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StartseiteInterviewJungunternehmer: Habe für Opel-Hilfe "überhaupt kein Verständnis"21.11.2008

Jungunternehmer: Habe für Opel-Hilfe "überhaupt kein Verständnis"

Dirk Martin: Neuverschuldung zu Lasten der nächsten Generation

Der Vorsitzende des Bundesverbands Junger Unternehmer, Dirk Martin, hat nach dem Haushaltsbeschluss zu einer höheren Neuverschuldung staatliche Bürgschaften für Großunternehmen wie Opel kritisiert. Das führe zu weiterer Neuverschuldung, die künftige Generationen zahlten. Die Arbeitsplätze seien ohnehin dauerhaft nicht zu sichern.

Dirk Martin im Gespräch mit Elke Durak

Der Bundeshaushalt sieht eine höhere Neuverschuldung vor. (Stock.XCHNG / Jorge Vicente)
Der Bundeshaushalt sieht eine höhere Neuverschuldung vor. (Stock.XCHNG / Jorge Vicente)

Elke Durak: Die Neuverschuldung soll nun so steigen. Ade Generationengerechtigkeit?

Dirk Martin: Das sieht so aus, und wir müssen uns in der Tat, insbesondere die Bundesregierung muss sich vorwerfen lassen, dass sie in den Zeiten, wo es sehr gut lief, die Verschuldung nicht mehr abgebaut hat. Von der Seite her sieht es wieder so aus, dass die junge Generation die Zeche zahlen muss und die Generationsgerechtigkeit mit Füßen getreten wird.

Durak: Was nutzt Ihnen aber Generationengerechtigkeit später, wenn jetzt gerade alles kaputt geht?

Martin: Also ich glaube, das ist die Frage, wie man das angeht. Es kann nicht sein, dass beispielsweise bei Opel eine Bürgschaft in so großem Maße veranschlagt wird und dass andere Branchen, ganz spezifische Branchen nur unterstützt wird. Wenn wir die eine Million [Martin meint eine Milliarde, Anmerkung der Redaktion] Bürgschaft nehmen, müssen wir das einfach mal umrechnen. Wenn sie 10.000 kleinere Betriebe nehmen und denen 100.000 Euro zur Verfügung stellen würden als Bürgschaft, da sind sie auch bei einer Milliarde. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass das wesentlich effektiver wäre als das, was jetzt verabschiedet wird. Und von der Seite her glaube ich schon, dass hier Politik gemacht wird nach dem Mund und Politik gemacht wird für eine spezifische Gruppe, aber nicht das Große und Ganze gesehen wird.

Durak: Herr Martin, Sie würden Opel nicht helfen?

Martin: Auf keinen Fall. Wer schlecht wirtschaftet, wer in den letzten Jahren Subventionen kassiert hat, wer Arbeitsplätze ins Ausland verlegt hat und nur sagt, weil wir hier eine sehr große Firma sind und sehr viel Tradition haben, deshalb haben wir ein Anrecht, dass alle kleinen Steuerzahler, der kleine Mann uns unterstützt - da haben wir überhaupt kein Verständnis für.

Durak: Hat denn die Bundesregierung überhaupt noch die Wahl, die Finanz- und Wirtschaftskrise jetzt und so nicht anders aufzuhalten?

Martin: Also ich bin der Meinung, das was sie mit dem Finanzmarkt gemacht haben, den Bankenschirm aufzustellen, das macht extrem viel Sinn, weil dort jeder betroffen ist. Bei spezifischen Branchen wie jetzt in der Automobilbranche, wo in den letzten Jahren schlecht gewirtschaftet wurde und wo es anscheinend darum geht, dass Überkapazitäten da sind, da bin ich der festen Überzeugung, kann der Staat nicht eingreifen. Dort darf er nicht eingreifen, weil das zu einer Neuverschuldung führt. Und das zahlen die zukünftigen Generationen und somit wird auf Pump der Zukunft hier Politik gemacht.

Durak: Das heißt, zig Tausende Arbeitsplätze sollten über die Wupper gehen? Das wäre Ihnen egal.

Martin: Nein. Das sind nicht zig Tausende Arbeitsplätze, die über die Wupper gehen, sondern es geht darum, dass diese Arbeitsplätze so oder so in den nächsten Jahren nicht überlebensfähig sind. Bedeutet: Schauen Sie sich den Fall Holzmann an. Da ist genau dasselbe eingetreten. Ich plädiere dafür, die Unternehmen zu stärken – und das ist insbesondere der Mittelstand, insbesondere die jungen Unternehmer -, die Arbeitsplätze in den nächsten Jahren schaffen können und nicht in einer Industrie tätig sind, die Überkapazitäten hat und wo es nachher darauf hinauslaufen wird, dass das Unternehmen so oder so stirbt, weil es nicht überlebensfähig ist.

Durak: Da werden Sie sich wenig Freunde machen bei den zig Tausenden Beschäftigten großer Unternehmen, die dann wieder mit dem Finger auf Sie zeigen und sagen, ja, ja, die Jungunternehmer.

Martin: Nein. Man muss sagen, man muss nun wirklich darüber nachdenken, wer hier was fordert. Wir haben 40 Millionen Arbeitnehmer. Die müssen die Zeche dafür zahlen, dass in einem Großkonzern über Jahre zu wenig richtig gehandelt wurde und Fehlmanagement sehr wahrscheinlich stattgefunden hat, dass sie heute in einer Krise sind. Und das führt bei vielen, vielen Kleinunternehmen, wo ein oder zwei Mitarbeiter entlassen werden, geht genau derselbe Prozess ab, aber die Frage ist nur: Warum haben nur die Großen eine Lobby und die Kleinen nicht. Und ich bin mir ziemlich sicher, wenn man eine Befragung machen wird, werden die Bürger in Deutschland sagen, das kann auch nicht sein, das ist eine Ungerechtigkeit und die Zeche zahlt wieder die Masse für eine kleine Gruppe, die am lautesten schreit.

Durak: Folgt man Ihrer Argumentation, sagt man, die Fehler liegen in der Vergangenheit. Jetzt ist die Krise da. Gibt es wirklich keine andere Chance?

Martin: Als Opel zu stützen? Also ich bin der Meinung, man muss sich hinterfragen lassen, wie das Konzept aussieht, und wenn das Konzept leider so aussieht, dass das nicht tragfähig ist, weil wenn Opel doch so gut dastände, dann bräuchten sie auch nicht die Bürgschaften. Von der Seite muss man wirklich sehr genau hingucken, ob hier eine spezielle Lobby einfach sehr, sehr viel Druck macht. Am Ende geht es darum, dass in Gesamtdeutschland etwas bewegt werden muss und nicht in einer kleinen Gruppe. Deshalb muss man sich fragen, ob man nicht lieber 10.000 anderen Unternehmen hilft mit 100.000 Euro Bürgschaft als einem großen Unternehmen, woran letztendlich eine ganz kleine Gruppe hängt. Das ist die entscheidende Frage, die wir uns stellen müssen.

Durak: Herr Martin, ich hatte eingangs auch eine Frage gestellt – nicht direkt erst mal an Sie, aber für uns. Es fragt sich, ob der Bundesverband Junger Unternehmer – Sie tagen ja heute und morgen – es beim Klagen belassen wird. Werden Sie es beim Klagen belassen, oder was haben Sie vor?

Martin: Wir werden darüber diskutieren und wir müssen uns in der Tat, gerade wir Unternehmer, mehr öffentlich äußern, weil ich schon glaube, dass gerade wir, die jungen Unternehmer, die soziale Marktwirtschaft leben und der Meinung sind, dass wir nach außen mehr darüber diskutieren müssen, was Unternehmertum bedeutet und welche Vorteile auch die kleinen und mittelständischen eigentümergeführten Unternehmen haben. Das müssen wir weiter ausbauen und auch diskutieren und dann werden wir es nicht nur beim Klagen belassen, sondern wir werden aktiv in die Diskussion mit einsteigen müssen.

Durak: Mit den Medien. Und was ist mit den Politikern?

Martin: Das tun wir nicht intensiv genug, weil wir anscheinend nicht die große Lobby haben. Das Ergebnis sehen wir ja. Wenn Opel schreit oder Holzmann damals schreit, wird geholfen. Wenn ein kleiner Mittelständler mit 20, 30, 40 Mitarbeitern schreit, wird nichts getan. Somit müssen wir ganz klar konstatieren: Wir müssen uns aktiver mit der Politik darüber unterhalten. Das was wir bisher tun reicht nicht aus und das werden wir in der Zukunft ändern.

Durak: In Ihrem Verband sind Unternehmer unter 40. Die sind Inhaber oder Gesellschafter eines Unternehmens, haben mindestens 10 Beschäftigte oder und eine Million Euro Jahresumsatz sowie einen Eintrag in Handelsregister oder Handelsrolle. So steht es nachzulesen bei Ihnen. Ist die Krise in Ihren Unternehmen angekommen?

Martin: Wir haben bei einer Umfrage festgestellt, dass zumindest jeder fünfte Unternehmer darüber klagt, dass es schwieriger geworden ist, Kapital zu beschaffen, sich mit Krediten zu versorgen. Von der Seite her sehen wir das. Wir müssen aber auch sagen, dass wir nicht die Psychologie annehmen und jetzt alles schwarz sprechen und nur über die negativen Dinge sprechen, sondern wir sagen, es ist auch sehr, sehr viel Psychologie, und wir sind einfach der festen Überzeugung, wenn wir weiter hart arbeiten und weiter mit unseren Mitarbeitern gemeinsam nach vorne schauen, dass diese Krise auch bewältigbar ist, denn nach jeder Krise folgt auch wieder der Aufschwung.

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