Freitag, 30.10.2020
 
Seit 20:05 Uhr Das Feature
Startseite@mediasres"Die größte Herausforderung ist, zu überleben"25.05.2020

Journalisten in Honduras"Die größte Herausforderung ist, zu überleben"

Honduras zählt zu den gefährlichsten Ländern weltweit – insbesondere für Journalisten. Nun verschärft sich die Situation zusätzlich durch die Corona-Krise. Denn die Regierung setzte mit der Ausgangssperre auch die Pressefreiheit außer Kraft.

Von Christina Weise

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Soldaten mit Maschinengewehr und Mundschutz kontrollieren Passanten in Tegucigalpa, Honduras. (imago/ Gustavo Amador)
Das Militär überwacht die strikten Ausgangsbeschränkungen in Honduras (imago/ Gustavo Amador)
Mehr zum Thema

Musikerinnen gegen Machismo in Mittelamerika Nicht mit uns!

Von Guatemala in die USA Gestrandet im "sicheren Drittstaat"

Krise in Honduras Die zweifelhafte Rolle der USA

"Guten Tag! Wir befinden uns hier vor der Gemeindeverwaltung von Progreso im Department Yoro, wo die Taxifahrer für Lebensmittel protestieren."

"Seit 55 Tagen arbeiten wir nicht. Wir können nicht mehr. Wir haben kein Essen mehr im Haus. Wir sollen zu Hause bleiben, aber ohne Essen geht das nicht."

Am 15. März wurde in Honduras eine totale Ausgangssperre verhängt. Nur einen Tag in der Woche dürfen die Menschen das Haus verlassen, um einkaufen zu gehen. Die Endziffer im Pass zeigt an, wer an welchem Tag dran ist. 70 Prozent der Bevölkerung arbeitet allerdings im informellen Sektor und lebt von dem, was sie am Tag verdienen. Zurzeit ist das nichts. Deswegen kommt es trotz strenger Ausgangssperre immer wieder zu Protesten.

"Die Berichterstattung von Protesten gehört seit den Wahlen 2017 zu den gefährlichsten Einsätzen für uns Journalisten. Polizei und Militär gehen gegen die Proteste mit übertrieben starker Gewalt vor: Schläge, Tränengas, Schüsse. Wir Journalisten werden zum Ziel, weil wir das in Video, Foto und Radioübertragung festhalten."

Verfolgt, bedroht und angegriffen

Gerardo Chévez ist seit 18 Jahren Reporter beim unabhängigen Radiosender Radio Progreso, einem der letzten unabhängigen Medien des Landes. Der Sender wird von Jesuiten geführt und in Deutschland von dem Lateinamerika-Hilfswerk Adveniat unterstützt, das auch diese Recherchereise nach Honduras finanzierte. Er wird fast im ganzen Land empfangen und berichtet über sozialkritische und politische Themen – und ist daher der konservativen Regierung ein Dorn im Auge, die seit dem Militärputsch 2009 an der Macht ist. Mitarbeiter werden verfolgt, bedroht, angegriffen.

"Eine der größten Herausforderungen für mich besteht darin, die Grundsätze der Meinungs- und Pressefreiheit aufrechtzuerhalten. Unabhängigen Journalismus und Menschenrechtsjournalismus weiter zu betreiben und auf sich selbst zu achten."

Mit dem Eintritt der Ausgangssperre setzte die Regierung am 16. März auch den Verfassungsartikel zur Pressefreiheit außer Kraft. Für die Journalisten machte es allerdings keinen großen Unterschied, da die Pressefreiheit sowieso unterdrückt ist. Zwei Wochen später musste die Regierung die formelle Aussetzung der Pressefreiheit jedoch aufgrund massiven internationalen Drucks wieder aufheben.

Beschränkung der Pressefreiheit

"Die Regierung versucht immer wieder, die Pressefreiheit in Honduras einzuschränken. Was uns aktuell am meisten beunruhigt ist das neue Strafgesetzbuch, das jetzt in Kraft getreten ist. Darin gibt es Bestimmungen, die die Meinungs- und Pressefreiheit beschneiden. Beleidigungen und Informationen werden mit Gefängnisstrafen geahndet. Wenn also zum Beispiel in den sozialen Netzwerken eine Information kursiert, kann diese einfach durch jemanden als Verleumdung ausgelegt werden."

Die Interamerikanische Menschenrechtskommission erklärte bereits, dass diese Maßnahmen gegen die Menschenrechtskonvention verstießen, da sie kritische Debatten zum Schweigen brächten. Reduziert wurden hingegen Strafen für Korruption und Gewalt gegen Frauen – in einem der korruptesten Länder weltweit und einem Land, in dem in diesem Jahr bereits mehr als 70 Frauen ermordet wurden. Für die 33-jährige Reporterin Lesly Banegas bedeutet das, noch mehr Vorsicht walten zu lassen als sowieso schon.

"Als Frau bekomme ich bei allen Protesten verbale und physische Gewalt zu spüren. Auch von der Polizei. Ich habe gerade eine Klage gegen einen Polizeichef laufen. Ein friedlicher Protest kann ganz schnell gewaltsam werden, wenn Polizei oder Militär sich einschalten. Zwei Mal wurde schon auf mich geschossen."

"Es gibt keinen Schutz"

Seit 2009 wurden mehr als 30 Journalisten in Honduras getötet, so Reporter ohne Grenzen. Fast alle Taten bleiben straflos, die Aufklärungsrate liege bei acht Prozent. 2017 gab es wieder eine Art Putsch in dem Land, als Präsident Juan Orlando Hernández sich unter Betrugsvorwürfen erneut ins Amt wählen ließ. Seitdem hat das Studio von Radio Progreso schusssichere Scheiben, nach Schüssen auf Moderatoren. Auf der Straße bringt das Lesly nicht viel. Wie schützt sie sich?

"Das ist schwierig zu beantworten. Es gibt keinen Schutz. Aber auch wenn ich nicht so aussehe, ich kann schnell laufen. Ich versuche immer in Bewegung zu bleiben und alles direkt zu veröffentlichen. Ich versuche einfach, nicht selbst zur Nachricht zu werden. Die größte Herausforderung bei meiner Arbeit ist, zu überleben."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk