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StartseiteBüchermarktEin isländischer Forrest Gump04.11.2020

Joachim B. Schmidt: "Kalmann"Ein isländischer Forrest Gump

Auf den ersten Blick wirkt Joachim B. Schmidts Romanheld trottelig. Denn Kalmann ist ein etwas begriffsstutziger Haifischjäger - und wird in seinem isländischen Heimatdorf oft verspottet. Dann aber stößt er auf die Spuren eines Verbrechens. Und durchblickt den Fall bald besser als alle anderen.

Von Christel Wester

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Der Schriftsteller Joachim B. Schmidt und sein Buch „Kalmann“ (Foto Kalmann: Eva Schram/ © Diogenes Verlag; Buchcover: Diogenes Verlag)
Alle vier Romane des Schweizer Autors Joachim B. Schmidt spielen auf Island, Schmidts Wahlheimat seit 13 Jahren (Foto Kalmann: Eva Schram/ © Diogenes Verlag; Buchcover: Diogenes Verlag)
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Eine der abgelegensten Ecken Islands hat Joachim B. Schmidt als Schauplatz für seinen Roman gewählt. Den Ort gibt es wirklich. Raufarhöfn heißt das Dorf am nordöstlichen Zipfel der Vulkaninsel, von hier aus fährt man nur eine Viertelstunde mit dem Auto und befindet sich schon über dem Polarkreis. In Raufarhöfn lebt Kalmann, ein knapp 34 Jahre alter Sonderling mit kindlichem Gemüt, der Polarfüchse jagt und die für Nicht-Isländer ungenießbare isländische Spezialität Gammelhai herstellt. Kalmann ist der Ich-Erzähler des Romans, durch seine Augen blicken wir auf das Dorf.

Ein Sonderling mit kindlichem Gemüt

"Meine Mutter sagte immer: 'Am Ende der Welt links abbiegen!' Ich fand das lustig, aber sie lachte nie."

Die Leute in Raufarhöfn haben in der Tat nicht so viel zu lachen. Einst war ihr Dorf ein prosperierendes Zentrum für Fischfang und Fischverarbeitung. Doch das ist lange her. Wegen der Überfischung der Meere hat Island strenge Fangquoten eingeführt, Raufarhöfn ist davon besonders betroffen. Eindrucksvoll fängt Joachim B. Schmidt die Atmosphäre in diesem Ort ein, an dem der ökonomische und soziale Wandel der ehemaligen Fischereiregionen Islands deutlich sichtbar wird.

"Ich zog mich warm an und ging an den Hafen. Hier unten standen eine ganze Menge alter Lager- und Fischverarbeitungshallen, Gebäude, die in den Fünfzigern und Sechzigern errichten worden waren und nun einknickten: die Britenbarracken und Arbeiterunterkünfte, die mächtigen Lebertran- und Öltanks. Alles leer."

Die Menschen sind abgewandert. In Raufarhöfn ist nur noch jedes dritte Haus bewohnt. Gerade mal 175 Einwohner sind diesem ehemaligen Fischereizentrum geblieben. Und der so oft beschworene Strukturwandel will sich einfach nicht einstellen, obwohl sich alle hier nach Kräften darum bemühen. Um Touristen in diese abgelegene Gegend zu locken, wurde auf Initiative eines Hotelbesitzers sogar das größte Freiluftkunstwerk Islands förmlich aus dem Boden gestampft: Ein Steinkreis mit mythologischen Motiven, "Arctic Henge" genannt, bei dem natürlich der berühmte prähistorische "Stonehenge" in England Pate stand. Doch das zeitgenössische isländische Imitat blieb unvollendet, weil dem Dorf das Geld ausging. Man könnte glauben, diese absurde Szenerie hätte der Autor für seinen Roman frei erfunden. Doch die Freiluftkunst-Ruine existiert ganz real. Und der versierte Islandkenner Joachim B. Schmidt baut sie geschickt in seine Geschichte ein. Denn der tief verschneite und nebelverhangene "Arctic Henge" wird zum Schauplatz blutiger Geschehnisse. Gleich zu Beginn stößt der Ich-Erzähler Kalmann auf eine noch frische Blutlache:

Ein Mord vor der Kulisse der isländischen Wirtschaftskrise

"Das Blut glänzte rot und dunkel im weißen Schnee. Die Schneeflocken legten sich unaufhörlich darauf und schmolzen."

Weiß Kalmann, woher das Blut stammt? Hat er etwas mit dem spurlosen Verschwinden des Hotelbesitzers zu tun, der den Bau des "Arctic Henge" antrieb, dann zum Scheitern brachte und obendrein mit Fischfang-Rechten spekulierte? Die Polizei rückt an. Im Hafen taucht außerdem ein Fass voller Drogen auf, die Presse wittert eine heiße Story. So nacherzählt, klingt Schmidts Roman nach einem Island-Krimi, doch er liest sich völlig anders, weil Joachim B. Schmidt ganz bewusst nicht die Polizeiermittlungen nicht in den Mittelpunkt der Handlung stellt, sondern seinen Sonderling Kalmann. Und der erzählt in erster Linie von seinem Alltagsleben in Raufarhöfn - und dabei berichtet er unter anderem auch von der Blutlache und dem Verschwinden des Hoteliers. Von daher laufen die Polizeiermittlungen eher im Hintergrund ab und sorgen nur unterschwellig für Spannung, zumal Kalmann sein spürbar lückenhaftes Wissen darüber nur scheibchenweise preisgibt.

"Weil es schneite und einfach alles, mal abgesehen von der roten Blutlache, weiß war und man keinen einzigen Laut hörte, fühlte ich mich, als wäre ich der letzte Mensch auf der ganzen Welt. Und wenn man der letzte Mensch auf der ganzen Welt ist, ist man froh, wenn man es jemandem erzählen kann. Darum erzählte ich es dann doch, und damit fingen die Probleme an."

Kalmann ist der selbsternannte Sheriff von Raufarhöfn

Kalmann ist eine auffällige, geradezu skurrile Erscheinung: Er läuft mit Cowboyhut, Sheriffstern und einer alten, verrosteten Pistole durch die Gegend. Doch in seinem Dorf im äußersten Nordosten Islands tun die meisten so, als sei seine Montur völlig alltäglich, obwohl hier außer ihm natürlich keiner so rumläuft. Kalmann besitzt eine gewisse Narrenfreiheit, die man als "positive Diskriminierung" bezeichnen könnte. Er ist der gut integrierte Dorftrottel, den alle irgendwie mögen, aber über den sich auch alle immer wieder gern lustig machen und dabei glauben, er merke es nicht. Doch Kalmann ist keineswegs so blöd, wie die anderen denken. Er spürt die Herabsetzung sehr genau und entwickelt Strategien, damit umzugehen.

"Ich lachte mit, denn es ist besser mit anderen zu lachen, als der Einzige zu sein, der nicht lacht. Sonst ist man einsam."

Einsam ist Kalmann jedoch auch, wenn er mitlacht. Stunden später wird er dann oft aggressiv, zerdeppert blindwütig Gegenstände und nicht selten verletzt er dabei vor allem sich selbst. Joachim B. Schmidt zeichnet seine Hauptfigur mit großer Empathie, psychologischem Feingefühl – und Humor. Die scheinbar naive mündliche Erzählweise seines Protagonisten gelingt ihm brillant. Kalmann erinnert an eine prominente Romanfigur: Winston Grooms scheinbar einfältigen Glückspilz Forrest Gump, der vor allem durch die oscarprämierte Verfilmung mit Tom Hanks in der Hauptrolle weltberühmt geworden ist. Den Forrest-Gump-Vergleich baut Schmidt selbst denn auch in seine Kalmann-Geschichte ein:

Man sollte diesen sogenannten Trottel nicht unterschätzen

"'Run, Forrest, run!', riefen sie früher im Sportunterricht und lachten sich krumm. Das ist aus einem Film, in dem der Held behindert ist, aber schnell laufen und gut Pingpong spielen kann. Ich konnte nicht schnell laufen und auch nicht Pingpong spielen."

Dafür ist Kalmann jedoch ziemlich flott im Internet unterwegs. Joachim B. Schmidt hat mit "Kalmann" einen modernen Schelmenroman von geradezu klassischem Zuschnitt geschrieben. Sein Titelheld und Ich-Erzähler muss Abenteuer bestehen und richtet mit seinem unverstellten Blick auf die Welt den Fokus auf gesellschaftliche Missstände. Er fördert unbequeme Wahrheiten zutage und stellt Zusammenhänge her, die kaum jemand so klar benennt wie er. Kalmann kann zwar nicht rechnen und nur schlecht schreiben, aber wenn er auf seine frappierend einfache Weise erklärt, wie die Spekulation mit Fischfangquoten funktioniert, leuchtet das sofort ein. Vor allem aber lernt man, wenn man ihm zuhört, viel über Vorurteile und Diskriminierung. Kalmann will sich nicht auf seine Handicaps reduzieren lassen. Schließlich verfügt er trotz seiner Defizite über erstaunliche Fähigkeiten und Begabungen, die ihn vom Durchschnitt abheben. So besitzt Kalmann einen genialen Orientierungssinn und ist ein erfahrener Fährtenleser sowie ein geschickter Haifischfänger und Jäger. Sein Erfinder Joachim B. Schmidt gönnt ihm am Ende dieses dramaturgisch ungemein raffiniert gebauten Romans dann sogar einen triumphalen Heldenauftritt: Kalmann darf mit seiner alten verrosteten Pistole das Leben einer Polizistin vor einem bedrohlichen Eisbären retten.

"Mit diesem letzten Schuss fällte ich das Eisbärenweibchen. Es fiel nach vorne, und jetzt machte mein Körper doch irgendwie nicht mehr richtig mit, denn ich reagierte nicht, blieb einfach stehen, sodass mich das Tier zu Boden riss und unter sich begrub."

Man darf verraten, dass Kalmann überlebt, denn sonst hätte er diese wunderbare Geschichte ja gar nicht erzählen können.

Joachim B. Schmidt: "Kalmann"
Diogenes Verlag, Zürich. 351 Seiten, 22 Euro.

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