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StartseiteKultur heuteLetztes Theater-Aufbäumen in Polen07.11.2017

"K" im Teatr PolskiLetztes Theater-Aufbäumen in Polen

Es versprach eine laute Abrechnung mit dem allmächtigen Parteichef Jaroslaw Kaczynski zu werden, doch blieb es nach der Premiere von "K" in Posen erstaunlich leise. Das scheint symptomatisch für eine tiefere, schwere Krise von Politik und Gesellschaft in Polen zu sein.

Von Jan Pallokat

Polish Prime Minister Jaroslaw Kaczynski addresses the media during a press conference about recalling his deputy Andrzej Lepper, late 09 July 2007. President Lech Kaczynski recalled, 09 July 2007 Andrzej Lepper from the post at the motion of PM Jaroslaw Kaczynski, government spokesman Jan Dziedziczak said. 'The decision stems from facts revealed by the Central Anti-corruption Office (CBA) in connection with corruption charges. Two persons have been  (picture-alliance / dpa / Radek Pietruszka)
Er war nicht im Publikum: Jaroslaw Kaczynski, der Chef der regierenden Partei Recht und Gerechtigkeit (PiS) (picture-alliance / dpa / Radek Pietruszka)
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"K" im Teatr Polski in Posen hält nicht, was es versprach. Denn das Stück des eher links-orientierten Künstlerehepaars Strzepka-Demirski ist keine erwartbare Abrechnung mit Jaroslaw Kaczynski, dem mächtigen Strippenzieher der polnischen Politik, eine gar letzte Abrechnung geworden, bevor auch die städtischen Bühnen des Landes den kulturpolitischen Vorqaben der PiS-Partei untergeordnet werden. Die Figur des rachsüchtigen "K" erscheint lediglich als Symptom einer tieferen, schweren Krise von Politik und Gesellschaft in Polen – ein düsterer Niedergang ohne Entrinnen, und bei dem jeder das seine beiträgt: K und seine brutalen Helfershelfer, aber auch die Opposition und der leichtfüßige Ex-Premier Tusk, ein rückgratloser Fernsehmoderator, eine unklare Zahl von Demonstranten, die nicht genau zu wissen scheinen, wofür sie protestieren, und eine Jugend, die nichts verstehen will – und sich angeekelt abwendet.

Die Hoffnungen des Aufbruchs von 1980 und der Wende 1989, sie sind heute 30, 40 Jahre alt. Und heute fragen wir uns: Was haben wir aus diesen Träumen gemacht, über die Freiheit, über Polen und Europa, und die Antworten sind gar nicht so erfreulich", sagt Maciej Nowak, Intendant des Theaters. Die Hauptrolle des K spielt Marcin Czarnik vom einst überregional beachteten Teatr Polski in Breslau, in dem nach dem Machtwechsel ein umfassender Austausch des Ensembles stattgefunden hat.

"Herr Jaroslaw Kaczynski ist schon in die Geschichte eingegangen, obwohl er noch lebt und die Geschichte weiter schreibt. Er weckt enorme Emotionen, Literatur, die über ihn entstanden ist, ist ungeheuer vielfältig. Er ist in gewissem Sinne eine tragische Gestalt, denn sie hat nicht viel gemein mit der Gesellschaft und trifft Entscheidungen, die für sie doch wesentlich sind."

Spaltung in Regierungsanhänger und Gegner

Doch hält sich das Stück eben nicht beim mächtigsten Polen auf, sondern ermöglicht den Blick von außen auf die umfassende Spaltung des Landes in Regierungsanhänger und ihre Gegner. Der Ringkampf Ks und seines Antipoden Donald wird so als Ritual entlarvt, das das ganze Land gefangen hält. Eine Zuschauerstimme: 

"Die Diganose, die das Stück trifft, geht mir sehr nahe. Die Botschaft ist nämlich, dass wir alle einbezogen werden in das Doppelspiel Kacynyski-Tusk und das wir in diesem Rahmen funktionieren. Auch in meinem Kreis sprechen wir ständig über diese beiden und bestätigen damit genau die These."

Theater also, das tatsächlich den Spiegel hinhält, ohne dezidiert rechts oder links zu sein. Nach dem Breslauer Teatr Polski gelangte nun auch das Stary Theater in Krakau in den Strudel politisch gewollter Umbauten. 1968 war es die Absetzung einer Inszenierung nach dem Nationaldichter Mickiewicz, die Unruhen auslöste. Heute aber bleibt es ruhig, obwohl ganze Thater-Ensembles abgesetzt werden.

"K" im Theater Polski kommt dann auch mit einer düsteren Prognose. 2019, Wahlabend, die Opposition siegt überraschend. Ks Helfer wenden sich nun gegen ihn, wollen ihn gar anzünden – doch im letzten Moment gelingt eine Wahlfälschung. Der Rest ist Verzweiflung und nach zweieinhalb Stunden Düsternis die vielleicht letzte aller Fragen: ist da noch jemand am anderen Ende von Youtube?

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