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Juliane Liebert: "lieder an das große nichts"Romantisches Senfei

Romantische Gefühle, Mahler, Krebs, ein bisschen Pop und über allem schwebt der Tod: Die Musikjournalistin Juliane Liebert stellt ihren ersten Gedichtband im Studio LCB aus dem Literarischen Colloquium Berlin vor.

Von Tobias Lehmkuhl

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Die Autorin Juliane Liebert und ihr Gedichtband "lieder an das große nichts" (Cover Suhrkamp Verlag / Autorenportrait (c) Claude Gerber)
Juliane Liebert, geboren 1989 in Halle an der Saale, veröffentlichte zuletzt "Hurensöhne! Über die Schönheit und Notwendigkeit des Schimpfens" (starfruit publications, 2020). Jetzt erscheinen gesammelte Gedichte. (Cover Suhrkamp Verlag / Autorenportrait (c) Claude Gerber)
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Die 1989 in Halle an der Saale geborene Juliane Liebert hat sich schon lange einen Namen gemacht - als Journalistin, vor allem als Musikjournalistin. Regelmäßig erscheint ihre Popkolumne in der Süddeutschen Zeitung, ihre Interviews mit Stars wie Marianne Faithfull oder Billie Eilish bestechen durch Witz und Originalität.

Und so verwundert es doch sehr, dass ihr erster, nun bei Suhrkamp erschienener Gedichtband, auf den ersten Blick überhaupt nichts Poppiges an sich hat: Keine Zitate aus englischen Songtexten, wie es in deutschen Lyrikbänden derzeit fast zum guten Ton gehört, kein englischsprachiges Motto irgendwo, man könnte also sagen: Ein durch und durch deutscher Gedichtband.

Und auch auf inhaltlicher Ebene bestätigt sich dieser Eindruck, etwa wenn Liebert in ihrem Gedicht "du bist mir verloren gegangen" die von Gustav Mahler vertonte Rückert-Zeile "Ich bin der Welt abhanden gekommen" variiert:

"du bist mir verloren gegangen
an die metaphysik an die zeit
und ihre berechenbaren götter
an die tauben, die taxifahrer
sie sind überall
ich sehe dich ständig du bist in
atlantis am broadway an der haltestelle
wenn der bus hält schon weg du hast
mir die zunge gebrochen es ist
ein gerücht du bist nicht gestorben
als ich den friedhof betrat warst du
gar nicht da wer redet von krebs"

Der Tod ist präsent

Geradezu altmodisch mutet der romantische Gestus an, mit dem Liebert dieses Gedicht eröffnet, aber auf gewisse Weise steckt doch auch Pop darin, denn es gelingt ja gerade dem Pop, romantischen Gefühlen, Sehnsuchtsgefühlen, immer neuen Ausdruck zu verleihen. Dabei deutet der Vers "wer redet von krebs" zugleich auf einen ganz konkreten Zusammenhang hin, in dem dieses Gedicht entstanden sein mag.

Der Tod ist eben nicht nur Topos, und er ist erstaunlich präsent in diesem Debütband, der ja schon im Titel - "lieder an das große nichts" - auf das Jenseits anspielt.

Gleich das erste Gedicht handelt von Nikolai Gogol und davon, dass er womöglich lebendig begraben wurde, ein anderes erzählt, wie jemand ins Wasser geht und sich ertränkt - "mein bruder" heißt es. Vom Ertrinken ist immer wieder die Rede, und in dem Gedicht mit dem doch sehr lustigen Titel "das senfei" taucht der Dichter Sean Bonney auf, der bei einem Unfall ums Leben kam, der womöglich kein Unfall war.

Dem Tod ist nicht anders beizukommen als mit Lachen, und sei es ein teuflisches, zerstörerisches Lachen:

"wenn dein haus brennt, was tust du
holst du wasser, sand
schließt du den brennenden raum ab
rettest du die kinder, den hund
rufst du hilfe, warnst du die nachbarn
bläst du öl
ins feuer auf dass es endlich abfackelt
und du es los bist
dieses verdammte haus"

Fundstücke verschiedener Form und Gestalt

Eine andere Tradition, die man, wenn man möchte, aus diesen Gedichten heraushören kann, ist die der amerikanischen Beat-Poetry, der beiläufige und doch existentiell aufgeladene Ton eines Allen Ginsburg oder eines Frank O’Hara. Liebert erwähnt zudem einige Lyrikerinnen, die keine halben Sachen machten: Unica Zürn, Sylvia Plath oder Anne Sexton. Der düstersten aller Pop-Poetinnen, Nico alias Christa Päffgen, widmet sie eins der längsten Gedichte in ihrem schmalen Band. Manche dagegen sind denkbar kurz, geradezu haikuhaft oder kaum mehr als ein Aphorismus.

Hier geht es zum Literatursommer von Deutschlandfunk (imago / fStopImages / Malte Müller) (imago / fStopImages / Malte Müller)

An anderer Stelle ist zu lesen, dass die 42 Gedichte des Bandes - eine ja sehr überschaubare Menge - innerhalb der doch sehr langen Zeitspanne von 16 Jahren entstanden sind. Und in der Tat: Sie muten zuweilen wie Fundstücke an, so verschieden sind sie in Form und Gestalt. Und trotzdem wirken sie weder im Einzelnen noch in der Gesamtkomposition zufällig oder beliebig. Auch wenn Liebert auf Reime und feste Versmaße verzichtet, ist doch jeder Zeilenbruch mit sicherer Hand und großer, gewissermaßen Mahler’scher Musikalität gesetzt.

"wer redet von krebs
du bist schütze du spielst mit freunden
fußball in denver du liegst in
der sonne deine lunge löchrig noch warm
eine faustvoll zerpresstes vogeljunges
du bist überall jetzt wo du nirgends bist
sind deine sohlen gestirnt deine seele
ein vakuum nur die erde über dir
ist flach & rotiert immer langsamer
und die djs die kellnerinnen
die götter der physik und die zeit und
ihre bediensteten, sie sind mir
verloren gegangen mit deinem gesicht
sie haben keine augen sie haben
keine ohren sie haben keine
worte mehr"

Um ehrlich zu sein: Eine englische Zeile findet sich dann doch in den "liedern an das große nichts". Aber auch wenn diese Zeile wie ein Song-Zitat wirkt, scheint sie, es findet sich kein anderer Beleg, von Liebert selbst zu stammen. Gut erfunden, gut erdichtet.

Juliane Liebert: "lieder an das große nichts"
Suhrkamp Verlag, Berlin, 88 Seiten, 18 Euro.

Studio LCB - aus dem Literarischen Colloquium Berlin
Samstag, 31. Juli 2021, 20.05 Uhr

Zu Gast sind:
Juliane Liebert mit ihrem Gedichtband "lieder an das große nichts"
und Michael Krüger mit seinem neuen Gedichtband "Im Wald, im Holzhaus" (beide im Suhrkamp Verlag erschienen)
sowie der Kritiker und Journalist Christian Metz

Am Mikrofon: Tobias Lehmkuhl



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