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StartseiteEuropa heuteErinnerung an das Pogrom von Iasi01.07.2019

Judenvernichtung in RumänienErinnerung an das Pogrom von Iasi

Mehr als 13.000 Juden starben bei dem Pogrom von Iasi 1941. Die berüchtigten Todeszüge waren der Auftakt der staatlich organisierten Judenvernichtung in Rumänien. Nur noch wenige Überlebende können von diesem Verbrechen erzählen. Iancu Ţucărman ist einer von ihnen.

Von Leila Knüppel

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Eine ältere Frau steht vor einer übergroßen Schwarz-Weiß-Aufnahme in einer Holocaust-Ausstellung in Bukarest. Das Foto zeigt von rumänischen Sicherheitskräften umstellte Juden in Iasi im Jahr 1941. (picture alliance/AP Photo/Vadim Ghirda)
Mit dem Pogrom von Iasi begann 1941 die staatlich organisierte Judenvernichtung in Rumänien (picture alliance/AP Photo/Vadim Ghirda)
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Mit einer Sonnenbrille auf der Nase sitzt Iancu Ţucărman in der ersten Reihe des jüdischen Gemeindesaals in Bukarest. Vorne werden Kerzen angezündet, zum Gedenken an die sechs Millionen Juden, die während des Holocausts ermordet wurden. Vermutlich trägt Ţucărman die Sonnenbrille wegen eines Augenleidens. Er ist 97 Jahre alt. Da kann man das eine oder andere Zipperlein haben. 

Dieser Beitrag gehört zur fünfteiligen Reportagereihe Schwierige Aufarbeitung - Die Ermordung der rumänischen Juden.

Nun sieht es aber so aus, als könne er das Licht der Kerzen nicht ertragen, die Strahlen dieser schüchtern zuckenden Flämmchen, die hier – am israelischen Holocaust-Gedenktag – an all das Leiden erinnern. Mehr als 250.000 rumänische Juden wurden zwischen 1940 und 1944 ermordet. 

Porträtbild des Holocaust-Überlebenden Iancu Ţucărman (Deutschlandradio/Leila Knüppel)Überlebte den Todeszug von Iasi: Iancu Ţucărman (Deutschlandradio/Leila Knüppel)

"Ein Pogrom, das war für uns unvorstellbar"

Ţucărman selbst hat das Pogrom von Iasi, die berüchtigten Todeszüge überlebt. Verbrechen, die vom rumänischen Staat lange verschwiegen und tabuisiert wurden. Hunderte Mal hat er seine Geschichte schon erzählt – Lehrern, Schülern, Journalisten. Trotzdem ist Ţucărman bereit, der Journalistin aus Deutschland alles noch einmal zu schildern. Bei sich zu Hause, in einer Bukarester Plattenbauwohnung. 

Dort kramt er einen Stapel Papier hervor, dicht an dicht mit zierlichen Buchstaben beschrieben, seine Biografie. "80 Prozent sind fertig", sagt er. 1922 wurde Tucărman im nordrumänischen Iasi geboren, als Sohn eines Eisenwarenhändlers, drei Schwestern. Die Mutter früh verstorben. So steht es in der Biografie. 

"Damals war die Hälfte der Bevölkerung in Iasi jüdisch. Juden und Nicht-Juden haben ganz normal zusammengelebt, sich gegenseitig geholfen. In Iasi gründeten sich zwar auch faschistische, antisemitische Gruppen wie die Legionärsbewegung. Von Zeit zu Zeit schmissen sie Fensterscheiben von jüdischen Läden ein, aber das war eher eine Ausnahme. Ein Pogrom in Iasi, das war für uns unvorstellbar." 

Diktator Antonescu und die faschistische Legionärsbewegung

Iancu Ţucărman blättert weiter in seiner Biografie – überschlägt ein paar Seiten: Im Sommer 1940, er ist 18 Jahre alt, endet das weitgehend friedliche Leben: Die Sowjetunion greift Rumänien an, die UdSSR besetzt aufgrund des Hitler-Stalin-Pakts die Nordbukowina, Bessarabien und das Herza-Gebiet. 

Wenige Monate später übernehmen Diktator Ion Antonescu und die faschistische Legionärsbewegung in Rumänien die Macht. Sie sind mit dem NS-Regime verbündet und beteiligen sich im Juni 1941 am deutschen Überfall auf die Sowjetunion. Geheimdienste streuen das Gerücht, Juden im nahe der Grenze gelegenen Iasi hätten der Roten Armee Zielangaben für Bombenangriffe übermittelt. 

"Am 29. Juni, um 8:30 Uhr wurden wir durch Schläge an die Haustür geweckt. Sie riefen: Juden, kommt raus. Wir mussten uns mit den Gesichtern zur Wand drehen, in Reihen aufstellen, losgehen. Wohin, wussten wir nicht. Mein Vater und mein Schwager gingen neben mir. Ich trug eine Armbanduhr an der erhobenen Hand. Ein Soldat kam zu mir, schlug mich zweimal ins Gesicht, und nahm die Uhr. Er sagte: Die wirst du nicht mehr brauchen. Da wurde uns klar, dass etwas Schreckliches passieren würde. Aber mein Vater sagte: Iancule, möge diese Uhr ein Opfer für deine Seele sein." 

Ion Antonescu und Adolf Hitler (picture alliance / dpa / Foto: Ullstein)Der rumänische Marschall Ion Antonescu (links) mit Adolf Hitler während des Zweiten Weltkrieges (picture alliance / dpa / Foto: Ullstein)

"Da waren Haufen toter Menschen"

Iasi soll "von Juden gesäubert werden" ordnete Antonescu an. Rumänische Soldaten, Polizisten, deutsche SS-Soldaten, Anhänger der faschistischen Legionärsbewegung, Zivilisten beteiligten sich an den Übergriffen: Häuser wurden geplündert, Juden erschossen und erschlagen. 

Hier, in Ţucărmans Wohnzimmer voller Bücher, Aufzeichnungen und Krimskrams fällt es schwer, sich das damalige Geschehen vorzustellen:

"Wir merkten, dass wir zur Polizeistation gebracht wurden. Am Eingang des Hofes standen Soldaten und Polizisten mit Peitschen. Wer rein ging, wurde auf den Hinterkopf geschlagen, viele starben auf der Stelle. Da waren Haufen toter Menschen. Meinem Vater, meinem Schwager und mir gelang es, den Schlägen zu entgehen. Als wir in den Hof kamen, mussten wir uns mit dem Gesicht zum Boden hinlegen."

 65 Grad im Viehwagon

Die Nachbarin von Ţucărman schaut vorbei. Sie plaudern über klassische Musik, die Ţucărman so sehr liebt – erleichtert, wenigstens für kurze Zeit in die Harmlosigkeit des Smalltalks zurückkehren zu können. Denn von den Todeszügen zu sprechen, scheint Ţucărman noch immer schwer zu fallen. Nachdem er und andere jüdische Männer und Jungen den Tag und eine Nacht im Hof der Polizeistation verbracht hatten, wurden sie zum Bahnhof gebracht. Dort wartete ein Zug mit Viehwagons. 

Gemeinsam mit 136 Personen wurde Ţucărman in einen Wagon getrieben. Ritzen und Fenster vernagelt. 

"Auf dem Boden des Wagons war eine dicke Schicht Dung und darauf eine Kalkschicht. Das führt zu einer chemischen Reaktion, die extreme Hitze erzeugt. Später fand ich heraus, dass es etwa 65 Grad heiß gewesen sein muss. Nach einer Stunde starb der erste. Als 25 von den 137 Menschen in meinem Wagon tot waren, hörte ich auf zu zählen." 

Der Zug fährt von Iasi nach Podu Iloaiei, das gerade 30 Kilometer entfernt liegt. Am Ende dauert die Fahrt des Todeszuges über acht Stunden. Ein qualvolles Sterben. 

"Von den 2.000 Menschen in meinem Zug überlebten 800. 1.200 wurden auf dem Friedhof von Podu Iloaiei begraben." 

Mehr als 13.000 Juden starben bei dem Pogrom von Iasi. Ţucărman, sein Vater und sein Schwager überlebten.

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