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StartseitePolitische Literatur (Archiv)Joachim Fest: Die unbeantwortbaren Fragen. Gespräche mit Albert Speer.09.05.2005

Joachim Fest: Die unbeantwortbaren Fragen. Gespräche mit Albert Speer.

Edition Büchergilde Frankfurt/Main, 703 Seiten, Euro 39,90

Von einer literarischen Schein-Sensation zur nächsten angeblichen "Enthüllung": Heute Abend sendet die ARD den ersten Teil des neuesten dreiteiligen Fernsehfilm-Projekts Heinrich Breloers: "Speer und er" heißt das insgesamt viereinhalbstündige Opus, mit dem Breloer Lebensweg und Lebenslügen von Hitlers Chefarchitekten und späterem Rüstungsminister Albert Speer beleuchtet.

Von Brigitte Baetz

Albert Speer, NS-Architekt und Rüstungsminister, in seiner Nürnberger Gefängniszelle im November 1945 (AP Archiv)
Albert Speer, NS-Architekt und Rüstungsminister, in seiner Nürnberger Gefängniszelle im November 1945 (AP Archiv)

Durchaus fesselnd inszeniert und intelligent montiert, wie man es von Breloers Großprojekten gewohnt ist, liefert der Film indes weniger Neues, als es der Publicity-Rummel darum erwarten lässt. "Der Film kommt 20 Jahre zu spät", titelte denn auch die "taz" – und das mit Recht. Denn dass und wodurch Speer nach der Entlassung aus 20-jähriger Haft in Spandau die Öffentlichkeit getäuscht hat, ist schon seit 1982 in seinen wesentlichen Grundzügen bekannt. Damals – unmittelbar nach Speers Tod – veröffentlichte der Berliner Historiker Matthias Schmidt die heute leider vergriffene Studie "Albert Speer – Das Ende eines Mythos", die anhand von Originalakten Speers Mitwisserschaft über die Deportation und systematische Vernichtung der jüdischen Bevölkerung belegt.

Dass Breloers Rechercheteam dazu gerade heute weitere Aktenfunde vorgelegt hat, ist zum einen natürlich perfektes Publicity-Timing, zum anderen eine weitere Bestätigung dieser Mitwisserschaft – mehr aber auch nicht. Albert Speer, der vor dem Nürnberger Tribunal 1946 als einziger Angeklagter den reumütigen Nazi gab, hat Zeit seines Lebens behauptet, von den Vernichtungsplänen nichts gewusst zu haben. Mit dieser Doppelstrategie und durch seine von Joachim Fest und Wolf Jobst Siedler edierten Memoiren und Tagebücher avancierte er zu so etwas wie dem "Entlastungsnazi" des "gewöhnlichen" Deutschen, nach der Devise: Wenn nicht einmal Speer über das Ausmaß der Hitlerschen Verbrechen Bescheid wusste, könne das deutsche Volk es schon gar nicht gewusst haben.

Immerhin: Mit dieser noch immer weit verbreiteten exkulpierenden Verklärung dürfte durch die Öffentlichkeitswirkung von Breloers Film wohl endgültig Schluss sein, zumal nun auch Joachim Fest jene ernüchternden Notizen in Buchform veröffentlicht hat, die er sich bei Gesprächen mit Speer machte - mit "des Teufels Architekten", wie Golo Mann Albert Speer einmal bezeichnet hat.


Historikern und geschichtlich interessierten Laien gilt Albert Speer als der am wenigsten typische Nazi aus der Führungsriege des Dritten Reiches. Gut aussehend und freundlich, höflich und intelligent, beherrscht, beredt und durch und durch bürgerlich – konnte so jemand Schuld auf sich geladen haben, mit Mördern und Handlangern nicht nur am Tisch gesessen, sondern ihre Taten auch gebilligt, ja unterstützt haben? Wer war dieser Albert Speer, der zwar nach dem Krieg die Rolle des reuigen Sünders übernommen hatte, aber nie zugeben wollte, über die Ausmaße der Verbrechen informiert gewesen zu sein? Eine Antwort aus Joachim Fests Notizen:

"Wir nannten es die auffallendste Erfahrung Speers, dass er zeitlebens "everybody’s darling" war: bei seinem Lehrer Heinrich Tessenow, bei Hitler, den Nürnberger Richtern, dem Spandauer Wachpersonal und wo sonst noch. In gewisser Weise ist er auch heute noch eine solche Art "darling". Das hat ihm enorme Chancen eröffnet, die er zu nutzen verstand. Aber es war zugleich sein Lebensproblem, sein Verhängnis."

Joachim Fest und sein Verleger Wolf Jobst Siedler sind beides konservative Intellektuelle, der Herkunft und den Umgangsformen her ihrem Gesprächs- und zeitweiligen Arbeitspartner Albert Speer durchaus ähnlich. Kein Wunder, dass sie beharrlich darum rangen, ihren Gesprächspartner zu begreifen, seine Motive zu verstehen. Die Notizen, die Joachim Fest über die Gespräche der Drei angefertigt hat, bieten darüber hinaus einen spannenden Einblick in die Mühen, die Verleger und Lektor sich mit den Manuskripten Speers machten. Immer wieder drängten sie ihn, aus dem Alltagsleben über die alltäglichen Schikanen an Juden zu berichten, die er doch auch mitbekommen haben musste.

"Speer versuchte die eine oder andere Antwort, verfing sich aber in Widersprüchen und schien zuletzt ziemlich ratlos. Am Ende sagte er, er müsse, was wir einwendeten, gegen sich gelten lassen, wir hätten das Thema ja schon das eine oder andere Mal erörtert, und er habe seither des öfteren darüber nachgedacht. Er sei wohl damals der Überzeugung gewesen, dass die Moral in der Politik nichts gelte, er jedenfalls nicht befugt sei, darüber zu urteilen. Wir drängten ihn, den Vorgang in das Manuskript aufzunehmen, da er beispielhafte Bedeutung habe. Er sagte zögernd zu. Siedler meinte, als Speer gegangen war und wir noch zusammenblieben, er mache sich keine großen Hoffnungen. Speer habe wieder einmal keine einleuchtende Antwort, und dann ziehe er es, wie schon bisweilen zu bemerken war, meist vor, zu verstummen. Wir sprachen über Speers offenkundige Schuldbereitschaft bei gleichzeitiger Unfähigkeit, ihr analytisch zu begegnen. "

Siedlers Erkenntnis: Speer wollte eben auch in der Rolle des reuigen Sünders der Erste und der Beste sein. Beim Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg hatte er damit überzeugen können:

"Dieser Krieg hat eine unvorstellbare Katastrophe über das deutsche Volk gebracht und eine Weltkatastrophe ausgelöst. Es ist daher meine selbstverständliche Pflicht, für dieses Unglück nun vor dem deutschen Volk mit einzustehen. Ich habe diese Pflicht umso mehr, da sich der Regierungschef der Verantwortung vor dem deutschen Volk und der Welt entzogen hat."

Fest und Siedler blieben jedoch hartnäckig. Es ging ihnen ja nicht nur um persönliche Erkenntnis, sondern sie mussten die von ihnen verantworteten Bücher historisch absichern. Aber mehr als "hochsinnig gestanzte Formeln", wie es Fest ausdrückt, konnten sie Speer, was seine persönliche Schuld angeht, nicht entlocken. Relativ freimütig hingegen charakterisierte Speer die anderen Hierarchen des Dritten Reiches und bestätigte auch die gewisse homoerotische Anziehung, die ihn mit Hitler verband und auf die er durchaus stolz zu sein schien. Doch auf die Fragen, wie er es z.B. auf dem Obersalzberg denn in der von ihm als trostlos beschriebenen Gesellschaft der Hitlerkamarilla ausgehalten habe, wusste er wiederum keine Antworten.

"Er schien ratlos: "Man konnte nicht ausweichen", sagte er schließlich. "Es war eben der Führerkreis". Manchmal denke er heute (und dachte es vielleicht damals schon): Wer so hoch gekommen war wie er und noch höher hinauswollte, habe auch die Niederungen in Kauf nehmen müssen. Speer wirkte verwirrt, als ich skeptisch blieb. "Sie werden mir glauben", sagte er, "dass ich mit den Schaub, den Brückner und Morell nichts Gemeinsames hatte. Wer hätte mir fremder sein sollen?" – Eben."

Fest spürte immer, dass Speer ihm nie die ganze Wahrheit sagte. Und doch insistierte er bis zum Schluss. "Sie sollten mir nicht immer wieder solche unbeantwortbaren Fragen stellen", sagte Speer noch kurz vor seinem Tod 1981 zu ihm. Und nur einen Monat, nachdem der Architekt und Rüstungsminister Hitlers in London gestorben war, erfuhr Fest aus den Akten, die der Historiker Matthias Schmidt zusammengetragen hatte, dass er belogen worden war. So war beispielsweise die "Organisation Speer" an Räumungsaktionen gegen Juden in Berlin beteiligt gewesen.

"Es gab also doch, entgegen den Beteuerungen Speers, "Geheimnisse". Enttäuscht und verärgert. Zu Siedler sagte ich heute, Speer habe uns allen mit der treuherzigsten Miene von der Welt eine Nase gedreht. Ich sei nicht bereit, ihm das nachzusehen. "

Lug und Trug im kultivierten Gewand – fast ist man geneigt, Fest ob seiner Enttäuschung naiv zu nennen, wären nicht zu viele andere allzu lange auf Speer hereingefallen. Und die Frage taucht auf, ob Fest als Lektor nicht entscheidend zu Speers Selbststilisierung als reumütigem Edelnazi beigetragen hat. Wesentlich Neues aus der Zeit zwischen 1933 und 1945 bietet das vorliegende Buch nicht. Trotzdem liest man es mit Vergnügen, allein, weil Fest ein ausgezeichneter Stilist ist - und weil sich der Verdacht erhärtet, dass das "Rätsel Speer" vielleicht doch gar kein so großes ist. Vielleicht stimmt die Behauptung des britischen Historikers Hugh Trevor-Roper, der von Fest zitiert wird, dass der so genannte "Architekt des Bösen" weder korrupt noch niederträchtig war, sondern einfach nur "leer". Manchmal sind die einfachen Erklärungen die plausibelsten. Warum beispielsweise hatte Hitlers treuer Gefolgsmann und Vertrauter noch in den letzten Wochen des Krieges seinen Kopf riskiert, als er die geplanten Zerstörungen auf deutschem Boden nicht durchführen lassen wollte?

"Ich fragte Speer, ob er die Befehle zur "Verbrannten Erde" auch verweigert hätte, wenn es zuvor nicht zum Bruch mit Hitler gekommen wäre. Der Gedanke lasse mich nicht los, er habe nach so vielen Jahren der bedingungslosen Fügsamkeit zu seiner überraschenden Widersetzlichkeit nicht im Bewusstsein der Verantwortung fürs Ganze gefunden. Seine Absicht sei es vielmehr gewesen, Hitler die Vernachlässigung heimzuzahlen, die er sich in den Wochen der Krankheit ihm gegenüber herausgenommen hätte. Speer blickte ratlos auf und hatte zunächst keine Antwort. Schließlich brachte er heraus, irgendeinen Anstoß für sein Verhalten benötige jeder."

Brigitte Baetz über Joachim Fest: Die unbeantwortbaren Fragen. Gespräche mit Albert Speer. Rowohlt Verlag Reinbek, 260 Seiten zum Preis von 19 Euro und 90 Cent.

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