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StartseiteKalenderblattGut vorbereitet in die Katastrophe19.05.2020

John Franklins letzte Polar-ExpeditionGut vorbereitet in die Katastrophe

Noch nie war eine Polar-Expedition so großzügig ausgestattet worden. Am 19. Mai 1845 brach Sir John Franklin mit seinen beiden Schiffen, der "Erebus" und "Terror", von London aus auf, um die sagenumwobene Nordwestpassage zu suchen. Die Fahrt endete in einer beispiellosen Tragödie.

Von Irene Meichsner

Eine Zeichnung der "Erebus", die John Franklin bei seiner letzten Expedition genutzt hat. (imago)
Eine Zeichnung der "Erebus", die John Franklin bei seiner letzten Expedition genutzt hat (imago)
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"Laß mich Dir versichern, liebste Jane, daß ich mit allem, was ich für meine Fahrt brauche, hinreichend versorgt bin. Ich beginne diese Reise in der ruhigen Gewißheit auf Gottes gnadenreiche Führung und seinen Schutz und daß er Dich segnen, trösten und beschützen wird."

Nein, bei dieser Expedition konnte nichts schief gehen, davon war Sir John Franklin fest überzeugt, und diese Zuversicht spiegelte sich auch in den letzten Briefen an seine Frau wider, die er schrieb, als er schon unterwegs war.

Franklin, 1786 geboren, sollte im Auftrag der britischen Admiralität die "Nordwestpassage" suchen – jene sagenumwobene, direkte Verbindung zwischen dem Atlantik und dem Pazifik, von der man annahm, dass sie in den arktischen Regionen nördlich von Kanada existierte.

8.000 Konservendosen und 17.000 Liter Schnaps

Franklin war schon zwei Mal in der Arktis gewesen und freute sich auf das Abenteuer. Seine beiden Schiffe, die "Erebus" und die "Terror", waren technisch auf dem neuesten Stand. Sie verfügten über eine kohlebetriebene Zentralheizung und eine Dampfmaschine, die es ermöglichen sollte, auch bei einer Flaute zu manövrieren. Auch der Proviant war üppig bemessen, darunter fast 8.000 Konservendosen mit Fleisch, Suppen und Gemüse, tonnenweise Zwieback, Mehl, Zucker, Rosinen, Tabak, Tee und Schokolade, fast 17.000 Liter Schnaps und über 4.000 Liter Zitronensaft.

"Du brauchst Dir um unser Wohlergehen also nicht die geringsten Sorgen zu machen, selbst wenn es erforderlich werden sollte, dass wir in dieser Region zweimal überwintern."

Am 19. Mai 1845 war Franklin von London aus aufgebrochen. Ein Versorgungsschiff begleitete ihn bis nach Grönland. In der Baffin Bay traf er noch zwei Walfänger, die später erzählten, er sei in jeder Hinsicht guter Dinge gewesen. Dann zogen die "Erebus" und die "Terror" weiter.

Noch bevor sie außer Sicht gerieten, habe es zu schneien begonnen, schrieb Sten Nadolny in seinem Roman "Die Entdeckung der Langsamkeit". Bei einer Lesung sagte Nadolny: "Starke Schiffe, mit allem versehen, rührige Matrosen, respektable Offiziere, alle furchtlos und gutgelaunt unter dem Kommando eines geduldigen und ganz unbeirrten alten Gentleman, dieses Bild der Expedition blieb stehen vor den Augen der Welt."

Die genauen Abläufe der Tragödie sind unklar

Was danach passierte, weiß man bis heute nur in groben Zügen. Fest steht, dass Franklin erst durch den "Wellington Channel" nach Norden segelte, dann aber wieder umkehrte, um sein Heil weiter im Süden zu suchen. Im September 1846 blieb er im Packeis vor King-William-Island stecken. Einer Notiz zufolge, die einer seiner Offiziere unter einem Steinhaufen deponierte und die ein Suchtrupp erst viele Jahre später entdeckte, starb er im Juni 1847, die Todesursache ist unbekannt.

Im April des darauffolgenden Jahres, nach der dritten Überwinterung, gaben die 105 Männer, die zu diesem Zeitpunkt noch lebten, die Schiffe auf. Sie wollten zu Fuß einen rund 350 Kilometer entfernten kanadischen Handelsposten erreichen, waren dafür aber schon viel zu erschöpft. Der britische Marineoffizier Francis McClintock fand im Westen von King-William-Island menschliche Überreste und Ausrüstungsgegenstände.

Die Grabsteine der Mannschaft des britischen Polarforschers Sir Franklin auf der zu Kanada gehörenden Insel Beechey Island. (dpa)Grabsteine der Franklin-Mannschaft in Kanada (dpa)

"Manche Männer hatten Tafelsilber mit sich geschleppt, vielleicht um es bei den Eskimos gegen Nahrung zu tauschen. Andere hatten schwere Boote übers Eis gezogen, die sie irgendwann liegenlassen mußten, meist mit einem Teil der Lebens­mittelvorräte. Neben einem der Boote fand McClintock mehrere Skelette und vierzig Pfund noch gut genießbare Schokolade", sagte Nadolny.

Einige konnten sich noch an die Schiffe der Engländer erinnern. "Eine alte Frau hatte sogar den letzten Marsch der Weißen von ferne beobachtet: ‚Sie starben im Gehen. Sie fielen hin, wo sie gerade gingen und standen, und waren tot.’ Warum hatten die Eskimos den Weißen nicht geholfen? ‚Es waren schrecklich viele, und wir hungerten selbst so schlimm wie nie zuvor’", berichtete Nadolny.

Bei einigen der untersuchten Leichen zeigten sich Anzeichen von Skorbut. Manches spricht auch dafür, dass unter den Männern die Tuberkulose grassierte. Erst 2014 entdeckten Taucher das Wrack der "Erebus" und zwei Jahre später auch das Wrack der "Terror". Mehr als 350 Artefakte wurden inzwischen geborgen – die stillen Zeugen einer beispiellosen Tragödie.

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