Montag, 23. Mai 2022

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Jirí Kolář
Querdenker in vielen Genres

Einer der ersten Unterzeichner der Menschenrechtserklärung "Charta 77", Lyriker und bildender Künstler - Jirí Kolář war ein Grenzgänger zwischen den Genres. Vor 100 Jahren wurde er geboren.

Von Doris Liebermann | 24.09.2014

Der bedeutende tschechische Collagekünstler und Schriftsteller Jirí Kolář - hier am 25.5.1995 in Olomouc vor einem seiner Werke - ist im Alter von 87 Jahren in Prag gestorben. Der Künstler erlag am 11.8.2002 in seiner Wohnung einem Kreislaufversagen, berichtete der tschechische Rundfunk am 12.8.. Der 1914 in Protivin in Südböhmen geborene Kolar wandte sich früh dem Surrealismus zu und schuf vor allem Collagen, wobei er oft bekannte Vorlagen in überraschender Weise verzerrte. Er wurde als Gegner des kommunistischen Regimes Anfang der 80er Jahre ausgebürgert und kehrte erst vor wenigen Jahren aus dem Pariser Exil nach Prag zurück.
Der bedeutende tschechische Collagekünstler und Schriftsteller Jirí Kolář im Alter von 78 Jahren vor einem seiner Werke in Prag. (CTK Galgonek)
Die Documenta 4 in Kassel, Juni bis Oktober 1968: neben Werken amerikanischer Pop-Art-Künstler wurden zum ersten Mal Arbeiten des Tschechen Jirí Kolář im Westen gezeigt. Bald fanden sie auf dem internationalen Kunstmarkt Beachtung und wurden in Venedig, New York oder Paris ausgestellt. In seiner Heimat waren sie dagegen lange stigmatisiert. Weniger bekannt als sein bildkünstlerisches Werk wurde bei uns sein literarisches: Es umfasst Kinderbücher, Theaterstücke, Essays, Prosa und Gedichte – beeinflusst war
Jirí Kolář von den Surrealisten und Futuristen.
"Lese
ein Häufchen Kiesel zusammen
und verfasse daraus
egal wo
Steinchen für Steinchen
Wort für Wort
Reihe auf Reihe
wie Vers auf Vers
ein Gedicht."
Jiří Kolář wurde am 24. September 1914 als Sohn eines Bäckers und einer Wäscherin in Provitin in Südböhmen geboren. Er wuchs in der Bergwerks- und Hüttenstadt Kladno auf, lernte Tischler und schlug sich mit mehreren Hilfsarbeiterjobs durch, bevor er Schriftsteller wurde. Während des Krieges lernte er Bela Helclova kennen, auch sie später eine bekannte Künstlerin. 1949 heirateten beide und ließen sich in Prag nieder.
Obwohl sich Kolář's Kunst konkreter politischer Aussage enthielt, wurden seine Texte in der kommunistischen Tschechoslowakei als subversiv angesehen. 1953 wurde er wegen des unveröffentlichten Manuskriptes von "Die Leber des Prometheus" neun Monate lang ins Gefängnis gesperrt.
"Ich habe lange Zeit Gedichte geschrieben, vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg, vielleicht bis Ende der 50er Jahre. Und dann kam eine Zeit, wo ich mit dem Gedichteschreiben nicht mehr weiterkam und ich überlegte mir, wie kann man Gedichte schreiben, wenn man nicht schreiben kann."
Verboten und diffamiert im eigenen Land
Es entstehen Gedichte für Analphabeten - Analphabetogramme nennt er sie, "Farben"-"Duft"- oder "Kiesel"-gedichte. Ihn interessiert die Schnittstelle zwischen Sprache und Bild. Er experimentiert mit Schere und Leim, zerschneidet Briefe, Lexika, Telefonbücher, zerstückelt Sätze, Wörter und Buchstaben und baut sich eine heiter-ironische Welt aus Worten und Zeichen. Er entwickelt neue Collage-Techniken wie die Rollage - Streifenbilder - oder die Chiasmage, zerrissene und neu zusammengesetzte Bilder. Häufig arbeitet er mit dem Deja-vu-Effekt des Betrachters, wenn er bekannte Motive aus der Kunstgeschichte verwendet und sie neu komponiert. Kolář fertigt auch dreidimensionale Arbeiten und Miniatur-Objekte an. So entsteht ein eigener Kosmos aus grafischen Gebilden, voll von Zitaten und Anspielungen aus der Literatur- und Kunstgeschichte. Aufschlussreich ist sein Gedicht "Sonett":
"Nimm einen Roman
den du nicht kennst
schneide den Buchrücken ab
beseitige die Paginierung
und mische die Seiten vollkommen durcheinander
In dieser Unordnung
lies das Buch
und schreibe auf vierzehn Zeilen
seinen Inhalt."
Nach der Niederschlagung des "Prager Frühling" 1968 wurde der Künstler vom Husák-Regime verboten und diffamiert. Als er die Menschenrechtserklärung "Charta 77" unterschrieb, verschärfte sich der Konflikt mit dem Staat. 1979 ging Kolář als Gast des Deutschen Akademischen Austauschdienstes für ein Jahr nach Berlin. Als er anschließend einen Arbeitsvertrag am Pariser Centre Pompidou annahm, wurde er in der ČSSR in Abwesenheit zu einer Gefängnisstrafe verurteilt, sein Besitz wurde beschlagnahmt und ihm die Staatsbürgerschaft aberkannt.
Jiří Kolář wurde französischer Staatsbürger und fuhr nach der Samtenen Revolution 1990 zum ersten Mal wieder in seine Heimat. Nun wurde er gefeiert, in großen Ausstellungen gezeigt, mit Preisen und Orden geehrt. 1997 kehrte er zusammen mit seiner Ehefrau ganz nach Prag zurück. Jiří Kolář starb am 11. August 2002. Er wurde in einem Familiengrab auf dem Prager Friedhof Vinohrady beigesetzt.