Buch publiziert. Die Sprache ist so faszinierend, sagt Janina Wurbs, eben weil diese vielen jahrhundertealten Einflüsse darin versteckt sind: 

"So wie Jiddisch auch von der Struktur her eine sogenannte akademisch bezeichnete 'fusion language' - auf Jiddisch: 'Schmélzschprach' - ist, eine ganz offene Sprache, die je nachdem, wo sie gesprochen wurde, ob in Litauen, Moldawien oder Weißrussland, es wurden immer sprachliche Elemente von der Umgebung aufgenommen."

"Wir sind selber eine Lerngemeinschaft"

Längst ist noch nicht alles übersetzt und gefunden. Der Schatz ist für Wissenschaftler wie Künstler immens. Ein Tor zur Kultur, sagen die Fachleute und bedauern, dass bislang nur ein Bruchteil der Literatur überhaupt zugänglich ist:

"Also, wir haben schon vieles online, digital. Im Jiddisch Book Center in den USA sind über 11.000 Bücher. Also, da ist viel weniger als ein Prozent überhaupt übersetzt. Das meiste ist tatsächlich nicht bekannt. Und das ist so ähnlich mit den Hauptworkshops, die hier unterrichtet werden. Hier werden nicht die Lieder gelehrt, die jeder kennt, sondern wir sind auch selber eine Lerngemeinschaft - auch die Lehrenden, Dozenten untereinander - und graben immer wieder Sachen aus."

Konzert beim "Yiddish Summer Weimar" (Deutschlandradio / Henry Bernhard)Konzert beim "Yiddish Summer Weimar" (Deutschlandradio / Henry Bernhard)

So, wie Jeff Warschauer, der Wurzeln seiner Familie in Polen und in Deutschland, in Hessen, hat. Mit seiner Frau Deborah lebt er in New York, ist einer der gefeierten Klezmer-Musiker und hat selbst früher als künstlerischer Leiter ein Festival in Kanada organisiert. Seit Jahren gastiert er im Jiddisch Summer als Dozent, hat die Sprache an Universitäten, vor allem aber in einem amerikanischen jüdischen Altenzentrum in den 80ern gelernt und, wie er sagt, in alten Clubs:

"Jiddisch Clubs - da waren alte Menschen, Juden, die zum einen Überlebende waren oder aber aus der früheren Sowjetunion kamen. Sie alle sprachen Jiddisch, weil sie es von zu Hause aus kannten."

Er habe viel Zeit dort verbracht, Musik für die Menschen gespielt, mit ihnen geredet, geschwoft und manch einen zu Hause besucht. Heute spricht Jeff Warschauer die jiddische Sprache fließend, vielleicht so selbstverständlich wie früher seine jüdischen Großeltern in Polen.

Wider die Abschottung

Der Yiddish Summer soll ein Angebot für alle sein. Und Kulturen - so der Konsens der Organisatoren - dürfen sich nicht voneinander abschotten, sondern sollten verbinden - und überraschen.

"Das wird man mit allen Kulturen, mit ukrainischer Kultur finden, mit polnischer, überall gibt es Parallelen und Verbindungslinien zwischen Kulturen. Und die zu finden, das geht nur dadurch, dass man sich mit ihr beschäftigt und manchmal findet man vielleicht viel Eigenes in dem, was man glaubt, das Fremdes ist."

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