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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturWarum wir die Sprache des Geldes nicht verstehen21.09.2015

John LanchesterWarum wir die Sprache des Geldes nicht verstehen

Weniges hat die Öffentlichkeit in den vergangenen Jahren so sehr geprägt wie die Finanzkrise. Immer neue Begriffe kamen auf, immer weniger wurde verstanden. "Es ist wie ein Zaubertrick: Man fördert das Allgemeinwohl, indem man einzelnen Leuten erlaubt, ihren Gewinn in selbstsüchtiger Manier zu maximieren" - so definiert John Lanchester Neoliberalismus. Und nicht nur das: Der Autor hat sich daran begeben, den Menschen die gesamte Sprache des Geldes zu erklären.

Von Catrin Stövesand

Geld liegt in einem Blumenkübel (dpa / picture alliance / Thomas Eisenhuth)
Die nächste Finanzkrise kommt gewiss. (dpa / picture alliance / Thomas Eisenhuth)
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"Versteh' ich ja doch nicht; ist mir zu kompliziert" So oder ähnlich lauten die üblichen Vorbehalte, wenn es darum geht zu begreifen, wie Wirtschaft funktioniert, wie vor allem der Finanzsektor arbeitet, welche Regeln dort – wenn überhaupt noch - herrschen und warum so Vieles so falsch läuft. Aber genau über diesen letzten Punkt möchte man ja gern auch mal fundiert statt abstrakt und stammtischmäßig streiten. Und hier nimmt John Lanchester die neugierigen Laien bei der Hand.

Der Schriftsteller und Journalist schildert, wie er sich als Außenseiter dem Thema genähert und es schließlich Stück für Stück für sich erschlossen hat. Geld beziehungsweise die Welt des Geldes hat eine eigene Sprache. Wer die nicht lernt, kann nicht mitreden. Und so erläutert Lanchester im ersten Teil seines Buches die Besonderheiten dieser Sprache, etwa dass sie frei von jeglicher moralischer Implikation ist. Das überrascht zunächst, denn wenn man über Wirtschaft diskutiert, geht es auch immer um eine ethische Bewertung von Systemfragen, fiskalischen Entscheidungen oder Ähnlichem. Lanchester konstatiert: "Moral und Ethik sind zu grundlegend, zu fundamental, um in der Wirtschaftswelt direkt und unmittelbar thematisiert zu werden. Die Sprache des Geldes enthält keine implizite moralische Perspektive. Dadurch kann diese Sprache auf Menschen, die eine ganz andere Art von Kommunikation gewohnt sind, manchmal recht provozierend, um nicht zu sagen schockierend nüchtern wirken."

Beispiel: Bail out

Eine weitere Eigenheit der Sprache Geld ist für Lanchester die "Gegenteilisierung". Das heißt, ein Begriff wird mit der Zeit in sein Gegenteil verkehrt. Beispiel: Bail out: "Der englische Begriff 'bail-out' hieß ursprünglich so viel wie ‚Wasser aus einem Boot schöpfen'. In der Zwischenzeit wurde auch er gegenteilisiert und bedeutet nun, dass ein in Schieflage geratenes Finanzinstitut mit öffentlichen Geldern gerettet wird. Aus dem Entfernen von etwas Gefährlichem wurde das Hinzufügen von etwas Überlebenswichtigem."

Warum aber kommt es zu dieser Gegenteilisierung? Lancester: "Es ist seltsam, welche Entwicklung die Wörter nehmen. Was dahinter steckt, ist ein konstanter Druck, immer mehr Saft aus der Orange pressen zu müssen, also stets mehr Geld aus bestehendem Kapital zu erschaffen. Ein ständiger Innovationsdruck. Und diese permanente Innovation wirkt sich auf die Sprache aus, bewirkt diese Umkehr der Wortbedeutung."

Derivate,. Deflation, Mitnahmeeffekt

Den zweiten Teil des Buches bildet ein alphabetisch sortiertes Glossar zur Sprache Geld. Wichtige Begriffe und Namen werden in kurzen Artikel erläutert und eingeordnet. Anschaulich erklärt Lanchester etwa, was Derivate sind, wie man antizyklisch handelt, warum Deflation schlecht ist und was die Vorteile von niedrigen Steuern sein könnten - anhand der Begriffe Mitnahmeverlust oder Mitnahmeeffekt. Dies sind: "Kosten, die unter anderem als indirekte Folgen von Steuern entstehen. Wenn eine Regierung für alle Unternehmen die Steuer erhöht, kommt zwar von den Unternehmen, die Steuern zahlen, mehr Geld in die Kassen, aber die erhöhten Steuern führen gleichzeitig dazu, dass andere Unternehmen bankrott gehen und daher überhaupt keine Steuern mehr zahlen. Das ist ein Mitnahmeeffekt der Steuererhöhung."

Natürlich kommt ein Außenseiter der Wirtschaft nicht umhin, den Neoliberalismus unter die Lupe zu nehmen. Bereits im ersten Teil erläutert Lanchester dessen Wesen oder Unwesen: "Es ist wie ein Zaubertrick: Man fördert das Allgemeinwohl, indem man einzelnen Leuten erlaubt, ihren Gewinn in selbstsüchtiger Manier zu maximieren. Dabei verspricht der Neoliberalismus, diese Entwicklung sei unbedenklich, solange die Armen dabei ebenfalls reicher werden. Mit der Flut steigen alle Boote – so lautet der Gemeinplatz."

"Neoliberale Agenda steigert Ungleichheit innerhalb von Staaten"

Das habe bisher nicht funktioniert, hält Lanchester fest. In den einzelnen Staaten habe der Neoliberalismus die Schere zwischen Arm und Reich weiter geöffnet. Dennoch seien auch Erfolge zu verzeichnen, meint er: "Was man über die neoliberale Agenda sagen kann, ist: Ja, sie steigert die Ungleichheit innerhalb von Staaten. Aber den internationalen Handel zu deregulieren und mehr Kapitalströme zuzulassen, hat auch dazu geführt, dass auf der Welt insgesamt mehr Gleichheit hergestellt wird. Die arme Welt wird reicher, das ist messbar. Wenn man sich die Milleniumsziele der UN anschaut: Wir haben die Kindersterblichkeit halbiert. Und während 1980 noch die Hälfte der Weltbevölkerung in absoluter Armut leben musste, sind es jetzt weniger als 20 Prozent. Das ist Fortschritt in einem Ausmaß, das die Welt vorher noch nicht gesehen hat. Eine klare Folge des liberalen Handels."

Ein Nebeneinander von zunehmender Gleichheit wie Ungleichheit also. Und schon deshalb müsse man nach Alternativen zur herrschenden Wirtschaftsordnung suchen, meint Lanchester. Den Wirtschaftswissenschaftler Milton Friedman zitierend spricht sich der Autor dafür aus, Ökonomie wie einen Werkzeugkasten zu benutzen. Es gelte, für jedes Problem das geeignete Werkzeug finden und zu einem anderen Modell zu greifen, wenn sich das Problem gewandelt hat.

Die Reformen sind zu zaghaft

Eine der drängendsten Aufgaben sei die Regulierung des Finanzsektors. Die Banken müssten mehr Eigenkapital, mehr Reserven vorhalten, damit sie die Risiken ihrer Geschäfte selbst tragen könnten. Das ist mittlerweile Konsens. Aber die Umsetzung geht Lanchester nicht schnell genug. Er rechnet damit, dass sich die Fehler noch einmal wiederholen werden. "Es ist verheerend, eine Krise nicht zu nutzen. Und die Krise 2008 wurde nicht genutzt. Was sich danach hätte ändern sollen, wurde nicht geändert. Der Neoliberalismus kann also nochmal eine Runde um den Block machen, bevor die nächste strukturelle Krise kommt - und dann wird es ein kollektives Erwachen geben. Die Fehler sind bekannt, sie wurden aber nicht richtig verarbeitet. Das wird passieren - leider jedoch nach einer weiteren Krise."

Die Reformen sind zu zaghaft. Auch das ist wohl gesellschaftlicher Konsens. Über das "wie weiter" darf nun nach Herzenslust gestritten werden. Jetzt, da man "Geld" sprechen kann. Lanchester ermächtigt den geneigten Wirtschaftslaien dazu, einen Standpunkt einzunehmen und mitzureden. Das Buch ist anekdotenreich und gut lesbar. Der erste Teil hat ein paar Längen. Und das Schlagwortverzeichnis verlangt eigentlich nach einem Index, den es leider nicht gibt. Lediglich auf der letzten Seite findet sich eine kurze Navigationshilfe. Von solchen kleinen Schwächen abgesehen ist die Lektüre jedem zu raten, der auch "Geld" sprechen oder zumindest verstehen möchte. Denn es ist zu erwarten, dass Lanchester Recht hat: Die nächste Krise kommt gewiss.

John Lanchester: "Die Sprache des Geldes und warum wir sie nicht verstehen"
Übersetzt von Dorothee Meckel, Klett-Cotta Verlag, 352 Seiten, 19,95 Euro.

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