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Jugendliche
Mit Interrail-Ticket zum Nulltarif durch Europa

Zum 18. Geburtstag ein kostenloses Interrail-Ticket für Europa - dieser Freifahrtschein wurde vom EU-Parlament angestoßen, um Jugendliche für die europäische Idee zu begeistern. Doch die Fahrkosten seien nur eine Seite der Medaille, wenden Kritiker ein. Die Reise inklusive Essen und Unterkunft könnten sich nur junge Leute aus reicheren EU-Staaten leisten.

Von Tonia Koch | 25.11.2016
    Drei Freunde reisen mit Rucksäcken.
    Das kostenlose Interrail-Ticket für Jugendliche soll 2017 in die Testphase gehen. (imago stock & people)
    250.000 Interrail-Tickets sind im vergangen Jahr von den 30 europäischen Bahngesellschaften verkauft worden, die bei Interrail mitmachen. Der überwiegende Teil davon waren sogenannte Globalpässe. Damit können Jugendliche zwischen 18 und 26 Jahren vier Wochen lang überall in Europa herumfahren. Der Trend, sagt ein Bahnsprecher, ginge aber ganz klar in Richtung Osteuropa. Da will auch der Luxemburger Jacques hin, wenn er sein Abi geschafft hat:
    "Was ich sicher machen will ist, Länder zu besuchen, was nicht normale Ferienländer sind: Polen, Rumänien, Bulgarien, wo man nicht so viel von der Kultur kennt, um mit vielen Menschen in Kontakt zu kommen."
    Jacques ist begeistert von der Idee, die das europäische Parlament angestoßen hat:
    "Auch dass die EU das den Leuten schenken will, finde ich eine super Initiative, auch gegen Rassismus, denn dann sieht man die Kulturvielfalt innerhalb von Europa. Das einzige was ich schade finde ist, dass ich schon über 18 bin und das Ticket nicht gratis bekomme."
    Andreas ist erst vor wenigen Wochen von einer Südeuropa-Tour zurückgekommen, er pflichtet Jacques bei:
    "Ich würde mich tierisch darüber freuen, für uns ist es halt unfair, weil wir es selber bezahlt haben, aber wenn ich es bekommen würde, würde ich es auch nutzen."
    Gratis Interrail-Ticket geht 2017 in die Testphase
    Wie die Bedingungen aussehen, nach denen die Gratisfahrscheine verteilt werden sollen, steht noch nicht fest. Allerdings will die EU 2017 in einer Testphase etwa 50 Millionen Euro locker machen. Zumindest ein Teil davon soll für Interrail-Tickets eingesetzt werden. Um jedem 18-jährigen EU-Bürger einen mehrwöchigen Reisegutschien zu schenken, dafür reicht das Geld nicht, deshalb wird über eine Lotterie nachgedacht. Wenn er das große Los zieht, wird auch Tom nicht nein sagen. Der 17-jährige Franzose aber reist in aller Regel anders:
    "Meist mit dem Flieger, selbst für kurze Strecken meistens mit dem Flieger eigentlich."
    Für 19 Euro mit dem Billigflieger nach London, Rom, da kann ein Interrail-Ticket, das regulär 479 Euro kostet, nur schwer mithalten. Tom hätte nichts dagegen, dass es auch für die Fliegerei Freifahrtscheine gäbe:
    "Das wäre ziemlich praktisch."
    Nassima schüttelt energisch den Kopf, das gehe doch völlig an der Sache vorbei:
    "Wenn man Zug fährt, dann ist das Ganze viel langsamer und dadurch kommt man viel mehr in Kontakt und geht auch mit anderen mal mit, die auch ein Interrail-Ticket haben."
    Der Zug sei die interessantere Alternative, findet auch Andreas. Allerdings sei nicht jede Fahrt ein reines Vergnügen, auch das gehöre zu seinen Erfahrungen mit knapp fünf Wochen Interrail. Und man lerne auch nicht permanent jemanden kennen, sagt Gianluca, der vor vier Jahren mit 18 gemeinsam mit der Freundin zum ersten Mal auf Tour ging:
    "Also es war nicht so, dass wir auf jeder Zugreise in Kontakt mit anderen Reisenden gekommen sind, aber wir haben uns mal mit einem französisches Pärchen oder einem spanischen Pärchen unterhalten, oder in einem Hostel zusammen gekocht. Es ist einfach interessant für mich, andere Sichtweisen kennen zu lernen, andere Sitten. Von daher finde ich das schon sehr gut."
    Interrail nur für Jugendliche aus reichen EU-Ländern
    Kritiker der Idee wenden ein, dass die Fahrtkosten eben nur eine Seite der Medaille darstellten. Die jugendlichen Reisenden müssten auch essen und wohnen und das sei teuer, vor allem in den Metropolen. Nur junge Leute aus den reicheren EU-Staaten könnte sich das leisten. Gianluca und Andreas halten dagegen:
    "Über den kompletten Zeitraum gesehen ist es nicht teuer, wenn man es ins Verhältnis setzt mit Urlaub oder zu Hause leben. Man muss natürlich ein bisschen Arbeit in die Recherche stecken und dann findet man preisgünstige Hostels oder Unterkünfte."
    Die Erfahrungen, die sie auf ihrer Interrail-Tour durch Portugal, Spanien, Frankreich und Italien gemacht haben, hätten sich trotz mancher Anstrengung auf alle Fälle gelohnt:
    "Ich finde interkulturelle Sachen einfach gut, dass man seine Sicht auf die Welt ausweitet, dass man andere Kulturen kennenlernt, wie sich Menschen verhalten. Da es meine erste große Reise war und ich zum ersten Mal von zu Hause länger weg war, war es persönlich eine sehr wertvolle Erfahrung, man sieht halt, dass Europa sehr vielfältig ist. Ich hätte das vorher nicht gedacht, dass es solche Unterschiede gibt von Stadt zu Stadt."
    EU-Parlament und EU-Kommission scheinen mit ihrer Idee den Nerv der jungen Leute zu treffen.