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Jubiläums-Compilation des Labels Mute58 Mal Stille

Das britische Label Mute veröffentlicht zum 40. Jubiläum eine Compilation, bei der 58 Bands und Künstler, die zum Label gehören oder gehörten, ein berühmtes Stück Neue Musik interpretieren: 4'33'' von John Cage - viereinhalb Minuten Stille. Ein Projekt, das gut zum Anspruch der Plattenfirma passt.

Bernd Lechler im Kollegengespräch mit Ina Plodroch

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Der britische Musik-Produzent und Mute-Label-Gründer Daniel Miller ganz in schwarz und dicker Hornbrille bei der Verleihung des Preises für Popkultur 2016 (picture-alliance/dpa/Britta Pedersen)
Der britische Musik-Produzent und Mute-Label-Gründer Daniel Miller - hier bei der Verleihung des Preises für Popkultur 2016 (picture-alliance/dpa/Britta Pedersen)
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Compilation-Alben mit verschiedenen Künstlern darauf? Nichts Besonderes. Etwas für Spezialisten ist dagegen die Variante, bei der alle Acts denselben Song interpretieren, das gibt es von Evergreens wie "Sunny" oder "Fever". Das britische Label Mute Re­cords, das schon seit letztem Jahr seinen 40. Geburts­tag feiert, schenkt sich nun eine wirklich spe­ziel­le Compila­tion der letzeren Sorte: Künstler des Labels, von Depeche Mode über Goldfrapp bis Moby, interpre­tie­ren 4'33'' von John Cage - jenes legendäre Stück Neuer Musik also, das aus 4 Mi­nu­ten und 33 Sekunden Stille besteht.

Ina Plodroch Corso-Kritiker Bernd Lechler: Wie kommt das denn so, auf Albumlänge?

Bernd Lechler: Ich muss zugeben, ich habe mir die Compilation nicht am Stück ganz durchgehört: Bei 58 Inter­pre­ten dauert das ja viereinhalb Stunden, also das ist ein richtiges Boxset mit fünf CDs oder LPs. Aber die Komposition von John Cage besticht am Ende ja auch weniger durchs Hörerlebnis als durch die Idee. Die war ja 1952 bei der Uraufführung in Woodstock bei New York ein Skandal, weil die Zuhörer nicht ahnten, was kommt, also dass da ein Pianist den Klavier­deckel öffnet - und dann halt sitzenbleibt und nur zwischendurch noch zweimal zu- und wieder auf­klappt; weil das Stück sich in drei Sätze glie­dert, deren Länge er erwürfelt hatte.

Und dann fragt man sich: "Kann das Musik sein, wenn man nichts hört? Und wenn: ist sie gut? Weil sitzen kann ja jeder!" Aber das Tolle an 4'33'' ist eben, dass es lauter solche Fragen aufwirft: Ist die Performance die Stil­le, die Nicht-Musik? Oder geht's um das Atmen und Rascheln des Publikums und den Wind draußen und was man sonst eben nicht hört, wenn Musik gemacht wird? Ist die Stille wäh­rend der Auf­führung die gleiche wie vorher und nach­her? Oder: Worauf genau hat der Kom­ponist jetzt ein Urheber­recht? Alles sowas.

Geräusch-Collagen vom Flughafen bis zum Kabelbrummen

Plodroch Und auf der Mute-Compilation, die jetzt am Freitag er­scheint, hört man aber nicht 58 Mal Stille. Ich habe mir mal so ein paar Stücke angehört - vieles rauscht so ein bisschen, ein paar Field Recording waren dabei ...

Lechler: Ja, so geht das die ganze Zeit durch. Es gibt Geräusch-Collagen, bei The Normal zum Beispiel, dem Projekt von Labelgründer Da­ni­el Miller, das 1978 die erste Single des Labels lieferte und dann nichts mehr, bis eben jetzt. Bei anderen Interpreten klingt es, als hätten sie ein­fach beim Ein­kaufen oder am Flug­ha­­fen oder beim Spaziergang am Fluß oder in der Stadt ihr Handy auf Aufnahme gestellt: bei Gold­frapp oder auch De­­­peche Mode - die haben also gar nicht auf "Enjoy The Silence" vertraut. Bei New Order regnet’s auch, bei anderen hört man, genau, Kabelbrummen oder Rauschen - ganz still ist es eigentlich nie. So wie auch John Cage einst in einem schalltoten Raum sein Blut leise rau­schen hörte, hat er hinterher gesagt, das war eine der Inspirationen für das Stück.

"Da wird der Popbegriff schon gehörig erweitert"

Plodroch Wie gut passt das Ganze aber eigentlich zum Label Mute? Das ist ja kein Label für Neue Musik - also das Genre mit großem N, dieser experimentellen Musik aus der klassisch-akademischen Tradition. Schmückt sich da eine Popfirma so ein bisschen zum andauernden Jubiläum?

Lechler: Das könnte man schon so sehen, dass das eine sehr große Geste ist, aber man kann auch sagen, sie ist irgendwie verdient für dieses Pop-Label. Denn - abgesehen davon, dass es so schön zum Namen des Labels passt, Mute heißt ja "stumm", - hat Da­niel Miller, der die Firma 1978 gegründet hat, um seinen ei­ge­nen Song rauszubringen, eben diese Single "Warm Lea­therette" von The Nor­mal, eine Art Punk mit anderen Mitteln, weil er die da­mals neuen Synthesizer aufre­gen­der fand als olle Gitarren - dieser Daniel Miller ist zwar vor 40 Jahren mehr so rein­ge­stol­pert ins Bu­siness: Da lief die Single unerwar­tet gut, der große John Peel spielte sie im Radio und plötz­lich war da ein Geschäfts­modell.

Trotzdem hatte Miller schon erstens einen wirk­lich guten Riecher - der nahm Depeche Mode unter Vertrag, als sie ihre Keyboards im Konzert noch auf Bier­­ki­sten stehen hat­ten -, und er ist seinem Geschmack und vielleicht sei­nem Stilwil­len schon auch gegen kommerzielle Erwägungen immer ge­folgt, was schon Mut kostet. Und brachte am Anfang so ganz un­terschiedliche Großtalente raus wie eben Depeche Mode oder DAF oder Nick Cave, später kamen Goldfrapp oder Moby - und das sind ja nur die populären Namen. Es gibt auch eine Band wie Swans, Michael Gira, ihren Sänger haben wir vorhin gehört, das ist einfach Avantgarde und die enttäuschen seit den 80ern nie, auch nicht auf dem neuen Album, das kommt jetzt auch am Freitag auf Mute raus. Oder Laibach aus Slowenien, die sind ja fast eine Art Kon­zept­kunst-Projekt. Da wird der Popbegriff schon gehörig erweitert.

Plodroch Aber sehr viele der beteiligten Künstler und Künstlerinnen, die sind ja aber ältere Acts, die ihre aufregendsten Zeiten eigentlich schon hinter sich haben, oder?

Lechler: Ich glaube, es sagt trotzdem etwas aus, es sagt trotzdem etwas aus, dass viele von diesen Acts viele Jahre bei Mute ge­blieben sind und umgekehrt Daniel Miller seinen Künstlern ge­genüber wohl immer sehr loyal war. Und es gibt ja auch aktuelle, viel gepriesene Namen auf Mute, Cold Specks etwa. Auch sehr eigenwillig.

Es gab eine Durststrecke in den 90ern, Daniel Miller hat die Firma dann an EMI ver­kauft, später landete sie bei BMG Right; 2010 gründete er Mute Artists als Lizenzunternehmen. Aber das Profil von Mute ist immer verlässlich anspruchsvoll geblieben. Und wenn man als Journalist mit einer Neuerscheinung von denen bemustert wird - das geht sicher nicht nur mir so - dann hört man sich das auch an. Man denkt: Es kommt von Mute, dann kann’s nicht schlecht sein. Von daher: Dass die ihren 40. und sich selber mit Büchern und Compilations schon seit 2018, dem Stichjahr, recht ausgedehnt feiern, sei's ihnen verziehen. 

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