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StartseiteForschung aktuellWelche Folgen der Lieferstopp für Deutschland haben könnte14.04.2021

Johnson & Johnson in der EUWelche Folgen der Lieferstopp für Deutschland haben könnte

Bis zu 55 Millionen Corona-Impfdosen sollte der US-Pharmahersteller Johnson & Johnson bis Ende Juni in die EU liefern. Wegen seltener Fälle von Hirnvenenthrombosen in den USA wurden die Lieferungen ausgesetzt. Die Parallelen zum Vektorimpfstoff von Astrazeneca sind auffällig.

Von Volkart Wildermuth

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Das Foto zeigt eine Ampulle mit dem Präparat von Johnson&Johnson. (AFP / KAMIL KRZACZYNSKI )
Nach selten aufgetretenen Komplikationen mit Sinusvenenthrombosen in den USA hat Johnson & Johnson die geplanten Lieferungen seines Corona-Impfstoffes in die EU ausgesetzt. (AFP / KAMIL KRZACZYNSKI )
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Der US-Impfstoffhersteller Johnson & Johnson hat am 13. April 2021 beschlossen, die Markteinführung seines Präparats in Europa zu verschieben. Grund sind nach Angaben des Konzerns seltene Fälle von Sinusvenenthrombosen, die nach einer Impfung aufgetreten waren. Die US-Gesundheitsbehörden hatten zuvor zu einer Aussetzung von Corona-Impfungen mit dem Mittel in den USA geraten. Die Europäische Arzneimittelbehörde EMA hatte vergangene Woche mitgeteilt, Fälle von Thrombosen nach einer Impfung mit dem Vakzin zu prüfen.

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Was bedeutet der Stopp der EU-Einführung für die laufenden Impfprogramme bei uns?

Sollten sich die Zusammenhänge auch bei Johnson & Johnson bestätigen, dann wäre das schon ein Problem. Dann würde der Impfstoff wohl ähnlich wie Astrazeneca nur für ältere Menschen über 60 empfohlen werden. In Deutschland sollten in der ersten Jahreshälfte eigentlich zehn Millionen Dosen dieses Impfstoffs zum Einsatz kommen. Wenn die jetzt nicht an Menschen unter 60 gehen sollen, vergrößert das die Versorgungslücke, die durch den Ausfall des Astrazeneca-Vakzins für diese Altersgruppe entstanden ist. Gerade wurde bekannt: Die EU erhält dafür offenbar jetzt mehr Biontech-Impfstoff, neun Millionen zusätzliche Dosen davon gehen an Deutschland. Außerdem steht demnächst die Zulassung des RNA-Impfstoffs des Tübinger Unternehmens Curevac an. Viele fordern jetzt auch, noch viel mehr bei Biontech und Moderna zu bestellen, aber da kann man kurzfristig nicht einfach die Produktion hochdrehen.

Es könnte also sein, dass sich das Ziel, jedem Erwachsenen in Deutschland bis Ende des Sommers ein Impfangebot zu machen, allein mit RNA-Impfstoffen nicht erreichen lässt. Eine Möglichkeit wäre dann, dass die Ständige Impfkommission die Altersbeschränkungen für die Vektorimpfstoffe von Astrazeneca und Johnson & Johnson wieder absenkt. Denn auch die retten ja unterm Strich Leben. Wenn die Alternative RNA-Impfstoff nicht zur Verfügung steht, ist es auch für Jüngere sinnvoll, sich mit diesen Präparaten impfen zu lassen.

Wie häufig gab es Probleme nach einer Impfung mit dem Vakzin von Johnson & Johnson?

Aus den USA sind inzwischen sechs Fälle von Sinusvenenthrombosen bekannt, wo Blutgerinnsel Gefäße im Gehirn verstopft haben. Betroffen waren durchweg Frauen im Alter zwischen 18 und 48 Jahren, die unter den insgesamt 6,8 Millionen Impflingen waren. Die Komplikationen sind also extrem selten: Es gibt weniger als einen Fall pro einer Million Impfungen. Die Amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC hat dennoch die Aussetzung der Impfung empfohlen - aus einem "Übermaß an Vorsicht" wie es offiziell heißt. Am Mittwoch (14.04.21) tritt in den USA ein Expertenkomitee zusammen, das klären soll, wie es weitergeht.

Gibt es einen Zusammenhang mit den Problemen bei Astrazeneca?

Was das Vakzin von Astrazeneca angeht: Da weden europaweit inzwischen über 200 mögliche Fälle unter mehr als 34 Millionen verabreichten Impfdosen diskutiert - also doch mehr als ursprünglich bekannt waren. Insofern ist davon auszugehen, dass es auch in den USA noch zu Nachmeldungen kommen wird und die Zahlen steigen. Interessant ist in der Tat, dass diese sehr seltenen Symptomkombinationen sowohl bei Astrazeneca als auch bei Johnson & Johnson auftreten. Denn beide Impfstoffe nutzen Adenoviren. Diese eigentlich harmlosen Schnupfenviren bringen die Erbinformation für das Corona-Spike-Protein in den Körper und lösen so die gewünschte Immunreaktion aus. Die Vertreter der amerikanischen Aufsichtsbehörden wollten noch nicht von einem Klasseneffekt sprechen, also einer Nebenwirkung, die generell bei diesem Typ von Vektorimpfstoff auftritt. Aber mehrere deutsche Forscher und Mediziner gehen davon aus, dass es doch mit den Adenoviren zusammenhängen könnte. Auch der russische Impfstoff Sputnik V und der chinesische CanSino basieren auf Adenoviren.

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Wie sieht die Bilanz von Nutzen und Risiko bei Vektorimpfstoffen aus?

Es handelt sich um wirklich extrem seltene Nebenwirkungen, die da jetzt beobachtet wurden. Das englische Winton Center für Risikokommunikation hat das für Astrazeneca ausgerechnet. Für alle über 30 Jahre senkt die Impfung das Risiko für eine Behandlung auf der Intensivstation - und zwar trotz der möglichen Thrombosen. Und bei einer 7-Tages-Inzidenz über 120 Neuinfektionen unter 100.000 Einwohnern gilt das sogar auch für Menschen in den Zwanzigern. Das heißt unter Strich: Für fast alle Menschen übersteigt der Nutzen der Impfungen das mögliche Risiko deutlich.

Welcher Mechanismus ruft die Nebenwirkungen hervor?

Untersuchungen aus Greifswald deuten darauf hin, dass am Ende eine Autoimmunreaktion zu den Problemen führt. Also Antikörper, die sich gegen die eigenen Blutplättchen richten. Auch wenn diese Theorie noch nicht endgültig gesichert ist, hat die Deutsche Gesellschaft für Thrombose- und Hämostaseforschung Empfehlungen für Tests vorgelegt, mit denen sich diese Reaktion erkennen lässt und auch Therapievorschläge gemacht. Etwa die Gabe von Antikörperpräparaten, die die gefährliche Immunreaktion sozusagen verdünnen können.

Bisher war das nur als extrem seltene Nebenwirkung des Blutverdünners Heparin bekannt. Das ist ein großes Molekül mit vielen negativen Ladungen. Andreas Greinacher von der Universität Greifswald hat darauf hingewiesen, dass ja auch die DNA negative Ladungen trägt. In Mäuseversuchen konnten schon vor Jahren mit DNA solche Autoimmunreaktionen verstärkt werden, aber eben nicht mit RNA. Adenoviren nutzen DNA als Erbgut. Vielleicht treten diese Probleme deshalb bei den Impfstoffen von Astrazeneca und Johnson & Johnson auf, aber nicht bei den RNA-Impfstoffen von Biontech und Moderna.

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