Donnerstag, 07. Juli 2022

Amanda Gorman: "Was wir mit uns tragen"
Kämpferische Poesie

Antirassistischer Aktivismus und kritischer Patriotismus verbinden sich in den neuen Gedichten der Poetin Amanda Gorman – eine dokumentarische wie geschichtsbewusste Dichtung in Zeiten der Pandemie

Von Michael Braun | 21.06.2022

Amanda Gorman: "Was wir mit uns tragen"
"Seht, wie wir bluten in der Nacht": Amanda Gormans neue Gedichte können im Band "Was wir mit uns tragen" jetzt auf Englisch und Deutsch gelesen werden. (Portraitfoto: Danny Williams / Buchcover: Hoffmann & Campe Verlag)
Die erste Frau der Welt, so berichtet es ein antiker Mythos, war nicht die biblische Eva, sondern die aus Lehm geschaffene Pandora. Mit der Geschichte der Pandora ist indes ein großes Unheil verbunden. Denn Pandora öffnet trotz eines strikten Verbots eine geheimnisvolle Büchse, aus der dann zahlreiche Übel und Plagen aufsteigen, ein Sündenfall, der die Menschheitsgeschichte auf die abschüssige Bahn bringt.

Poetische Weltsensation bei Amtseinführung Bidens

Die derzeit bekannteste Dichterin der Welt, die gerade erst 24jährige Amanda Gorman, deren Vortrag des Gedichts „The Hill We Climb“ zur Amtseinführung des amerikanischen Präsidenten Joe Biden eine poetische Weltsensation darstellte, hat nun eine kühne Neudeutung des Pandora-Mythos vorgelegt.
In ihrem neuen Gedichtbuch „Was wir mit uns tragen“ rückt Gorman die Pandora-Geschichte in einen hochpolitischen Kontext. Die „Pandora“ erscheint in lautpoetischer Nachbarschaft nicht nur mit dem antiken Gott „Pan“, sondern auch mit der weltweit grassierenden „Pandemie“. Und die legendäre „Büchse der Pandora“ wird von der jungen Dichterin interpretiert als „ein offen gelassener Krug“, ein „Vorratsbehälter für Getreide, Öl, Weizen & selbst für die Toten“. Amanda Gorman verwandelt hier in ihrem visuellen Poem „Pan“ die Unheilsgeschichte der Pandora in eine Hoffnungs-Parabel:
„….Dieses Gefäß nahm alle Plagen auf, allen
Schmerz & alle Hoffnungen. Verfallt nicht in Panik. Werdet
  Gefährt*innen stattdessen. Was sind wir, wenn nicht die
    Neugier, die Särge zu öffnen, die wir tragen, wer
        sind wir, wenn nicht all die Dinge,
            die wir loslassen.“
Der Appell, wie er hier von einem lyrischen Kollektivsubjekt formuliert wird, ist die dominante rhetorische Figur in den Gedichten von Amanda Gorman. Hier wendet sich ein aktivistisches lyrisches „Wir“ an die amerikanische Öffentlichkeit, um energisch eine Veränderung der von Rassismus, Diskriminierung und struktureller Gewalt geprägten Verhältnisse einzufordern.

Corona nicht als Ausnahmezustand, sondern im historischen Kontinuum

Den historischen Rahmen bildet die Corona-Pandemie, die in allen sechs großen Zyklen des Bandes am Ausgangspunkt der lyrischen Reflexion steht. Amanda Gorman wählt hier eine konsequent historische Perspektive. Die Krankheit Covid wird nicht als einmaliger Ausnahmezustand betrachtet, sondern im historischen Kontinuum, als eine Art Wiederkehr der weltweit grassierenden Influenza, die einst mit dem irreführenden Terminus der „Spanischen Grippe“ belegt wurde, obwohl das Virus zuerst im März 1918 in den Vereinigten Staaten registriert worden war.
Zu den intensivsten poetischen Exempeln gehören dabei die authentischen Tagebuchaufzeichnungen des schwarzen Korporals Roy Underwood Plummer, der im Ersten Weltkrieg als Bausoldat in Frankreich diente, und dessen Notate von Amanda Gorman zum dokumentarischen Gedicht umfunktioniert werden:
„Es gab diese Verordnung. ‚Das Zusammensein weißer Soldaten mit Schwarzen Frauen oder Schwarzen Soldaten mit weißen Frauen innerhalb der Grenzen dieses Lagers ist strikt verboten.‘ Weiße wollen sich nicht mischen.
Race löste Tausende von Peitschenhieben aus.
Seht, wie wir bluten in der Nacht.“
Es ist primär die imponierende Wucht solcher historischer Dokumente, die uns für Amanda Gormans Buch einnimmt. Nicht so sehr das Appellative und Gebetshafte ihrer Gedichte, die mitunter nur kraftvolle Zeugnisse einer engagierten Gesinnungsästhetik sind. Tatsächlich beeindruckt jedoch die Formenvielfalt, mit der die Dichterin ihre Themen in Angriff nimmt. Da finden sich weltanschaulich explizite Gedichte neben visuellen Poemen, dokumentarische Gedichte korrespondieren mit sogenannten „Erasure“-Gedichten und raffinierten Collagen.

Kampf gegen alte weiße Machtrituale - mit den Mitteln der Lyrik

Die beiden Übersetzerinnen von Amanda Gorman, die Literaturwissenschaftlerin Marion Kraft und die Dichterin und Verlegerin Daniela Seel, haben alle Möglichkeiten ausgeschöpft, um dem rhetorischen  Arsenal der Dichterin die Poetizität zu bewahren.
„Sprache ist ein Rettungsboot“: Mit dieser Formel definiert am Ende des Buches Amanda Gorman ihren Lyrikbegriff, der sich wesentlich auf nautische Metaphern stützt, auf das Motiv der Fahrt ins Offene auf dem „Schiff des Seins“.
Zu den suggestivsten Gedichten des Bandes gehört das Poem „___[Gated] / ___[Regiert]“, in dem alte weiße Machtrituale verhandelt werden. So zelebrierten konservative Weiße während der Pandemie ihre Hegemonialanspruch durch Maskenverweigerung. Dazu Amanda Gorman:
„Letztendlich bedeutet Suprematismus, alles dafür zu tun,
den eigenen Dünkel aufrechtzuerhalten,
selbst wenn man dabei die Seele verliert.
Es meint, den Mundschutz, der dich schonen könnte, nicht
zu tragen, weil das hieße, deine Privilegien abzulegen.
Es meint, immer, sich zu entscheiden für vergifteten
       Stolz, statt
       Schutz,
            
            Stolz statt
            Nation…“
So schreibt eine Schwarze Patriotin, die nicht aufhören wird, den amerikanischen Teufelskreis von Rassismus und Diskriminierung poetisch anzuprangern.
Amanda Gorman: „Was wir mit uns tragen – Call Us What We Carry“
Zweisprachige Ausgabe
Aus dem amerikanischen Englisch von Marion Kraft und Daniela Seel
Hoffmann & Campe, Hamburg, 28 Euro.