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StartseiteCorso"Für mich ist das satirischer Größenwahn"11.04.2016

Kabarettist Lars Reichow"Für mich ist das satirischer Größenwahn"

Jan Böhmermann hält die Medien mit seinem Schmähgedicht in Betrieb. Er selbst ist erstmal abgetaucht, dafür melden sich andere zu Wort. Die Türkei fordert Bestrafung. Beim Auswärtigen Amt ging eine sogenannte Verbalnote ein, zu der die Bundesregierung nun Stellung nehmen muss. Der Kabarettist Lars Reichow erläutert seine Einschätzung zum Fall Böhmermann im Corso-Interview.

Lars Reichow im Gespräch mit Marietta Schwarz

Der Musikkabarettist Lars Reichow (Imago/Sven Simon)
"Böhmermann ist ja ein faszinierender Typ": Der Musikkabarettist Lars Reichow (Imago/Sven Simon)
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Schwarz: Guten Tag erstmal, Herr Reichow!

Reichow: Hallo, Frau Schwarz!

Schwarz: Haben Sie sich das einmal angehört, was Didi über Erdogan da heute rausgehauen hat?

Reichow: Ja, ich habe es mir das angehört. Ich würde gerne zur Tagesordnung übergehen, also ich fand das etwas... ja, es ist auch eine Möglichkeit, sich da Luft zu verschaffen.

Schwarz: Es klingt nicht begeistert!

Reichow: Nein, ich bin immer noch sehr mitgenommen von der Anne-Will-Show gestern Abend, weil ich da gesehen habe, wie das momentan verbraten wird, dieses Thema. Da saß eine Anne Will, die gerade noch ja in der letzten Böhmermann-Sendung Gast war bei ihm und redet da mit den typischen zwei Politikern, die sich zuwerfen: "Sie haben aber damals, wir haben aber damals und Sie haben nicht damals", und dann schwurbelt noch ein Medienwissenschaftler. Aber dann wurde es richtig grotesk, als Serdar Somuncu sich da also wirklich als Chefdiplomat eingenesselt hat, und das hat mich wahnsinnig gestört, wie da die Mediengeilheit aus den Gesichtern herauskommt. Wir reizen hier die Grenzen der Satire aus, als ob wir kurz vorm Ermächtigungsgesetz stehen. Also, ich kann es überhaupt nicht fassen.

Schwarz: Sie können nicht fassen, dass so viel über dieses Schmähgedicht von Herrn Böhmermann überhaupt geredet und diskutiert wird?

Reichow: Ja, man kann darüber reden, wenn man sonst nichts zu tun hat.

"Da hat jemand die Grenzen der Meinungsfreiheit sprengen wollen"

Schwarz: Wir machen das jetzt auch.

Reichow: Ja, genau, das Thema ist dann in aller Munde und es schreibt, das Feuilleton explodiert, aber es hat mich wirklich plötzlich wahnsinnig aufgeregt, um was es eigentlich geht da. Es geht um ein Gedicht. Da hat jemand die Grenzen der Meinungsfreiheit sprengen wollen, und ich frage mich in solchen Zusammenhängen immer: "Wir machen doch schon, was wir wollen." Also da sitzen Leute zusammen in Talkshows und überall wird darüber diskutiert, dass wir uns auf keinen Fall unsere Meinungsfreiheit nehmen lassen sollen. Aber wir machen, was wir wollen. Wir haben alle Kanäle, um unsere Meinung raus zu pusten im Netz schwirren die Verrückten rum, die Zeitungen berichten absolut unabhängig. In Klammern: Ein Witz, dass der Chefvorstand von der Springer-Presse, Döpfner, sich auch noch ins Gefängnis begeben möchte mit Böhmermann. Also ich finde das wahnsinnig albern und es macht mich verrückt im Moment.

Schwarz: Aber Herr Reichow, es ist auch wahnsinnig naheliegend, dass das passiert. Und das war ja vielleicht von Herrn Böhmermann auch kalkuliert. Man haut so ein Schmähgedicht raus und dann reagiert halt jemand. Und wenn es Herr Erdogan ist, dann kann man in diesen Zeiten auch nachvollziehen oder sich vorstellen, dass Erdogan so reagiert, wie es reagiert hat auf dieses Gedicht. Also wo liegt jetzt Ihre Kritik, dass Herr Böhmermann dieses Gedicht überhaupt an die Öffentlichkeit gebracht hat oder dass wir uns alle echauffieren darüber?

Reichow: Meine Kritik liegt darin, dass ich nicht ganz verstehe, warum so etwas nötig ist. Wir sind in einer viel ernsteren Situation, als jetzt hier in Deutschland auszuprobieren, wo die Grenzen der Satire sind. Wir werden auch aus dem ZDFneo-Bereich die Türkei nicht demokratisieren. Es geht doch, am Ende geht es um eine hochbrisante Situation mit diesem Türkei-Deal und da muss ich doch gar nicht jetzt Politiker, Berufspolitiker sein, um festzustellen, dass man in so einer Situation nicht im eigenen Land auch noch tausend Kabarettisten gegen sich haben will, die darauf einprügeln auf die Bundesregierung, die doch selbst offensichtlich in der Klemme ist, weil sie natürlich etwas hinnehmen muss, die Kanzlerin, was sie sich nicht gewünscht hat. Sie muss mit diesem Mann reden, sie muss mit ihm verhandeln und seiner Regierung. Anders geht es doch gar nicht. Ich verstehe nicht, warum man sich darüber lustig machen kann jetzt monatelang oder wochenlang, bis dieser Deal zusammengebrochen ist. Was ist denn wichtiger? Das wir die Grenzen der Satire sprengen und uns kaputtlachen hier? Oder dass die Flüchtlinge eine Möglichkeit haben, zu überleben? Das ist meine Frage.

"Der Türkei klar machen, dass wir anders leben"

Schwarz: Die Satire wird natürlich diesen Deal nicht zum Sprengen bringen. Das wäre dann vielleicht doch zu hoch angesetzt. Aber Herr Reichow, wäre es nicht ebenso bedenklich, wenn sich keiner mehr kritisch in der Öffentlichkeit, zum Beispiel zu einem Herrn Erdogan, äußern würde? Und ich meine gerade in Ihrem Milieu, in der Satire- und in der Kabarettszene, bedient man doch auch ein Publikum mit mehr oder weniger schlichten Pointen.

Reichow: Das würde ich... da würde ich mein Publikum in Schutz nehmen. Ich habe ein Programm, mein aktuelles Programm heißt "Freiheit", und da geht es um solche Dinge auch. Da geht es um Diktatoren, da geht es auch um Syrien, da geht es um Flüchtlinge, aber ich bin... ich habe, sagen wir mal, nicht das Interesse, da das Niveau zu senken, damit die Allerdoofsten es kapieren. In Klammern: So ein Schmähgedicht kommt darin nicht vor, weil ich mir davon nichts verspreche. Ich halte nach es nach wie vor für richtig, wenn man sich Gedanken macht in einem Kabarettprogramm, vorher, wenn es geht, und dass man dann eine intelligente Form findet, einen künstlerischen Weg findet, um etwas zum Ausdruck zu bringen. Und man hat ja im Kabarett ein intelligentes Publikum vor sich sitzen. Das sind ja keine Deppen, denen man wirklich das Messer da irgendwo reinrammen muss. Sondern das sind Leute, die können verstehen, wie man mit feiner Ironie auch die Dinge skizziert und genau dasselbe sagt, was am Ende des Tages dann für Böhmermann dieser Ausweg war, in seinem Gedicht.

Schwarz: Ja, warum überhaupt äußern, könnte man ja auch mal ganz ketzerisch fragen?

Reichow: Warum was äußern?

Schwarz: Warum sich überhaupt äußern zu dem Fall?

Reichow: Naja, man kann es auch... also ich finde es ist sehr, sehr wichtig, dass man der Türkei und insbesondere der Regierung klar macht, dass wir anders leben, dass wir es nicht nötig haben, die Presse und die Verfassungsrichter so zu behandeln. Wir schließen keine Zeitung, wir haben eine andere Kultur hier. Und das muss man deutlich machen, aber das kann man doch auch. Also wo ist bitte das Problem, dass man jetzt, dass Erdogan... jetzt stellen Sie sich mal vor, der Böhmermann muss ja schon Angst haben, die türkische Mafia, die hier unterwegs ist, die unterscheiden doch nicht zwischen einer juristischen Klammer, die er vor das Gedicht setzt. Die hören dieses Gedicht und sagen sich: "So, dieser Typ kriegt jetzt mal eins auf die Schnauze." Das ist doch nicht der Sinn der Sache. 

Schwarz: Ja, aber genau aus diesem Grund sich nicht zu äußern wäre ja ein Einknicken. Darum geht es ja.

Reichow: Nein, ich finde, man sollte sich auf eine Weise äußern, sodass es auch richtig dem Anspruch, den man an sich selber hat, genügt. Und Böhmermann hat ja auch andere Möglichkeiten. Das ist ja ein faszinierender Typ. Das ist ja nicht nur sein Gedicht, das von ihm bleiben soll. Sondern er hat ja auch wahnsinnige, digitale Experimente da in seiner Sendung laufen, die ich ganz toll finde, aber ich verstehe überhaupt nicht diesen Einschnitt, den er da gemacht hat. Für mich ist das Weltpolitik, satirischer Größenwahn ist das.

Schwarz: Der Kabarettist Lars Reichow zum Fall Böhmermann, Herr Reichow, schönes Schlusswort, danke Ihnen für das Gespräch.

Reichow:  Dankeschön, tschüss.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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