Jugendprojekte im AuslandErziehungshilfe für problembelastete Jugendliche

Hunderte Kinder und Jugendliche werden im Auftrag deutscher Jugendämter im Ausland betreut. Das klappt oft gut, doch es gab in der Vergangenheit auch Fälle, in denen etwas schief lief. Mit einer Reform des Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes sollen bald neue Regeln für Projektstellen im Ausland gelten.

Von Katrin Sanders und Anika Reker | 31.01.2021

Alice mit Betreuer Rasmus auf dem Weg in den Pferdestall
Mehr Kontrolle der Träger und unangekündigte Besuche soll es künftig bei Hilfsprogrammen für deutsche Jugendliche im Ausland - wie hier in Portugal - geben (Deutschlandradio / Anika Reker)
Mit Bootcamps oder der Doku-Soap "Die strengsten Eltern der Welt" hat das nichts zu tun: Projektstellen im Ausland, in denen Jugendliche aus Deutschland betreut und begleitet werden. Solche Maßnahmen können Jugendämter bewilligen, doch die Angebote mit besonders intensiver Begleitung sind in Polen, Spanien oder Kirgistan die große Ausnahme bei den Hilfen zur Erziehung.
Gabriel lebt seit rund einem Jahr auf dem Gelände des Vereins Progresso, der sich in Portugal um problembelastete Jugendliche aus Deutschland kümmert. "Ich kenne meine Grenzen, ja. Ich kann mich selber stoppen, wenn ich irgendetwas mache. Wenn du jetzt sagst: du springst jetzt vom Baum, aber dann habe ich auch das Gefühl jetzt, dass das viel zu hoch ist. Dann klettere ich runter. Ich springe nicht einfach."
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Der zwölfjährige Gabriel (Name geändert) wird in Portugal betreut (Deutschlandradio / Anika Reker)
Sagt der Zwölfjährige, der eigentlich anders heißt. Früher wäre er gesprungen – für den Kick, für die Grenzerfahrung. Seine Geschichte erzählt Gabriel, während er in Gummistiefeln durch ein Tal nahe der Kleinstadt Almodovar im Süden Portugals stampft. Umgeben von grünen Hügeln stehen hier zwischen Orangenbäumen mehrere kleine Holzhäuschen, in denen Gabriel und derzeit zwei weitere Jugendliche untergebracht sind. Maximal fünf Plätze gibt es.
"Na, das sind hauptsächlich traumatisierte Jugendliche, Jugendliche mit Verhaltensproblematiken, mit bestimmten Persönlichkeitsstörungen, zum Beispiel hyperaktive Kinder und Jugendliche. Oder Jugendliche mit Asperger-Syndrom, Autismusspektrumsstörung, Jugendliche mit Borderlinestörung", erklärt Dorit Brandauer.

Sehr aggressiver und streitsüchtiger Junge

2007 hat die deutsche Sozialpädagogin den Verein "Progresso" in Portugal gegründet, um Jungen und Mädchen eine Chance zu geben, wenn Hilfsangebote zu Hause in Deutschland ausgeschöpft sind. Auch Gabriel ist in Deutschland bereits durch viele Einrichtungen gegangen - niemand kam dort mit dem damals sehr aggressiven und streitsüchtigen Jungen zurecht, erzählt Lea Niggemann, die als pädagogische Koordinatorin bei Progresso in Portugal arbeitet und Gabriel seit seiner Ankunft dort begleitet.
Frau schlägt Kind mit Teppichklopfer, 50er-Jahre
Prügeln verboten - Vom langen Kampf für die Kinderrechte
Kinder haben besondere Rechte – seit 1998 in Deutschland zum Beispiel auf eine gewaltfreie Erziehung. Die Bundesregierung will Kinderrechte nun auch ins Grundgesetz aufnehmen. Bis dahin war es ein langer Weg.
"Der Gabriel, das ist ein typisches Kind aus einem ganz ganz groß vernachlässigten Elternhaushalt. Viele Eltern, wo das so extrem ist, können einfach keine Sorge tragen. Seine Mutter konnte es von Anfang an nicht, und sein Vater hat immer mal wieder Interesse gehabt, konnte aber selber seine innere Stabilität nicht halten. Familie ist eigentlich da gar nicht vorhanden. Das macht natürlich auch was mit einem Jugendlichen. Nicht diese persönliche Zuwendung zu haben, diese spezielle Liebe zu haben." Die Ruhe, die reizarme Umgebung, der Abstand zu Deutschland, all das habe massiv dazu beigetragen, dass Gabriel sich innerhalb eines Jahres extrem verändert habe, psychisch und auch körperlich.
Als er vor einem Jahr in Portugal ankam, wog er nur 29 Kilo - bei einer Größe von 1,50 Meter. Dass er wieder richtig essen kann und fast zehn Kilo zugenommen hat, liegt seiner Meinung nach an der frischen Luft und den Aufgaben, die er hier täglich erledigen muss: "Mehr mit der Hand arbeiten, mehr Sachen machen, rumrennen. Gras wegmachen, Zement machen, Oliven pflücken. Unsere eigenen Terrassen machen."

Tagessätze bis zu 400 Euro pro Kind

Die deutschen Jugendämter, die für diese Hilfen zuständig sind, zahlen für die intensive Betreuung im Ausland Tagessätze zwischen 250 und 400 Euro pro Kind. Sechs- bis achthundert Kinder und Jugendliche werden im Auftrag deutscher Jugendämter im Ausland betreut. Das klappt meistens gut, doch es gab in der Vergangenheit auch Fälle, in denen es schlecht lief.
Mit einer Reform des Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes sollen deshalb bald neue Regeln für die Projektstellen im Ausland gelten: Mehr Kontrolle der Träger und unangekündigte Besuche verspricht Bundesfamilien-ministerin Franziska Giffey von der SPD: "Wenn Kinder und Jugendliche ins Ausland in eine Einrichtung der Erziehungshilfe geschickt werden, dann ist es sehr notwendig, dass es eben auch dort Kontrollen vor Ort gibt, die wir verbindlich vorschreiben. Und wir schreiben außerdem vor, dass, wenn eben die gesetzlichen Anforderungen nicht eingehalten werden, dass es ganz klar nur eine Reaktion darauf geben kann, nämlich die unverzügliche Beendigung der Maßnahme."
Franziska Giffey (SPD), Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, spricht im Bundestag zu den Abgeordneten. 
Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) während einer Rede im Bundestag (dpa / Kay Nietfeld)
Ob das am Ende so konsequent, wie versprochen, gelingen kann, hänge allerdings vom Kleingedruckten in der reformierten Gesetzesfassung ab, sagt Lorenz Bahr, Leiter des Landesjugendamtes Rheinland. Die weitaus größte Mehrheit der Träger von Auslandsmaßnahmen sei seriös und zuverlässig. Doch das war nicht immer so, sagt Lorenz Bahr.
"Das ist bestimmt 15 Jahre her, da gab es einen echten Markt in den aufnehmenden Ländern, wo eben die Träger hier Kinder aufgenommen haben, ohne vor Ort letztlich einen Mitarbeiter zu haben und sich eben vor Ort einen Mitarbeiter gesucht haben. Ich erinnere mich an Gespräche mit Trägern, die mir wirklich sagten: Wie auf dem Marktplatz. Das war besorgniserregend und insofern ist es auf jeden Fall zu begrüßen, dass auch jetzt mit der SGB VIII Reform, wenn auch nicht in Hülle und Fülle, wie wir uns das vorgestellt hätten, aber doch eine deutliche Verbesserung auch mit Blick auf diese Auslandsmaßnahmen formuliert wird."

Jugendämter müssen sich ein Bild machen

"Es ist eben das Anliegen, dass der Schutz und der Standard von diesen Auslandsmaßnahmen vergleichbar ist zu den Maßnahmen in Deutschland und dass früher auffällt, wenn davon abgewichen wird", sagt auch Angela Smessaert. Sie ist stellvertretende Geschäftsführerin der bundesweiten Arbeitsgemeinschaft Jugendhilfe AGJ. Bis zum Sommer soll der Reformentwurf Gesetz werden. Dann würde auch im Ausland gelten, was bei Heimunterbringung in Deutschland bereits Pflicht ist: Anbieter in Rumänien, Kirgistan, Spanien oder Portugal bräuchten dann eine Betriebserlaubnis. Und die Kinder und Jugendlichen müssen im Ausland von Profis begleitet werden, also von Fachkräften für soziale Arbeit. Angela Smessaert:
"Und wir als AGJ finden besonders gut, dass deutlich noch mal hervorgehoben wird, dass jede Auslandsmaßnahme in enger Kommunikation mit den zuständigen Behörden in Deutschland erfolgen muss, d.h. die Jugendämter werden verpflichtet, sich selbst vor Ort, also im Ausland tatsächlich, von der Qualität der Maßnahme zu überzeugen und das müssen sie nicht nur vor dem Start, sondern auch bevor eine Hilfe dann dort verlängert wird und davon versprechen wir uns tatsächlich einen genaueren Blick auf die Auslandsmaßnahmen."
Auf blauem Hintergrund sind die Silhouetten einer Familie mit Mutter, Vater, Tochter und Sohn in weiß zu sehen.
Mehr Sicherheit für Pflegekinder
Wie lange Kinder in Pflegefamilien bleiben oder ob sie nicht doch noch zu den leiblichen Eltern zurückkehren, ist rechtlich häufig unsicher. Das ist belastend für die Kinder. Mit einem neuen Gesetz soll sich das ändern.
Die Reform des Kinder- und Jugendstärkungsgesetzes ist somit eine Ansage, die sich vor allem an die 576 Jugendämter richtet, in deren Auftrag Kinder- und Jugendliche im Ausland betreut werden. Sie müssen sich künftig vor Ort selbst ein Bild machen, was dort wirklich geleistet wird. Die Internationale Gesellschaft für Erzieherische Hilfen, kurz IGfH, hält das für "notwendige Anforderungen, um die Rechte und das Wohl junger Menschen bei Auslandsmaßnahmen besser als bisher zu gewährleisten." Es habe genug Skandale um problematische Erziehungseinrichtungen im Ausland gegeben, bei denen mit Kindern Kasse gemacht worden sei, betont Professor Dirk Nüsken von der IGfH.

Beschwerden über Ausbeutung

Ein Beispiel: Rumänien im Jahr 2019, das Jugendhilfeprojekt in Maramures gerät unversehens in die Schlagzeilen: Vier dort betreute deutsche Jugendliche beschweren sich über angebliche Ausbeutung durch die Heimleitung vor Ort. Sie seien medizinisch schlecht versorgt, zur Arbeit gezwungenen und teilweise verprügelt worden, so die Jugendlichen gegenüber rumänischen Behörden; darunter auch ein Mädchen, für das das Jugendamt Remscheid zuständig ist. Tom Küchler, der zuständige Abteilungsleiter, erfährt von dem Vorfall aus der Presse:
"Das hat ja anscheinend eingeschlagen wie eine Bombe. Wenn da die mit Hubschrauber und SEK, oder was weiß ich, wie die heißen dort, das Gelände stürmen und alle mitnehmen. Da muss ja eine Wahnsinns Dynamik dahintergesteckt haben. Aber gut, das ist jetzt so gelaufen, wie es gelaufen ist. Ein krasser Fall."
Rumänische Behörden verhafteten die Heimleitung, einen Deutschen, der als Hauptverdächtiger galt, und vier Rumänen. Bis heute ist vieles unklar, zum Beispiel auch, ob der Verdacht stimmt, dass die Heimbetreiber Gelder rechtswidrig genutzt haben. Der Träger weist die Vorwürfe zurück und verweist auf die anderen Jugendlichen aus dem Projekt, die der Kritik ihrer Mitbetreuten öffentlich widersprochen haben. Doch das Mädchen aus Remscheid bleibt bei seiner Darstellung. Tom Küchler vom Jugendamt Remscheid unterstellt ihr keine Falschangaben. Seine Einschätzung zu dem Vorfall zeigt, wie sensibel dieses Arbeitsfeld ist, und dass Abbrüche und Konflikte dazugehören.
"Sagen wir mal so: diese Beschwerde von den Jugendlichen, die ist gekommen, die haben sich beschwert, aber das ist ja jetzt nicht so als wäre uns das fremd. Also Jugendliche beschweren sich in Heimeinrichtungen oftmals über die Sache, weil ihnen natürlich auch Grenzen aufgezeigt werden. Weil sie natürlich nicht eins zu eins mit ihrem Willen sich durchsetzen können, wenn sie irgendwas machen sollen. Und ich glaube, dass es dort auch so war, dass dort Widerstände sich aufgebaut haben und dann sind die nach außen transportiert worden in die Ortschaft, die haben sich an Dritte gewandt, und dann ist es natürlich sehr ernst genommen worden und sofort als Tatsache dargestellt worden. Man hätte das auch anders hinterfragen können: Was ist denn da wirklich passiert? "

Möglichst weit von Problemen weg

Viele Kinder haben oft eine lange "Jugendhilfekarriere" hinter sich, sagt Tom Küchler. Er meint damit einen langen Weg durch die Erziehungshilfen, vielfach wechselnde Heimaufenthalte, manchmal Jugendpsychiatrie, Suchtmittel oder erste Straffälligkeit. Wenn Jugendämter da an die Grenzen ihrer Möglichkeiten kommen, scheint der Neustart sinnvoll – im Ausland, möglichst weit entfernt von einer problematischen Szene, in der sich der Jugendliche aufhält. Nur zwei bis drei solcher Maßnahmen im Ausland bewilligt das Jugendamt Remscheid pro Jahr. Dass sich Anbieter und Jugendamt vorab schon kennen, kommt selten vor. Bei der Kontaktaufnahme ist man oft auf Vermittlung angewiesen, sagt Tom Küchler:
"Entweder durch Erfahrungen im Team oder auch die persönliche Inaugenscheinnahme ist wichtig. Oder eben, wir starten über die Sammelstelle von diesen Auslandsmaßnahmen (AIM) eine Anfrage mit einer kurzen Skizzierung des Einzelfalles und dann kommen Angebote zurück. Und dann ist es natürlich immer so ein bisschen davon abhängig, wo ist was frei? Also ist ja jetzt nicht so, als könnten wir uns da alles Mögliche aussuchen. Und es geht auch nicht nach dem Land, es geht schon nach dem Träger und nach dem Konzept."
Ein Schüler sitzt allein im Klassenraum und hält sich die Hände vors Gesicht
Heimkinder werden häufiger vom Unterricht ausgeschlossen
Die Schulsysteme seien oft nicht vorbereitet auf die Herausforderung im Umgang mit Heimkindern, sagte die Sozialarbeiterin Severine Thomas. Lehrkräfte würden mit der Situation allein gelassen.
"Also bei diesen Maßnahmen ist es wie bei allen anderen Jugendhilfemaßnahmen so, dass es da gute Projekte gibt und weniger gute", sagt Lorenz Bahr, der Leiter des Landesjugendamtes Rheinland. Werden die neuen Regeln im Kinder- und Jugendstärkungsgesetz helfen, die weniger guten zu erkennen? Bahr warnt vor falschen Erwartungen. Er hätte sich zum Beispiel mehr Entschlossenheit bei den geplanten erweiterten Aufsichtspflichten der Jugendämter gewünscht.
"Die Jugendämter sollen sich nach dem Gesetz – müssen nicht, aber sollen sich dann - einen Eindruck vor Ort machen von der Maßnahme. Sie sollen sich belegen lassen, dass eben auch Fachkräfte die entsprechende Maßnahme vor Ort umsetzen. Und sie sollen - leider nicht "müssen" - das ist auch noch mal abgeschwächt worden - auch eigentlich die Hilfeplanung mindestens einmal im Jahr vor Ort machen. Das hätte man auch stärker fassen können, hätte aber natürlich zu erheblichen Mehrkosten für die Jugendämter geführt. Ich meine aber, es hätte sich gelohnt."

"Ich habe Kinder gemobbt"

Immerhin: Der Entwurf für das Gesetz sieht vor, dass in Zukunft nur noch solche Träger Projektstellen im Ausland anbieten, die bereits in Deutschland ein Heim betreiben. Die Grundannahme ist: Wer im Inland zuverlässig arbeitet, wird sehr wahrscheinlich auch bei der Umsetzung der Auslandsmaßnahme zuverlässig sein.
Doch Lorenz Bahr genügt diese Logik nicht: "Umgekehrt: Was passiert, wenn es nicht der Fall ist? Dann können wir ja nicht eine Betriebserlaubnis für eine stationäre Einrichtung hier im Rheinland entziehen, nur, weil im Ausland in Spanien, Portugal oder wo auch immer, die betriebene Einrichtung nicht nach dem geltenden Recht umgesetzt wird. Da müssen wir schon eine Menge Belege mitbringen. So eine Betriebserlaubnis entzieht man nicht mal eben."
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Die 16-jährige Alice, auch sie heißt eigentlich anders, kümmert sich gemeinsam mit den anderen Mädchen um sechs Pferde (Deutschlandradio / Anika Reker)
"Nina komm, komm hierher. Nina vertrau ich nicht ganz." Zurück beim Jugendhilfeprojekt Progresso in Portugal. 20 Kilometer weiter südlich von den Unterkünften der Jungen lebt die 16-jährige Alice in der Mädchenwohngemeinschaft. Alice, auch sie heißt eigentlich anders, kümmert sich hier gemeinsam mit den anderen Mädchen um sechs Pferde. Die 16-Jährige leidet an einer emotionalen Störung, kann schlecht Bindungen eingehen und ist extrem misstrauisch.
Doch auch sie hat sich in Portugal verändert, hat gelernt sich selbst zu reflektieren: "Also, ich habe mich sehr unfreundlich verhalten. Also, ich habe Kinder gemobbt, ich habe halt niemanden respektiert und war auch ein bisschen aggressiv." Bis Alice sich im Projekt richtig einleben konnte, hat es allerdings viel Zeit gebraucht. Mehrmals ist sie weggelaufen.
"Also, ich habe schon, ich glaube 19 Mal versucht hier abzuhauen. Ich bin 6,5 Stunden gelaufen. Einmal habe ich auch draußen übernachtet, ansonsten bin ich jedes Mal zurückgegangen, weil ich gemerkt habe, dass es nichts bringt." Denn hier gibt es keinen Bahnanschluss, keine Shopping-Malls, keine alten Bekannten - nichts, wo man sich verstecken kann. Nur weites Land.

Jugendliche geben Handys ab

Das sei für Jugendliche wie Alice sehr wichtig, sagt Progresso-Leiterin Dorit Brandauer: "Der Vorteil von Auslandsmaßnahmen ist eben auch, dass die Jugendlichen raus aus dem System sind, wo sie sind. Und das ist in Deutschland manchmal gar nicht machbar, weil selbst wenn du einen Jugendlichen in eine Einrichtung in einem anderen Bundesland gibst: die setzen sich in den Zug und fahren zurück. Das ist im Ausland erschwert. Das heißt, Jugendlichen müssen sich hier auf uns einlassen." Unterstützend dazu geben die Jugendlichen am Anfang alles ab, was sie mit ihrem alten Leben in Deutschland verbindet: Handys, Laptops, Piercings - und die eigene Sprache.
"Wir sprechen hier Englisch in den Projekten. Die Jugendlichen verlieren dadurch auch ihren Straßenslang, weil, wenn sie hierherkommen und mit ihrer gewöhnlichen Sprache nicht so agieren können, müssen sie sich ja erstmal auf eine neue Sprache einlassen und verlieren damit ihren Straßenslang."
Das bringt auch einen weiteren Vorteil mit sich. In Englisch stünde im Abschlusszeugnis am Ende dann meist eine Eins oder Zwei. Ein umso größerer Erfolg, wenn man bedenke, dass vor dem Auslandsaufenthalt viele der Jugendlichen gar nicht mehr beschulbar gewesen seien, sagt Dorit Brandauer. Der 12-jährige Gabriel hatte in Deutschland Lehrerinnen angespuckt und beschimpft und war von verschiedenen Schulen geflogen. Kaum vorzustellen, wenn man ihn beim Unterricht mit Lehrer Christian beobachtet:
"Dann schneiden wir diesen Zikorat in verschiedene Körper. Und was haben wir da?"
"5 Quader, 5 Prisma".
Einzelunterricht und mindestens zwei Betreuer, die rund um die Uhr für maximal fünf Jugendliche im Einsatz sind - dieser dichte Betreuungsschlüssel mache es möglich, dass Jugendliche mit einem besonderen Bedarf - wie Gabriel oder Alice - die Aufmerksamkeit bekommen, die sie brauchen. Das Jugendamt Düsseldorf kooperiere gern mit dem Träger, wie der Amtsleiter auf Nachfrage betont. Mehr als zehn Jugendliche lässt das Jugendamt derzeit im Ausland betreuen. Die Entwicklung, die die Kinder und Jugendlichen dort machten, zeige, dass es lohnt. So sieht es auch Tom Küchler vom Jugendamt Remscheid. Aus Maramures zieht er vorläufig nur den Schluss, mit diesem Anbieter nicht mehr zusammen zu arbeiten.

"Ich vertraue schneller Menschen"

"Auslandsmaßnahmen an sich, finde ich, sind ein guter Weg, wenn vieles nicht geht, da doch noch mal die Kurve zu bekommen für die Jugendlichen." Wenn es dabei allerdings zu Konflikten vor Ort kommt oder die Jugendlichen unzufrieden sind, sich beschweren oder Unterstützung brauchen, haben sie und die Eltern künftig einen Rechtsanspruch auf Beratung und Hilfe. So steht es im Gesetzentwurf. Doch es könnte dauern, bis die notwendigen Ombudstellen in allen Bundesländern auf die neue Aufgabe eingerichtet sind - darauf weist Angela Smessaert von der Arbeitsgemeinschaft Jugendhilfe AGJ hin. Und die Jugendlichen müssen von ihrem Recht auch wissen, sagt die AGJ. Sie mahnt daher konkrete Umsetzungsbeschlüsse an, wenn das Kinder- und Jugend-Stärkungsgesetz zum Sommer hin Gesetz werden sollte.
"In der Umsetzung von dieser Reform wird man sich das noch mal genau überlegen müssen. Also es gibt Ombudstellen auch schon jetzt. Die sind nicht vorbereitet, auf einmal zu allen Hilfen zur Erziehung in Deutschland und im Ausland zu beraten. Also da müssen zusätzliche Strukturen geschaffen werden und man muss sich die Frage stellen, wie können die Informationen über diese Ombudstellen auch tatsächlich die Berechtigten erreichen. Da muss ganz sicher sogar Geld rein", sagt Smessaert. Nur so könne es wirklich eine Verbesserung für die bis zu 800 Jugendlichen geben, die nach vielen persönlichen Umwegen in Auslandsprojekten neu angefangen haben.
Darunter Alice und Gabriel, die ihre Chance in Portugal erkannt haben. "Ich wollte eigentlich nach Hause. Aber dann habe ich gewusst, dass die mir helfen wollen und dann habe ich mitgearbeitet."
"Als ich hier hingekommen bin und dir alles weggenommen wird, merkt man halt, okay, du musst dir Sachen verdienen, du musst alles wertschätzen, und du musst halt gut mitmachen, sonst kommst du nicht weiter. Ja, und das hat mich halt so verändert. Ich habe mich an die Regeln gehalten. Also ich lüge nicht mehr, also nicht mehr so oft. Halt nur noch in Notsituationen. Ich bin freundlicher geworden und ich vertraue schneller Menschen."