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StartseiteTag für TagHeimat für queere Juden28.03.2019

JudentumHeimat für queere Juden

Nach orthodoxer Auffassung gilt Homosexualität als verwerflich und "widernatürlich", aber auch in nicht-orthodoxen Gemeinden haben es lesbische und schwule Menschen schwer. Der Konformitätsdruck sei hoch, sagen sie. Der Verein Keshet will das ändern.

Von Carsten Dippel

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Jüdischer Teilnehmer auf dem CSD-Berlin mit regenbogenfarbener Kippa und Fahne (imago stock&people)
Im November letzten Jahres startete das Projekt Keshet, um queerem Judentum in Deutschland eine Plattform zu bieten (imago stock&people)
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David hat erst spät erfahren, dass er jüdisch ist. Er hat einen Weg in die Ultra-Orthodoxie beschritten, viele Jahre in einer Berliner Yeshiva studiert. Er war verheiratet und ist Vater eines Kindes. Doch irgendwann kam alles ins Rutschen. David bekannte sich zu seiner Homosexualität. Und es begann einer langer, schwieriger Weg für ihn und seine Familie. Heute lebt David mit einem Mann zusammen. Die orthodoxe Welt ist für ihn seither verschlossen.

"Wenn ich in einer schwulen Beziehung lebe, verheiratet bin mit einem Mann, kann ich in keine dieser Synagogen gehen, weil das für Gesprächsstoff sorgt. Selbst wenn man versucht, zur Ruhe zu kommen, ins Gebet zu finden, diesen wirklich wunderschönen Ritus zu genießen, hast du keine Chance, weil du merkst, dass du Blicke auf dich ziehst, weil es Reaktionen gibt. Reaktionen, die ein Mensch, der heterosexuell ist, aber nichts davon einhält, nicht bekommen wird."

Zeitgemäße Interpretation?

David heißt eigentlich anders. Doch seine Stimme und seinen Namen möchte er aus Rücksicht auf seine Familie nicht im Rundfunk preisgeben. Im Kern geht es bei der religiösen Ablehnung von Homosexualität um drei Argumente: Das Gebot, Kinder in die Welt zu setzen, werde missachtet. Deshalb dürfe der männliche Samen nicht vergossen oder Analverkehr ausgeübt werden. In biblischen Quellen wird Homosexualität als etwas Widernatürliches dargestellt. Doch halten diese Argumente einer zeitgemäßen Interpretation stand? Die Tradition wurde und wird im Judentum schließlich immer auch diskutiert und hinterfragt. David stört sich vor allem an der Ungleichbehandlung.

David sagt: "Wenn ein heterosexuelles Paar miteinander schläft, heißt das nicht, dass der Mann nur in seiner Frau ejakulieren darf. Sondern das Liebesspiel ist genauso erlaubt, ja sogar geboten. Wo ist dann der Unterschied? Geht es nur um die Möglichkeit, Kinder zu bekommen? Es gibt Möglichkeiten, das zu lösen. Geht es um den Analverkehr? Nicht jedes schwule Paar hat Analverkehr. Aber warum geht der Gemeinderabbiner dann davon aus, dass es bei einem schwulen Pärchen auf jeden Fall so ist?"

Der normative Lebensentwurf

Ein Jude der einen Mann liebt, eine Jüdin, die eine Frau liebt – nach den halachischen Normen des Judentums ist es nicht erlaubt, Homosexualität auszuleben. Zumindest nicht nach orthodoxer Auffassung. Wie sieht die Praxis in den Gemeinden aus?

"In den Synagogen stellt man fest, dass Rabbiner, wenn nicht ausdrücklich, dann aber implizit queere Lebensmodelle für nicht gut heißen und teilweise ausdrücklich diskriminieren, weil sie immer wieder betonen, dass der heteronormative Lebensentwurf der einzig richtige ist."

Leo Shapiro ist stellvertretender Vorsitzender des Vereins Keshet. Er weiß um die Schwierigkeiten queerer Juden. Wer von der sexuellen Norm abweicht, muss mit offener oder subtiler Ablehnung rechnen. Viele hätten sich von den jüdischen Gemeinden abgewandt.

"Als ich mich geoutet habe, habe ich festgestellt: Ich kenne keine queeren Juden. Obwohl ich sehr stark vernetzt war in der Gemeinde. Ich habe dann später auf anderen Wegen queere Juden kennengelernt, die allesamt die gleiche Geschichte berichtet haben, sich in den Gemeinden nicht repräsentiert gefühlt haben und deswegen die Gemeinde verlassen haben."

Sichtbarkeit und Verständnis durch Bildung

Keshet will das ändern. Es gehe um Sichtbarkeit, darum, überhaupt ein Verständnis für queeres Leben in den Gemeinden zu schaffen. So wolle man gezielt in der Zusammenarbeit mit jüdischen Institutionen vor allem durch Bildungsangebote auf eine Veränderung hinwirken. Denn bislang suche man Informationen oder Beratungsangebote vergebens. Queeres Judentum finde einfach nicht statt.

Ist das Thema tatsächlich ein Tabu, wie Keshet sagt? Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, lässt diesen Vorwurf nicht gelten:

"Ich glaube, man sollte sich doch einfach auch mal selbstkritisch fragen: Bin ich wirklich abgelehnt worden oder habe ich vielleicht eine Ablehnung verspürt, die gar keine Ablehnung war? Dass es Gemeinden geben kann, wo eine Ablehnung erfolgt ist, das kann ich nicht ausschließen. Wo Menschen sind, menschelt's. Aber ich glaube, sie sollten den Weg zurück versuchen. Ich sehe eigentlich insoweit keine Diskriminierung, dass queere Juden in allen Gemeinden entsprechende Rechte und Pflichte haben."

Akzeptanz in USA und Israel

In den USA oder Großbritannien wird das Thema Homosexualität seit einigen Jahren auch in der Orthodoxie offener diskutiert. Naomi Henkel-Gümbel ist Rabbinatsstudentin am Zacharias Frankel College, einer Ausbildungsstätte für die konservative Strömung im Judentum. Lange Zeit hat sie sich nicht outen können. Erst, als sie nach Israel zog, konnte sie offener damit umgehen. Und in einem Kreis orthodoxer Freunde von ihrer Beziehung mit einer Frau erzählen.

"Die haben das sehr gut aufgenommen. Ich war doch überrascht, wie warm und herzlich die mir entgegnet sind und die das sehr bedauert haben, dass ich mich nicht früher geoutet habe. Die hätten mir gerne mehr geholfen in dem Prozess."

In Deutschland bestimmen starke religiöse Vorbehalte hingegen weiterhin den Ton. Von orthodoxen Rabbinern wird auch heute offen gesagt: Wer homosexuell ist, muss mit dieser Bürde leben und versuchen, seine sexuelle Orientierung zu unterdrücken.

Ablehnung in Deutschland

"Die Orthodoxie in Deutschland ist am rechten Rand und weitaus rechter als das, was ich aus Israel kenne oder auch den USA. Von daher wäre ich leider leider überrascht, wenn ich die gleiche positive Haltung sehen würde bei orthodoxen Studenten. Gerade für mich als Rabbinatsstudentin am Frankel College ist es schwierig, weil man auf Leute trifft, die Sachen vielleicht aus der Tradition befolgen, aber nicht wirklich sich mit den Texten auseinandersetzen. Und für mich ist der Aspekt des Hinterfragens und des Neuverstehens sehr wichtig."

Die starken Vorbehalte sind jedoch nicht nur religiöser Kultur. Ein Großteil der heutigen Gemeindemitglieder kommt aus der ehemaligen Sowjetunion. Sie bilden eine Gemeinschaft mit starker jüdischer Identität, nur seien die wenigstens orthodox oder hielten sich streng an die Halacha.

"Gleichwohl herrscht ein extremer Konformitätsdruck in der Gemeinde, weil ganz allgemein erwartet wird, dass man gegengeschlechtlich heiratet und früh eine Familie gründet, und da der Lebensentwurf von Queersein einfach nicht existiert."

Für viele aus der Sowjetunion stammenden Elterngeneration sei das Thema Homosexualität daher negativ besetzt ist, so Leo Shapiro. Die ersten Reaktionen auf die Keshet-Gründung seien wiederum überwältigend gewesen. Viele junge, queere Juden hätten sehnsüchtig auf eine solche Interessenvertretung gewartet. Gerade jene, die in den Gemeinden ihr Zuhause sehen. Naomi Henkel-Gümbel:

"Mein Versuch ist, Leuten zu helfen, ein Leben in Würde zu leben. Ich glaube, wir können nichts besseres machen, außer zu sehen, ein Leben in Einklang zu leben mit den Werten der Torah und der jüdischen Religion und eben auch seiner sexuellen Identität."

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