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Jonathan Franzen: "Das Ende vom Ende der Welt"Weckruf für den Naturschutz

Stoisch vorgetragene Analysen, sachlicher Ton und analytische Schärfe: In 16 Essays schildert Jonathan Franzen komplexe ökologische Zusammenhänge - und plädiert für einen Naturschutz, der jeden einzelnen in die Pflicht nimmt. Dabei machen kleine und konkret benannte Probleme die Aufgaben überschaubarer.

Von Michael Watzka

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Zu sehen ist Jonathan Franzen und das Cover seines Romans "Das Ende vom Ende der Welt". (Autorenfoto: Beowulf Sheehan / Cover: Rowohlt Verlag)
Jonathan Franzen: „Das Ende vom Ende der Welt“ (Autorenfoto: Beowulf Sheehan / Cover: Rowohlt Verlag)

"Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten!" - so beginnt Bertolt Brechts berühmtes Gedicht "An die Nachgeborenen", verfasst Ende der 1930er-Jahre auf der Flucht vor der Nazi-Diktatur. Die wohl noch bekanntere Zeile ist aber die gleich daran anknüpfende Frage: "Was sind das für Zeiten", sinniert Brecht nämlich, "wo ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist, weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschließt!" In der neuen Essaysammlung des Amerikaners Jonathan Franzen, die dieser Tage im Rowohlt Verlag erscheint, verhält es sich mit dem Gespräch und den Bäumen genau umgekehrt: Nicht etwa die Flucht ins belanglose Plaudern über die Natur ist es, die bei Franzen zum Verbrechen wird, sondern das Ausbleiben einer ernsthaften Auseinandersetzung mit den Problemen der Umwelt.

Finstere Zeiten, wenn das Gespräch über Bäume ausbleibt

Als ein in Zeiten von allgegenwärtiger Umweltzerstörung beinahe sträfliches Unterlassen wird das viel zu oft ausbleibende Gespräch über die Umwelt bei Franzen dabei zum Sinnbild für den Zustand der gegenwärtigen Gesprächskultur. Unter dem auf Brecht verweisenden Titel "Der Essay in finsteren Zeiten" eröffnet er den Band mit einem 26 Seiten langen Zustandsbericht über den Essay als literarische Form. Die, so möchte man meinen, sollte in Zeiten omnipräsenter Subjektivität auf Twitter und extremer gesellschaftlicher Polarisierung ja eigentlich Konjunktur haben. Eigentlich. Denn folgt man Franzens Argumentation, dann wurde in den Jahren, während derer die im neuen Band versammelten Essays entstanden sind, nicht nur die letzte Ausfahrt mit Blick auf eine mögliche Rettung des Weltklimas verpasst. Nein, auch die Bedingungen, unter denen öffentlichen Äußerung stattfindet, haben sich seither entscheidend verändert, meint Jonathan Franzen:

"Wenn ich in einem Essay im Jahr 2000 etwas riskiert habe, dann habe ich zum Beispiel etwas für mich potenziell Beschämendes preisgegeben. Die Leute haben den Essay vielleicht gelesen, sie haben sich aufgeregt, waren anderer Meinung, haben mich vielleicht attackiert, aber Sie hätten all das in gedruckter Form getan - heute dagegen liest niemand mehr den eigentlichen Text. Man liest einen kleinen Auszug den jemand retweeted hat und über den derjenige etwas Abfälliges gesagt hat. Es herrscht eine grundlegende Inkompatibilität zwischen der gedanklichen Komplexität in einem fertigen Stück Text und der Art und Weise, wie die meisten Leute heutzutage kommunizieren."

Stoischer Blick statt apokalyptisches Raunen

Derart eröffnet scheint die Grundtonlage diese Bandes klar. Mit Blick auf die Umwelt und die Möglichkeiten öffentlichen Sprechens als den beiden Hauptmotiven der Sammlung geht es Franzen ums Ganze. Die insgesamt 16 Stücke lesen sich immer wieder wie eine handfeste Kulturkritik. Dabei darf der einleitende Essay, der zuerst 2017 im britischen Guardian erschien und auf Deutsch wenige Wochen später in der Literarischen Welt, durchaus als so etwas wie die thematische Exposition der Sammlung dienen. Allerdings verfällt Franzen im Folgenden keineswegs in verzweifelte, mahnende, apokalyptisch-raunende oder gar zynisch-wütende Tiraden - im Gegenteil: Seine stoisch vorgetragenen Analysen, sein sachlicher Ton und die analytische Schärfe, die seine Prosa auszeichnet, stehen im scharfen Kontrast zu der von ihm diagnostizierten Aufgeregtheit in den Sozialen Medien. Sie spiegeln so auch den ruhigen Duktus, in dem der Autor selbst spricht:

"Wenn Sie genauer hinschauen, dann sehen Sie, dass der Essay eine Reihe von Eigenschaften besitzt, die dem meisten von dem, was Sie in den Sozialen Medien finden, diametral widersprechen. Zum einen ist der Essay ein sorgfältig komponiertes Stück Text, und keine spontane Äußerung. Zum anderen geht man im Essay immer ein gewisses Risiko ein: Man kehrt etwas in sich nach außen, und das nicht innerhalb der Grenzen einer sicheren Community online, sondern vor einer abstrakten Leserschaft. Schließlich ist der Essay für einen Autor auch eine Art Entdeckungsreise. Sie beginnen bei festen Überzeugungen und fangen dann an, diese zu untergraben. In einem guten Essay müssen Sie am Ende immer woanders ankommen, als wo Sie am Anfang gestartet sind."

Sprachliche Leichtigkeit auch in der deutschen Übersetzung

Und diese metaphorische Reise lässt sich im Band auch geografisch nachvollziehen. Denn Franzen, das zeigt das weltumspannende Netz der Schauplätze in diesem Band, ist ein weitgereister Autor: Wir folgen ihm zum Vogelbeobachten nach Jamaika, fahren mit auf Safari in Ostafrika, nehmen Teil an einer Schifffahrt in die Antarktis und bekommen Einblicke in gefährdete Habitate im Süden Neuseelands. Dabei plädiert Franzen nicht zuletzt auch für eine andere Art von Tourismus: Abgesehen von der gelegentlichen Abscheu etwa, der ihn bei der Fotomanie seiner Zeitgenossen packt, geraten Franzens Essays so zu regelrechten Milieustudien. Und dieses Milieu, das Gespräch über Vögel, Bäume und Wälder, Landschaften, Flugrouten und ganz allgemein über den Zustand des Planeten wird so zum eigentlichen Gegenstand dieser klugen Texte.

Angesichts dieser thematischen Bandbreite und des zum Teil kniffligen Vokabulars muss man hier die hervorragende Arbeit der beiden Übersetzer hervorheben. Denn die abwechselnd von Bettina Abarbanell und Wieland Freund besorgten Übertragungen glänzen auch im Deutschen durch ihre sprachliche Leichtigkeit. Allein der Titel der deutschen Ausgabe scheint etwas ungünstig gewählt.

Klimadebatte als Placebodiskussion

Denn wenn Franzen den Band im  Original "The End of the End of the Earth" nennt, dann ist damit im ganz handfesten Sinne die Erde selbst gemeint als denkbar gefährdeter Erbteil der Menschheit - und nur in zweiter Hinsicht auch das viel existentialistischere klingende "Ende vom Ende der Welt", wie es der Titel im Deutschen fasst. Der Autor:

"Für mich war es speziell in diesem Buch notwendig, ehrlich zu sagen, wie schlecht es um die Umwelt steht. Das ist nicht unbedingt eine pessimistische Haltung, es ist eher so, wie wenn man als Mensch seine eigene Sterblichkeit akzeptiert. Man ist einfach besser dran, sobald man einsieht, dass man eines gar nicht mehr so fernen Tages tot sein wird. Aus moralischer Sicht ist das sogar eher eine optimistische Einsicht. Denn im Umkehrschluss heißt das: Okay, dann fange ich besser an, das zu schätzen, was ich momentan in meinem Leben um mich habe.'"

Zu ausschließlich, so Franzen, liege der Fokus derzeit auf dem Klimawandel. Als ephemere, vage Bedrohung, die ohnehin nicht mehr abzuwenden sei, ersetze die Klimadebatte als Placebodiskussion mitunter die viel konkreteren Maßnahmen, mit denen Einzelne tatsächlich Änderungen erwirken könnten. Als Lösung zeigt der Autor den Fokus auf das Kleine auf - und plädiert sozusagen für einen 'essayistischen' Naturschutz, das heißt für punktuelle, subjektiv erfahr- und erwirkbare Veränderungen am konkreten Beispiel.

Ein Essay und sein Autor im digitalen Shitstorm

Dabei spielt Franzen keineswegs die reale Bedrohung des Klimawandels herunter, vielmehr geht es ihm um den öffentlichen Diskurs, der eben leider allzuoft bei den Treibhausgasen halt mache. Und den Einzelnen aus der Verantwortung entlässt. Mit dieser Argumentation geriet der Autor 2015 online ins Zentrum eines kleinen Shitstorms. Franzen wurde als Klimawandelleugner bezeichnet und öffentlich angefeindet. Dabei ist sein Argument eigentlich viel differenzierter: Nicht darum gehe es, den Klimawandel zu leugnen, sondern vielmehr darum, dort zu wirken, wo es tatsächlich Aussicht auf Verbesserung gibt:

"Das Argument hat sich ganz von alleine eingestellt. Die kleinen Probleme sind in ihrer Komplexität eigentlich viel interessanter als das eine große Problem. Das große Problem momentan lässt sich runterbrechen auf die Formel: Wir blasen zu viel CO2 in die Atmosphäre. Das kleinere Problem dagegen - etwa, wie man einen Trockenwald im Norden Costa Ricas erhält - das ist eine unglaublich interessante Geschichte. Und als Schriftsteller gefällt mir natürlich dieses Story-Element, wobei die Geschichte für mich erst dadurch interessant wird, dass man selbst Teil von ihr werden kann, dass das Ganze klein genug ist, dass man tatsächlich was bewirken kann. Und das ist wiederum eine schriftstellerische Tugend für mich, denn als Schreiber sucht man immer nach einer Art Einsatz. Ich glaube also, dass es da durchaus eine Entsprechung gibt zwischen meinem Fokus einerseits auf konkrete Umweltprobleme und dem Fokus meiner Texte andererseits auf solche Figuren, die etwas wollen, sowohl in meiner Fiktion als auch in meinen Essays."

Lebensbejahendes Statement

Die zahlreichen persönlichen Schlaglichter sind es, die Franzens Essays letztlich so lesenswert machen. In seinen Schilderungen komplexer ökologischer Zusammenhänge ist der Band zugleich augenöffnend und ein Weckruf, auch weil er einem selbst immer wieder den Spiegel vorhält und zeigt, wo man sich mit Blick auf den virtuellen CO2-Fußabruck oder den Gebrauch klimaneutraler Produkte mitunter selbst etwas zu leicht aus der Affäre zieht. Dieses Bewusstsein ist es, auf das Franzen mit seinen Essays abzielt, und damit ist der Band letztlich alles andere als pessimistisch. Das eindringliche Plädoyer dafür, selbst Initiative zu ergreifen, ist vielmehr ein ungemein positives, lebensbejahendes Statement - und das auch in aus vielerlei Gründen ziemlich finsteren Zeiten.

Jonathan Franzen: Das Ende vom Ende der Welt
Aus dem Englischen von Bettina Abarbanell und Wieland Freund
Rowohlt Verlag, Hamburg, 2019
256 Seiten, 22 Euro

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