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StartseiteBüchermarktIn den Fängen der Menschenhändler24.06.2019

Jorge Zepeda Patterson: "Milena"In den Fängen der Menschenhändler

Mit 16 wollte die Kroatin Alka Mortiz nach Berlin, um als Kellnerin zu arbeiten. Jahre später wird sie Milena gerufen und zwangsprostituiert sich zuerst für die spanische, später die mexikanische Elite. In seinem Thriller schaut Jorge Zepeda Patterson in die Abgründe des globalen Menschenhandels.

Von Samuel Hamen

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Zu sehen ist der Autor Jorge Zepeda Patterson und das Cover seines Romans "Milena oder der schönste Oberschenkelknochen der Welt". (Autorenfoto: Blanca Charolet/ Cover: Elster Verlag)
Jorge Zepeda Patterson: „Milena oder der schönste Oberschenkelknochen der Welt“ (Autorenfoto: Blanca Charolet/ Cover: Elster Verlag)

Jubel wäre unter den "Drei Fragezeichen" ausgebrochen, hätten sie sich in Jorge Zepeda Pattersons Szenario wiedergefunden. Der Fall, den der mexikanische Schriftsteller in seinem Roman "Milena" ausbreitet, nimmt sich mehr denn dramatisch aus: Es gibt mysteriöse Notizhefte, nächtliche Spähaktionen und zwielichtige Machenschaften, die der Aufdeckung harren. Auf dem Begräbnis von Rosendo Franco, dem Inhaber der einflussreichen mexikanischen Zeitung "El Mundo", nimmt seine Tochter Claudia zu Beginn des Buches einen der Redakteure beiseite. Sie möchte ihn wegen eines heiklen Fundes ins Vertrauen ziehen:

"Heute Morgen hat mir Cristóbal Murillo einen verschlossenen Umschlag von meinem Vater überreicht. Offenbar hatte er die Anweisung, ihn mir im Falle seines plötzlichen Ablebens auszuhändigen. Der Inhalt des Umschlags führte mich zu einem Tresor im Gewölbe einer Bank, darin lagen ein Paket mit Geld und zwei Briefe. In dem einen schreibt er von einer gewissen Milena und bittet mich, ihr zu helfen und sie zu beschützen; den anderen scheint er in großer Eile niedergeschrieben zu haben, um mich vor einer ernsten Gefahr zu warnen."

Verliebt in eine Edel-Prostituierte

Claudia wendet sich mit ihrem Hilfegesuch an Tomás, der Mitglied der sogenannten Blauen ist. Der detektivischen Truppe gehören neben ihm noch Amelia, der junge Star der politischen Linken, und Jaime an, der einer erfolgreichen privaten Sicherheitsfirma vorsteht. Auf den folgenden 530 Seiten werden sie die Geschichte einer Zwangsprostituierten namens Milena aufdecken.

Mithilfe ihrer Verbindungen in die journalistischen, politischen und sicherheitsbehördlichen Sphären machen sie die gebürtige Kroatin ausfindig, retten sie vor ihren Verfolgern und kommen den Hintergründen ihres Aufenthalts in Mexiko auf die Spur. Claudias Vater, der mächtige Publizist Rosendo Franco, hatte sich in die Edel-Prostituierte verliebt und sie unter seinen Schutz gestellt. Gleich in der Eröffnungsszene des Buches stirbt der greise Retter dramaturgisch punktgenau während des Beischlafs mit Milena, die daraufhin um ihr Leben fürchtet.

Nicht nur bei diesen beiden Figuren greift eine Logik des Amourösen, die zuverlässig Spannung und Sentiment herstellt: Jaime liebt seit Schulzeiten Amelia, die aber zurzeit mit Tomás zusammen ist, der nach Francos Ableben der neue Chefredakteur von "El Mundo" wird. Über diesen Erzählstrang gewährt uns Patterson, der als Kolumnist für spanischsprachige Zeitungen arbeitet, auch Einblicke in den kriselnden Print-Journalismus, der sich zwischen dem Schielen auf Klickzahlen und seinem Ethos als öffentlichem Korrektiv aufreibt.

Tagelang im Hotel-Versteck

Tomás hat indes ein Auge auf Claudia geworfen, die bei Meetings gefälligerweise immer mal wieder ihre Hüfte an seinem Schritt reibt. Milena bandelt später mit dem jungen Luis an, während beide tagelang in einem Hotel-Versteck ausharren und sich arg viel langweilen. Dabei hat sich Luis doch mit Rina zusammengetan, der neuen forschen Assistentin von Amelia. Sie mimen das strunzverliebte Pärchen – zum Leidwesen von Vidal, der nicht weniger als unsterblich in Rina verliebt ist. Abseits von derlei Liebelei und Eifersüchtelei weiß Patterson seine Figuren aber leider nur selten miteinander zu verknüpfen. Es wirkt, als sei die Holterdiepolter-Romanze für ihn die einzige Methode, eine emotionale Dynamik für sein Personal zu generieren.

Besonders stark ist "Milena" hingegen dann, wenn sein Autor falsch verstandene Genre-Erwartungen hinter sich lässt und in die Abgründe des Menschenhandels blickt, dessen Opfer Milena geworden ist:

"Es war eine Art Garderobenschrank, und als sie sich fragend umblickte, stieß der Mann, der sie an den Haaren hielt, Alka mit einer solchen Wucht hinein, dass sie gegen die rückseitige Wand prallte. Dann schloss sich die Tür und sie war von Dunkelheit umgeben. Zwei Tage später warfen sie ihre eine Wasserflasche in den Schrank. Sie ließen sie erst heraus, als sie den hölzernen Haken fast vollständig abgenagt hatte; das war am vierten Tag."

In Rückblenden wird Milenas Vorgeschichte geschildert. Das elterliche Kaff verlässt das Mädchen mit sechzehn Jahren. Ihr rührend naives Ziel besteht darin, in Berlin als Kellnerin zu arbeiten. Aber der Traum von einem besseren Leben endet in einem Kabuff in der kroatischen Pampa, der vermeintliche Kumpel entpuppt sich als Handlanger von Schleppern. Vor Ort erwarten sie Prügel, Tortur und Vergewaltigung. Geschunden und gedemütigt wird sie über Routen der russischen Mafia zuerst nach Madrid gebracht. Später muss sie in Bordellen im spanischen Marbella arbeiten, bevor sie wegen undurchsichtiger Machtspiele nach Mexiko gebracht wird.

Ein florierendes globales Geschäft

Jorge Zepeda Patterson hat, das wird im Laufe der detailreichen Lektüre deutlich, viel Zeit darauf verwendet, die Netzwerke und Arbeitsweisen der Menschenhändler und Prostitutionsringe zu recherchieren. Bei ihm sind mexikanische Politiker ebenso in die Ränkespiele involviert wie zwielichtige Finanzanwälte an der spanischen Küste, die die Erträge der Clans reinwaschen. Im kurzen Nachwort schreibt Patterson:

"Was die Beschreibung der unerbittlichen sexuellen Versklavung von Frauen betrifft, so entbehrt diese jeglicher literarischen Freiheiten. Das Phänomen hat sich in den letzten Jahren aufgrund der Globalisierung der Menschenhändlerringe verschärft."

Tatsächlich wird schnell klar, dass dieser Roman mehr sein möchte als ein brutaler Thriller, der mit absatzförderndem Eifer Gewaltszene an Gewaltszene reiht. "Milena" will Einblicke gewähren in die Elendsbiographien der Frauen, die für ihre Freier und Zuhälter wenig mehr als Sexsklavinnen und Geldanlagen sind. Über die Prostituierten, die Milena in all den Jahren kennenlernt, schreibt der Erzähler:

"Die Frauen sind extrem verängstigt, viele von ihnen hat man in die Sucht gezwungen. Man droht ihnen damit, ihrer Familie etwas anzutun, wenn sie nicht gehorchen. Die Schikanen und Misshandlungen, denen sie vom ersten Tag an ausgesetzt sind, machen sie widerstandslos. Eine hübsche Prostituierte, wie es Milena zu sein scheint, kann ihren Zuhältern dreihunderttausend Dollar im Jahr einbringen, vielleicht mehr."

Ich kann Nutten nicht leiden

In Mexiko laufen schließlich alle Stränge zusammen. Die Zuhälter suchen Milena, die Blauen kommen ihr in wechselnden Konstellationen zur Hilfe, unterstützt werden sie dabei von Jaimes Sicherheitsfirma, die über schier unbegrenzte technologische Ressourcen verfügt. Die Handlanger der Menschenhändler haben es dabei vor allem auf Milenas Notizheft abgesehen, in dem sie über Jahre hinweg das Daher-Gerede ihrer hochrangigen Freier transkribiert hat. Alle versuchen sie, die Zwangsprostitution als gut, notwendig oder unvermeidbar zu legitimieren. Die Veröffentlichung wäre eine Katastrophe für die mit Klarnamen versehenen Männer dies- und jenseits des Atlantiks:

"Mit einer Prostituierten ist das anders: kein Stress, keine Missverständnisse, keine Abendessen oder sonstigen unnötigen Ausgaben. Man verhandelt den Preis und den Service und damit basta. Zufriedenheit garantiert. Ich kann Nutten nicht leiden, aber die anderen, glaube ich, noch weniger. F. D., ehemaliger Sportdirektor der mexikanischen Nationalmannschaft."

Auszüge wie dieser unterbrechen die Handlung regelmäßig. Sie machen deutlich, dass die globale Zwangsprostitution nicht nur aufgrund mafiöser Strukturen floriert, die von einer Handvoll sehr böser Bösewichte ausgetüftelt wurden. Ohne die selbstverständliche Frauenverachtung, die Milena als Archivarin übelster Misogynie festhält, wäre diese Industrie nicht denkbar und handlungsfähig. Patterson arbeitet gekonnt heraus, dass die sexistische Mentalität eben nicht auf einige fiese Kerle begrenzt ist, sondern alle gesellschaftlichen Kreise durchzieht.

Dabei fällt auf, dass der Roman kaum über sprachkritisches Bewusstsein bezüglich der eigenen wenig subtilen Frauenportraits verfügt. Amelia wird mit einer "Lockenmähne" und "langen dichten Wimpern" ausgestattet, später wird ihre "beeindruckende Intuition" gelobt. Claudia wiederum kriegt eine "kaum zu bändigende rote Mähne" verpasst. Sie röche, meint der Erzähler später, nach "feuchter, schwarzer, frisch umgepflügter Erde", nach "wildem, vollem Leben". Milena, die anfänglich mit einem "scheuen Reh" verglichen wird, mausert sich zur bildhübschen und brandgefährlichen femme fatale. Es sind dies allesamt steife Codes, kulturell angefertigte Schablonen, um klischierten Frauenfiguren vermeintliches Leben einzuhauchen. Gewiss, der Text lebt nicht von diesen Stereotypen und bliebe auch ohne sie operationsfähig. Dennoch zeugt Pattersons beizeiten triviale Charakterisierung von einer sprachlichen Grobheit, die den feministischen Drall seines Romans ungewollt zurückdrängt.

Eine politische Lektüre

Insgesamt ist "Milena oder der schönste Oberschenkelknochen der Welt" ein Buch der unterschiedlichen Geschwindigkeiten. Einerseits gesteht sich sein Autor viel Raum zu, um die Hintergründe des Menschenhandels erzählerisch zu vermitteln. Auch widmet er sich immer wieder den Vorgeschichten und Gefühlshaushalten seiner zahlreichen Figuren. Recht schnell wird klar, dass der Roman als Teil einer Reihe über die Blauen angelegt ist, öfters wird auf vergangene Episoden Bezug genommen, zugleich werden spätere Entwicklungslinien vorbereitet und Erzählpotentiale angelegt. Andererseits wartet Patterson ein paar Seiten später mit verwüsteten Wohnungen, Schießereien vor Motels und zahlreichen Szenenwechseln auf.

Diese Modi kann "Milena" nicht immer überzeugend aufeinander abstimmen. Bis zuletzt wird man den Eindruck nicht los, dass die journalistische Aufbereitung des Themas der schriftstellerischen Handhabung desselben den Rang abläuft. Pattersons Buch ist politisch, es ist informativ, aufrüttelnd und gewährt erschreckende Einblicke in das Netzwerk des Frauenhandels, an dem die Politkaste ebenso mitverdient wie die mafiösen Clans. Noch überzeugender wäre der Roman Patterson indes geraten, wenn er ein wenig mehr auf dessen strukturelle und sprachliche Plattitüden geachtet hätte.

Jorge Zepeda Patterson: "Milena oder der schönste Oberschenkelknochen der Welt", Elster Verlagsbuchhandlung, Zürich 2019, 528 Seiten, 24 Euro

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