Mittwoch, 15.08.2018
 
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Jonathan McMillan"Das Ende der Banken"

Die Folgen der letzten Finanzkrise sind noch immer spürbar. Und seitdem habe es nicht die richtigen Reformen gegeben, bemängelt das Autorenduo unter dem Pseudonym Jonathan McMillan. Die Fachleute fordern, dass Banken künftig bei Kreditvergaben kein Buchgeld mehr schaffen dürfen.

Von Caspar Dohmen

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Die Skyline des Londoner Finanzzentrums "The City" - gesehen von der Tate Modern.  (HIntergrundbild: dpa/ Buchcover: Campus Verlag)
Mit der Sozialisierung von Bank-Verlusten sollte nach der Finanzkrise eigentlich Schluss sein. Die neuen Eigenkapitalregeln reichen nach Ansicht der Autoren allerdings nicht aus. (HIntergrundbild: dpa/ Buchcover: Campus Verlag)
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Mancher redet schon vom Ende der Banken: Tatsächlich schließt vielerorts die Filiale um die Ecke und immer öfter übernehmen Algorithmen statt Menschen Entscheidungen über Anlagen oder Kredite. Aber dies markiert nur einen Umbau der traditionellen Banken, die sich neue technologische Möglichkeiten zu Nutze machen und sich zu digitalen Geldhäusern wandeln. Selbst technologisch versierte Neulinge haben ohne eine Banklizenz gegen die Platzhirsche keine Chance, weil ihnen etwas Entscheidendes fehlt: Jede Bank schafft bei der Vergabe von Krediten selbst Geld, die örtliche Sparkasse genauso wie der Wallstreet-Gigant - ein unschlagbarer Wettbewerbsvorteil.

Denn Banken können dieses Geld auch nutzen, um eigene Geschäfte zu tätigen. Große Banken genießen zudem eine Art Überlebensgarantie. Im Falle einer drohenden Insolvenz helfen Staaten und Zentralbanken, um zu verhindern, dass andere Banken angesteckt werden. Dieser Mechanismus kann gravierende Folgen haben. Erleben konnte man dies nach der Pleite der US-Investmentbank Lehman Brothers 2007.

"Die massive Ausdehnung staatlicher Garantien erhöht den Anreiz, sich in übertrieben risikoreiche Geschäfte zu stürzen; gleichzeitig gelingt es der Bankenaufsicht nicht, die Finanzinstitute wirksam vom Eingehen dieser Risiken abzuhalten. Das Bankwesen ist außer Kontrolle geraten." stellen Jürg Müller, Redakteur bei der wirtschaftsliberalen Neuen Zürcher Zeitung, und sein Kompagnon, ein Großbank-Mitarbeiter, fest.

Mehr Eigenkapital ist nicht die Lösung

Mit der Sozialisierung von Verlusten der Banken wollte die Politik nach der Finanzkrise eigentlich Schluss machen und änderte deswegen auch einige Regeln: So müssen Banken heute etwa mit einem höheren Eigenkapitalanteil ihr Geschäft unterlegen. Keine Lösung, finden die Autoren.

"Eigenkapitalanforderungen sind bislang die Standardreaktion vieler Ökonomen und Politiker gewesen. Noch immer wollen sie das Zuckerbrot der staatlichen Bürgschaft durch die Peitsche der Kapitalanforderungen ergänzen. Doch in den letzten 40 Jahren haben die Informationstechnologien die Peitsche in eine schlappe Schnur verwandelt. Kapitalanforderungen sind im Digitalzeitalter wirkungslos geworden."

Hilfreich ist hier ein Rückblick: Unser Bankensystem war die richtige Antwort auf die Herausforderung der Industrialisierung. Schließlich musste seit dem 18. Jahrhundert eine Menge Kapital für den Bau von Fabriken, Kraftwerken oder Eisenbahnen mobilisiert werden. Die Spargelder der Kunden hätten zur Bewältigung der Aufgabe nicht ausgereicht. Ein gesellschaftlicher Segen war es, dass die Banken selbst in großem Umfang Kredite schöpfen und an Unternehmer vergeben konnten.

Das Blockchain-System sorgt für noch weniger Transparenz

Die Verhältnisse änderten sich jedoch radikal seit der Mitte des 20. Jahrhunderts mit der Digitalisierung des Bankgeschäfts. Jetzt mussten Transaktionen nicht mehr mühsam auf Papier festgehalten werden, sondern waren per Mausklick an jede x-beliebige Stelle der Erde möglich. Dies nutzen Banken auch, um einen erheblichen Teil ihrer Geschäfte in Schattenbanken auszulagern, die keiner Regulierung unterliegen. Auf diese Weise konnten sie unter anderem Eigenkapitalvorgaben umgehen. Das hat auch die Zentralbanken bei ihrer Hauptaufgabe in die Bredouille gebracht: Denn das Schattenbankenwesen untergräbt die Wirksamkeit konventioneller Geldpolitik. Innovationen wie die Blockchain-Technologie würden das Bankenwesen sogar noch undurchsichtiger und instabiler machen, warnen die beiden Bankfachleute.

"Vielmehr braucht es eine politische Antwort: Es gilt dem Bankwesen aktiv ein Ende zu bereiten." Die Autoren wollen damit keinesfalls alle heutigen Tätigkeiten von Banken abschaffen. Auch künftig soll es Institute geben, die etwa als Treuhänder Gelder auf Konten verwalten, Investmentfonds verkaufen oder sonstige Dienstleistungen anbieten. Abschaffen wollen sie allein die Möglichkeit von Banken, bei der Kreditvergabe selbst Buchgeld zu schaffen.

Gleiches forderten etwa Ökonomen nach der großen Weltwirtschaftskrise in den 1930er Jahren, sie fanden bei der US-Regierung jedoch weniger Gehör als die Lobby der Finanzindustrie. Seit dem jüngsten Finanzcrash von 2007 haben solche Ideen wieder Konjunktur und werden etwa von der Vollgeldbewegung propagiert. Letztere hat einen Reformvorschlag vorgelegt, über den die Schweizer Bevölkerung in diesem Jahr abstimmen wird.

Geld sollte nur der Staat schaffen

Das Autorenduo hat jedoch etwas anderes im Kopf: Sie wollen das Gesellschaftsrecht so ändern, dass die Kreditschöpfungsmöglichkeit für jedes Unternehmen de facto entfällt. Dafür schlagen sie eine allgemeine Solvenzregel vor: "Der Wert der realen Vermögenswerte eines Unternehmens muss mindestens dem Wert seiner Verbindlichkeiten in seiner Worst-Case-Finanzlage entsprechen."

Geld soll künftig nur noch der Staat schaffen. In den Umlauf soll es gelangen, indem es an die Bevölkerung als bedingungsloses Grundeinkommen verteilt würde. Allerdings würde die Höhe des Grundeinkommens schwanken, weil die Geldschöpfung abhängig von der wirtschaftlichen Entwicklung wäre. Das Kreditgeschäft würde weiter privatwirtschaftlich organisiert, dank neuer digitaler Technologien sogar äußerst effizient. Jetzt könnten sich etwa Kreditplattformen am Markt durchsetzen.

Die Autoren erläutern die Funktions- und Wirkungsweise des heutigen und künftigen Kreditgeschäfts vor allem anhand von Bilanzen. Ihr Buch stellt einige Anforderungen an den Leser. Die harte Kost mag nicht jedem schmecken, aber sie lohnt sich. Wer sich auf das Buch einlässt, versteht das moderne Bankgeschäft und seine gesellschaftlichen Folgen und realisiert: Ein Weiter-So wäre nicht im Sinne der großen Mehrheit der Bürger. Dahingestellt sei, ob der Vorschlag am Ende die dargestellten Probleme wirklich löst. Aber es ist Zeit, dass wir uns als Gesellschaft ernsthaft Gedanken über das Bankgeschäft machen, denn der nächste Crash ist nur eine Frage der Zeit.

Jonathan McMillan: "Das Ende der Banken. Warum wir sie nicht brauchen"
übersetzt von Jan W. Haas, Campus Verlag, 271 Seiten, 26,- Euro

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