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StartseiteBüchermarktVielgestaltige Wunderwesen26.06.2019

Jutta Person: "Korallen. Ein Portrait"Vielgestaltige Wunderwesen

Dass Korallen Tiere seien, wurde erst im 18. Jahrhundert entdeckt, sagte die Philosophin Jutta Person im Dlf. Man habe sie als "Sozialisten des Meeres" bezeichnet, weil diese Polypen kooperierten. Die kleinen Lebewesen seien über die Jahrhunderte immer wieder metaphorisch verwendet worden.

Jutta Person im Gespräch mit Angela Gutzeit

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Zu sehen ist die Autorin Jutta Person und das Cover ihres Buches "Korallen". (Autorenfoto: Johanna Ruebel / Cover: Mattes und Seitz)
Die Philosophin Jutta Person hat für ihre Recherchen über Korallen extra das Tauchen gelernt. Sie wollte sich von ihrer Pracht wie von dem klimabedingten Absterben der Korallenbänke selbst überzeugen. (Autorenfoto: Johanna Ruebel / Cover: Mattes und Seitz)
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Must-have in der Wunderkammer

Die Philosophin hat für ihre Recherchen extra das Tauchen erlernt, um sich in der Unterwasserwelt des Roten Meeres von der Pracht wie aber auch dem klimabedingten Absterben der  Korallenbänke zu überzeugen. In jahrelanger Arbeit hat Person aber auch der Korallenfaszination in Naturwissenschaft, Kunst, Literatur und Philosophie nachgespürt. Korallen wurden und werden immer noch als Wunderwesen wahrgenommen. Aber warum eigentlich?

"Erst im 18. Jahrhundert wurde entdeckt", so erklärt Jutta Person, "dass es sich bei den Korallen um Tiere handelt". Man schrieb ihnen magische Eigenschaften zu und begehrte sie als Sammlerobjekte. In der Renaissance seien Korallen ein "Must-have" in den Wunderkammern und später in den Naturaliensammlungen der Forscher gewesen. Diese kleinen Lebewesen, die riesige Riffe bauen könnten, dazu schwer einzuordnen seien und ein enormes Wandlungs- und Verzweigungspotential besäßen, seien über die Jahrhunderte metaphorisch immer weiter verwendet worden.

Sozialisten des Meeres

In der Literatur tauchen sie auf, eben zum Beispiel bei Shakespeare, aber auch bei Jules Verne, Josef Roth oder Silvia Plath. In der bildkünstlerischen und religiösen Ikonografie hatten sie ihren Platz als schützende Schmuckstücke vor dem "bösen Blick". Ihre Blütezeit in der Soziologie und Philosophie erlebten Korallen im 19. Jahrhundert, als  man sie mit den Arbeitermassen verglich und als "Sozialisten des Meeres" bezeichnete. "Man hat den Korallen unterstellt", so Jutta Person, "dass bei ihnen eine Art natürlicher Sozialismus stattfindet, weil diese Polypen so kooperieren, weil sie gemeinsame Mägen haben, weil die eben ohne Kopf und Krone auskommen und so eine Vielheit sind, die sich organisiert ohne hierarchisches Prinzip." Und so wundert es nicht, dass die Korallen auch in Karl Marx‘ "Kapital" beschrieben werden als "antikapitalistische Helden".

Bedrohte Vielheit

Die Vernetzung, Kooperationsfähigkeit und Vielfältigkeit der Korallen, die heute durch die Verschmutzung und Erwärmung der Meere bedroht sind, so macht Jutta Person im letzten Kapitel ihres Buches deutlich, führt uns Menschen die Verletzlichkeit der Ökosysteme wie auch die Verbindung aller mit allem mahnend vor Augen.

Jutta Person: "Korallen. Ein Portrait." Matthes & Seitz, Reihe "Naturkunden",
hrsg. von Judith Schalansky.
192 Seiten, 20.- Euro.

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