Mittwoch, 29. Juni 2022

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Jutta Person: "Korallen. Ein Portrait"
Vielgestaltige Wunderwesen

Dass Korallen Tiere seien, wurde erst im 18. Jahrhundert entdeckt, sagte die Philosophin Jutta Person im Dlf. Man habe sie als "Sozialisten des Meeres" bezeichnet, weil diese Polypen kooperierten. Die kleinen Lebewesen seien über die Jahrhunderte immer wieder metaphorisch verwendet worden.

Jutta Person im Gespräch mit Angela Gutzeit | 26.06.2019

Zu sehen ist die Autorin Jutta Person und das Cover ihres Buches "Korallen".
Die Philosophin Jutta Person hat für ihre Recherchen über Korallen extra das Tauchen gelernt. Sie wollte sich von ihrer Pracht wie von dem klimabedingten Absterben der Korallenbänke selbst überzeugen. (Autorenfoto: Johanna Ruebel / Cover: Mattes und Seitz)
Seit nun sechs Jahren erscheinen bei Matthes & Seitz in der Reihe "Naturkunden", kuratiert von der Schriftstellerin und Graphikerin Judith Schalansky, schön gestaltete Bände, die von Tieren und Pflanzen, von belebter und unbelebter Natur erzählen. Neu ist im Frühjahr unter anderem der Band "Korallen" von Jutta Person hinzugekommen. Die Berliner Philosophin und Redakteurin bei der Zeitschrift "Philosophie" hatte bereits ein Bändchen über den Esel vorgelegt. Knotenpunkt zwischen den beiden doch so verschiedenen Lebewesen hätten für sie Shakespeares Dramen dargestellt, meinte Jutta Person im Gespräch mit Angela Gutzeit. Wie der Esel im "Sommernachtstraum" seinen Auftritt habe, so finde die Koralle in seinem Theaterstück "Der Sturm" Erwähnung.
Must-have in der Wunderkammer
Die Philosophin hat für ihre Recherchen extra das Tauchen erlernt, um sich in der Unterwasserwelt des Roten Meeres von der Pracht wie aber auch dem klimabedingten Absterben der Korallenbänke zu überzeugen. In jahrelanger Arbeit hat Person aber auch der Korallenfaszination in Naturwissenschaft, Kunst, Literatur und Philosophie nachgespürt. Korallen wurden und werden immer noch als Wunderwesen wahrgenommen. Aber warum eigentlich?
"Erst im 18. Jahrhundert wurde entdeckt", so erklärt Jutta Person, "dass es sich bei den Korallen um Tiere handelt". Man schrieb ihnen magische Eigenschaften zu und begehrte sie als Sammlerobjekte. In der Renaissance seien Korallen ein "Must-have" in den Wunderkammern und später in den Naturaliensammlungen der Forscher gewesen. Diese kleinen Lebewesen, die riesige Riffe bauen könnten, dazu schwer einzuordnen seien und ein enormes Wandlungs- und Verzweigungspotential besäßen, seien über die Jahrhunderte metaphorisch immer weiter verwendet worden.
Sozialisten des Meeres
In der Literatur tauchen sie auf, eben zum Beispiel bei Shakespeare, aber auch bei Jules Verne, Josef Roth oder Silvia Plath. In der bildkünstlerischen und religiösen Ikonografie hatten sie ihren Platz als schützende Schmuckstücke vor dem "bösen Blick". Ihre Blütezeit in der Soziologie und Philosophie erlebten Korallen im 19. Jahrhundert, als man sie mit den Arbeitermassen verglich und als "Sozialisten des Meeres" bezeichnete. "Man hat den Korallen unterstellt", so Jutta Person, "dass bei ihnen eine Art natürlicher Sozialismus stattfindet, weil diese Polypen so kooperieren, weil sie gemeinsame Mägen haben, weil die eben ohne Kopf und Krone auskommen und so eine Vielheit sind, die sich organisiert ohne hierarchisches Prinzip." Und so wundert es nicht, dass die Korallen auch in Karl Marx‘ "Kapital" beschrieben werden als "antikapitalistische Helden".
Bedrohte Vielheit
Die Vernetzung, Kooperationsfähigkeit und Vielfältigkeit der Korallen, die heute durch die Verschmutzung und Erwärmung der Meere bedroht sind, so macht Jutta Person im letzten Kapitel ihres Buches deutlich, führt uns Menschen die Verletzlichkeit der Ökosysteme wie auch die Verbindung aller mit allem mahnend vor Augen.
Jutta Person: "Korallen. Ein Portrait." Matthes & Seitz, Reihe "Naturkunden",
hrsg. von Judith Schalansky.
192 Seiten, 20.- Euro.