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StartseiteInterview"Der Krieg ist noch lange nicht zu Ende"19.02.2018

Kämpfe in Syrien"Der Krieg ist noch lange nicht zu Ende"

Die Einladung der kurdischen Milizen an das syrische Regime zur Zusammenarbeit in der Provinz Afrin komme nicht überraschend, sagte "Zenith"-Chefredakteur Daniel Gerlach im Dlf. Beide Seiten hätten auch früher schon kooperiert. Und das syrische Engagement könnte der Türkei durchaus zupasskommen.

Daniel Gerlach im Gespräch mit Martin Zagatta

Daniel Gerlach, Chefredakteur der Zeitschrift "Zenith" (Zenith)
Daniel Gerlach, Chefredakteur der Zeitschrift "Zenith" (Zenith)
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Martin Zagatta: Schauen wir jetzt nach Syrien, wo die Kämpfe immer unübersichtlicher werden. Hatte es vor einigen Monaten noch den Anschein, dass das Regime von Präsident Assad mit Hilfe der Russen schon militärisch die Oberhand gewonnen hätte, dann sieht es mittlerweile wieder ganz anders aus. Türkische Truppen, die in das Grenzgebiet in Syrien einmarschiert sind und die dort gegen die Kurden kämpfen, die sorgen dort für ganz neue Fronten. Jetzt heißt es sogar in den jüngsten Meldungen, dass ausgerechnet die Armee von Präsident Assad den Kurden zur Hilfe komme.

In unserem Studio in Berlin kann ich jetzt Daniel Gerlach begrüßen. Er ist der Chefredakteur von "Zenith", der Zeitschrift für den Orient. Guten Tag, Herr Gerlach.

Daniel Gerlach: Hallo, Herr Zagatta.

Zagatta: Herr Gerlach, wie passt das jetzt noch zusammen? Die Kurden streben nach Unabhängigkeit, was Präsident Assad ja eigentlich unbedingt verhindern will, und die tun sich jetzt zusammen im Kampf gegen die Türken?

"Das Assad-Regime will Legimität erlangen"

Gerlach: Ich weiß nicht, ob sie sich zusammentun. Was steht hier auf dem Spiel? – Für das Assad-Regime ist es wichtig, Legitimität zu erlangen, und das kann man natürlich. Wir dürfen nicht vergessen: Das Assad-Regime hat seinen Anspruch auf das gesamte syrische Staatsgebiet nie aufgegeben, möchte sich als Staat, als Staatsgewalt in einem Staatsterritorium hier präsentieren, und profitiert natürlich von diesen Entwicklungen enorm. Aus kurdischer Perspektive, insbesondere was die Kurden in Afrin anbelangt, also diejenigen, die der kurdischen Arbeiterpartei PKK dort nahestehen, ist klar, dass sie sich in irgendeiner Form zur Wehr setzen wollen gegen den türkischen Einmarsch. Das haben sie bisher relativ erfolgreich getan. Aber irgendwie kommt aus dieser Situation niemand unbeschadet heraus. Und insofern möchte ich mal die gewagte These aufstellen, dass diese Einladung der Regierungstruppen nach Afrin sogar den Türken, gegen die sie eigentlich gerichtet ist, zu Pass kommen könnte, denn auch so können die Türken eventuell einigermaßen gesichtswahrend aus dieser Situation herauskommen.

Zagatta: Das heißt aber, wenn ich Sie recht verstehe, aus der Sicht von Assad sind die Türken noch der gefährlichere Feind als die Kurden, die ja für Unabhängigkeit und auch irgendwie für Loslösung von Syrien kämpfen, oder zumindest für eine große, große Autonomie, die er bisher zumindest nicht gewollt hat.

Gerlach: Vielleicht fangen wir mal so an. Diese Gegend um Afrin, da war die PKK immer relativ stark und das wurde aus türkischer Perspektive auch immer sehr argwöhnisch beäugt. Es war auch immer, auch vor dem Krieg schon eine Region, in der man eine Zusammenarbeit zwischen der PKK oder jetzt dann ihrem syrischen Ableger und den Kräften, zumindest den Geheimdiensten des syrischen Regimes beobachten konnte. Nun ist die Situation so: Die Kurden beziehungsweise die Milizen, die die Korrespondentin ja gerade angesprochen hat, wollen sich nicht aus Afrin zurückziehen. Sie sind aber einigermaßen isoliert. Sie haben sich verschanzt dort und aus türkischer Perspektive möchte man, wenn man sie schon nicht von dort vertreiben kann, denn man sieht ja, wie die türkische Offensive ins Stocken gerät, zumindest einen Gürtel entlang der Grenze, eine Einflusszone entlang der Grenze errichten, wo man dann davon ausgehen kann, dass die kurdischen Milizen dort nicht tätig werden und von dort auch keine Angriffe auf die Türkei vorbereiten können. Denn mit diesem Argument ist man ja überhaupt erst in diesen Feldzug reingegangen.

"Ein politischer Erfolg für die Türkei"

Wenn man sich nun mit dem Assad-Regime arrangiert und sagt, dann soll das Regime die Kontrolle über Afrin übernehmen, dann bedeutet das zumindest einen politischen Erfolg für die Türkei, denn auch wenn man vor einigen Jahren noch sehr, sehr energisch am Sturz des Assad-Regimes gearbeitet hat und Präsident Erdogan, damals Ministerpräsident Erdogan das als auch eine sehr persönliche Sache gesehen hat, Assad zu Fall zu bringen, hat man sich mittlerweile längst mit dem Verbleib des Assad-Regimes arrangiert und möchte diese kurdische Unabhängigkeits- oder Autonomiebewegung eindämmen, der man eigentlich in Syrien keine Chancen zurechnet. Und aus Perspektive des Zentralregimes in Damaskus ist das genauso. Man geht nicht davon aus, dass es dort so eine Art kurdische Unabhängigkeit in Syrien geben wird, und mit diesem Gegner ist man auch vorher schon so verfahren und hat diese Bestrebungen auch vorher schon erfolgreich unterbunden.

Zagatta: So wie Sie uns das jetzt schildern, wäre das dann auch der Ausweg in der Konfrontation, die sich da abgezeichnet hat zwischen der Türkei und den USA? Die USA - das haben wir in dem Beitrag vorhin gehört -, die unterstützen ja die Kurden im Kampf gegen Erdogan. Das heißt, da bekämpfen sich zwei NATO-Partner.

"Die USA haben sich eigentlich nicht besonders ins Zeug gelegt"

Gerlach: Das tun sie, wenn ich da einhaken darf, in Wirklichkeit ja nicht. Man hat die kurdischen Milizen benutzt und unterstützt, und das war auch ein Deal, der von Anfang an klar war, um dschihadistische Gruppen, insbesondere den sogenannten Islamischen Staat zu bekämpfen. Allerdings in dem Moment, wo eine direkte Konfrontation zwischen diesen Gruppen und der Türkei anstand oder drohte, haben die USA eigentlich nicht besonders sich ins Zeug gelegt, um die Kurden zu unterstützen, außer dass sie ihnen natürlich Waffen geliefert haben, mit denen sie sich selbst gegen die türkischen Streitkräfte wehren können. Aber die Unterstützung der Amerikaner hat hier ganz klare Grenzen auch in den letzten Jahren gehabt, und aus amerikanischer Perspektive war auch immer klar, dass sich die Kurden in bestimmten Gebieten mit dem syrischen Regime durchaus arrangieren. Ich möchte darauf hinweisen, dass zum Beispiel der Flughafen in Kameshli - eine wichtige strategische Stadt für die kurdischen Gruppen, die seit langer Zeit unter deren Kontrolle ist - weiterhin vom syrischen Regime betrieben wird. Dieses Stillschweigeabkommen mit dem syrischen Regime, das hat man eigentlich bisher sehr erfolgreich praktiziert, und da haben die Amerikaner auch nicht dazwischengefunkt.

Zagatta: Das klingt dann eher beruhigend. Wir haben jetzt gerade auch wieder bei der Sicherheitskonferenz die Bedenken gehört, wie dramatisch das alles sei. Da können Sie uns beruhigen?

Gerlach: Beruhigen kann ich Sie im Zusammenhang von Syrien eigentlich überhaupt nicht, denn wenn hier der Eindruck entsteht, dass dieser Konflikt auf einen Showdown zuläuft beziehungsweise sich sogar dem Ende nähert - das wird ja im Rahmen des Familiennachzugs von Asylbewerbern und so weiter aus Syrien immer noch diskutiert von Flüchtlingen -, dieser Krieg ist noch lange nicht zu Ende.

"Schlacht um östliches Umland von Damaskus"

Zagatta: Das wäre schon meine nächste Frage gewesen, weil wir hatten ja vor Wochen oder Monaten gedacht, Assad gewinnt die Oberhand, jetzt geht das langsam zu Ende. Das zeichnet sich jetzt aber überhaupt nicht ab. Wir haben in den letzten Berichten gehört, hat mich dann wieder überrascht, das seien die schlimmsten Kämpfe, die es in Syrien wieder gibt, seit Beginn des Krieges. Die Lage ist immer noch dramatisch?

Gerlach: Die Vorstellung, dass das Regime die Oberhand gewinnt und dass das die schlimmsten Kämpfe sind, das ist ja nicht unbedingt im Widerspruch zueinander. Die schlimmsten Kämpfe, das bedeutet ja immer nur, dass das Maß an Gewalteinsatz und an Opfern, insbesondere zivilen Opfern extrem groß ist. Das Regime bereitet sich gerade – zumindest tut es das in der Propaganda; das ist fast ein bisschen auffällig, wie deutlich es das tut – auf die große Schlacht um das östliche Umland von Damaskus vor, was Ihre Korrespondentin auch angesprochen hat, da wurden heute wieder viele Propagandameldungen gebracht, dass Milizen dort hintransportiert wurden. Da wurden die Generäle vorgestellt, die diese Offensive führen. Dort hat man das relativ erfolgreich ausgehungert beziehungsweise belagert und möchte jetzt zuschlagen.

Jetzt kann es aber auch sein, dass diese große Operation ein kleines Ablenkungsmanöver ist von dem, was dort in Afrin und in der Provinz Idlib, das heißt im Norden passiert, denn dort muss das syrische Regime ebenfalls gewaltige Ressourcen aufbringen. Andere Stimmen sagen, man möchte das gerne einfrieren, diesen Konflikt dort oben, insbesondere die Russen, aber das Regime scheint diese Gelegenheit nutzen zu wollen, um dort militärisch Boden gutzumachen und sich Legitimität zu verschaffen bei der Bevölkerung und genau diesen Eindruck zu erwecken, der sich ja anscheinend auch bei uns verfestigt, bald ist wieder alles unter Kontrolle und dann wird niemand mehr daran zweifeln, dass das Assad-Regime der rechtmäßige Vertreter des syrischen Staates ist.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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