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Johannes Raus Kritik an der deutschen Bildungspolitik

Koczian: Bundespräsident Johannes Rau hat der deutschen Bildungspolitik die Leviten gelesen. Er hat sich präsidial, also mit wohlgesetzten Worten, geäußert, aber ins Umgangssprachliche übersetzt heißt das: die deutsche Bildungspolitik habe sträflich versagt. An verantwortlicher Stelle, Schulen sind wie Kultur überhaupt nämlich Ländersache, steht z.B. Baden-Württembergs Kultusministerin Annette Schavan von der CDU und sie begrüße ich nun am Telefon in Magdeburg. Guten Tag, Frau Schavan.

    Schavan: Guten Tag.

    Koczian: Stimmen Sie denn dem Bundespräsidenten zu in der Analyse?

    Schavan: Ich stimme dem Bundespräsidenten in vielen seiner Aussagen zu und natürlich sage ich im zweiten Satz, dass wir nicht gut uns orientieren können an den Durchschnittswerten für und in Deutschland sondern Bildungspolitik, Schulpolitik, ist Ländersache, da gibt es große Unterschiede. Das zeigen schon die Vorschläge des Forums Bildung. Es gibt Länder, die viele Vorschläge längst umgesetzt haben, andere werden das erst nachholen müssen.

    Koczian: Aber das, was der Bundespräsident beklagte ist doch nicht neu. Warum hat man nichts dagegen getan oder mehr dagegen getan?

    Schavan: Er beklagt ja zum einen etwas, das sich nicht durch ein politisches Programm oder per Knopfdruck ändern lässt, dass nämlich diese Gesellschaft zu wenig bildungshungrig ist. Dass zu viele nur fragen: Was erwarte ich vom Bildungswesen, aber nicht darüber nachdenken, was sie beitragen können. Nehmen Sie etwa den Punkt, dass nur 40 Prozent der 15-jährigen Jugendlichen sagen, dass ihre Eltern mit ihnen überhaupt über Schule und Lernerfolge sprechen. Das heißt, er hat beklagt ein Klima, das nicht gut ist zur Bildungspolitik und das teile ich. Das ist eine der Hauptaussagen, die uns PISA gemacht hat. Das zweite: er spricht ganz konkrete Maßnahmen an und da kommt man an einen Punkt, von dem ich sagen muss: es gibt Bundesländer, die haben vieles bereits umgesetzt, es gibt Bundesländer wie Baden-Württemberg, die geben 41,5 Prozent ihres Landeshaushaltes für Schule und Hochschule aus und deshalb kann man, wenn es konkret wird, nicht alle über einen Leisten schlagen. Aber es ist richtig und deshalb können alle Bundespolitiker dem Bundespräsidenten nur dankbar sein, dass er ein anderes Klima und einen anderen Stellenwert für Schule, z.B. auch für die Grundschule, einklagt.

    Koczian: Lassen Sie mich an dieser Stelle einhaken, denn das hat ja auch was mit der Aussagekraft der PISA-Studie zu tun. Da wird eben z.B. beklagt, deutsche Eltern kümmerten sich zu wenig um die Schulanforderung ihrer Kinder. Nun muss man ja nicht unbedingt antiautoritär sein, um zu wissen, dass Leistungsdruck, wenn er auch noch in den häuslichen Bereich übernommen wird, kontraproduktiv wirkt, die Seele der Kinder beschädigen kann. Ist die PISA-Studie wirklich so aussagekräftig, wie sie gehandelt wird oder gibt es nicht doch Kritikwürdigkeit?

    Schavan: Die PISA-Studie ist sehr aussagekräftig und sie fordert überhaupt nicht Leistungsdruck, der von Eltern ausgeübt werden soll. Den gibt es ja zum Teil. Sondern gefordert ist etwas ganz anderes: dass Kinder und Jugendliche Signale brauchen, dass Erwachsenen, Eltern und Lehrer, Interesse an ihnen haben. Es geht um die Frage, ob Kinder und Jugendliche ernstgenommen werden in ihrem Lernprozess, in ihrer Neugierde, in ihren Talenten. Ob sie spüren, dass Erwachsene ein Interesse haben. Es geht nicht um mehr oder weniger Leistungsdruck, es geht um Interesse, um Aufmerksamkeit und da gehört die Aussage der PISA-Studie zu den gravierendsten Aussagen, dass Jugendliche jedenfalls den Eindruck haben, die Erwachsenen haben überhaupt kein Interesse an uns.

    Koczian: Rau bezog sich vor allem auf die Elementarschulen. Der Begriff Elitebildung scheint zu einem Unwort geraten zu sein, die Frage des Niveaus des Abiturs wird zunehmend tabuisiert. Ist diese Frage der Elitebildung nicht mindestens so wichtig?

    Schavan: Elitenbildung gehört genauso zu einer überzeugenden Bildungspolitik wie Benachteiligtenförderung und das sind zwei Seiten einer Medaille. Und Sie können auch das sehr schön feststellen in Ländern, in denen nicht genügend für Benachteiligte getan wird, wird auch nicht genug für Elite getan und vice versa. PISA sagt, wir haben im Bereich der Schwachen einen viel zu hohen Prozentsatz, der nicht genügend durch unsere Förderprogramme gefördert wird. Wir haben aber auch an der Spitze einen unterdurchschnittlichen Anteil. Gutplatzierte Länder haben 15 Prozent Spitze, wir haben neun, im Durchschnitt sind es zehn. Also das darf man nicht gegeneinander ausspielen, das gehört zusammen. Richtig ist, dass in Deutschland viel zu lange der Eindruck erweckt worden ist, Kinder sollten möglichst spät eingeschult werden, die Grundschule dürfe nach Möglichkeit nicht zu stark schon systematisches Lernen ermöglichen. Das war falsch. Kinder in Deutschland sollten früher zur Schule gehen können, wir dürfen nicht so viele Kinder zurückstellen. Die Grundschule ist die große Chance für Kinder, in einem Alter, in dem sie noch sehr gerne lernen, in dem sie Lust zum lernen haben, sie tatsächlich auch etwas lernen zu lassen.

    Koczian: Nun muss ich Sie auch noch etwas anderes fragen. Sie sind ja auch auf dem Weg zur Klausurtagung des CDU-Vorstandes in Magdeburg. Wie schätzen Sie denn die Chancen Angela Merkels im Hinblick auf die Kanzlerkandidatur ein?

    Schavan: Ich schätze die Chancen der Autorität der Unionsparteien so ein, dass sie dann gut sind, dass wir Autorität erhalten, wenn nicht jeder vor der Klausur sagt, was er denkt. Und so habe ich das die letzten Wochen gehalten, so halte ich das auch heute. Wir müssen intern miteinander reden und die Positionierungen im Vorfeld schaden der Autorität.

    Koczian: Erwartet man von Baden-Württemberg eine Brückenfunktion zwischen Bayern und dem Rest der Republik?

    Schavan: Es wird von uns allen erwartet, dass wir den beiden Parteivorsitzenden das Vertrauen entgegenbringen, das wir in unseren bisherigen Vereinbarungen und Beschlüssen zum Ausdruck gebracht haben. Und ich glaube nicht, dass irgendjemand, kein einzelner und auch kein Landesverband notwendig ist, um da jetzt zu vermitteln. Parteivorsitzende müssen die Kraft und den Willen haben, das auch zu erfüllen, was sie an Auftrag haben. Die beiden haben einen Auftrag und ich habe keinen Grund, daran zu zweifeln, dass sie zu einem vernünftigen Ergebnis kommen werden.

    Koczian: In den Informationen am Mittag war das die baden-württembergische Kultusministerin und stellvertretende CDU-Vorsitzende Annette Schavan. Dankeschön.

    Schavan: Bitteschön.