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StartseiteStreitkulturÜberfordert uns der Winter?02.02.2019

Kai Zorn vs. Konrad KienleÜberfordert uns der Winter?

Sind wir zu empfindlich für einen richtigen Winter? Ja, sagt der Wetterexperte Kai Zorn. Die Demut gegenüber der Natur hätte nachgelassen. Konrad Kienle, Bürgermeister von Balderschwang im Allgäu, hält dagegen: "Die meisten Menschen gehen bewundernswert mit dem Wetter um. Sogar, wenn es verrückt spielt."

Moderation: Michael Watzke

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 Einsatzkräfte der Bundeswehr stehen auf einem Dach im bayerischen Buchenhöhe das Dach und schippen die Schneemassen weg. (picture alliance/Matthias Balk/dpa)
Wie stehen wir Deutschen zu einem richtigen Winter? "Wir sind verweichlicht und Weicheier geworden", meint jedenfalls der Wetterexperte Kai Zorn. (picture alliance/Matthias Balk/dpa)
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Über nichts reden wir Deutschen so gern und so oft wie über das Wetter. Erst recht, wenn der Winter mal so richtig zuschlägt wie in diesem Jahr. Dann ist das Wetter auch ein beliebter Grund zum Meckern, Beschweren und Aufregen.

Ist unsere moderne Gesellschaft mit ihrem minutiös durchgeplanten Alltag zu empfindlich geworden für einen richtigen Winter?

"Ja, wir sind verweichlicht und Weicheier geworden", sagt der Wetter-Experte Kai Zorn. "Wir wurden durch den kleinen Klimasprung in den vergangenen 30 Jahren mehr als verwöhnt mit schönen und warmen Sommern, deutlich mehr Sonne und Wärme als noch vor Jahrzehnten und Jahrhunderten. Unsere Gesellschaft ist zu stark freizeit- und wellnessorientiert, Dankbarkeit und Demut – auch gegenüber unserer Natur – haben Federn gelassen.

Wir bauen in Gegenden, in denen sich unsere Vorfahren niemals getraut hätten sich anzusiedeln, begradigen Flüsse, schaffen Monokulturen, und "bereinigen" die Flure. Wenn dann das Wetter mal etwas aus dem Rahmen schlägt, wird gejammert. Schlägt das Wetter mal richtig aus dem Durchschnittsrahmen und weist den Menschen in die Schranken, wird von einer Katastrophe und vom Klimawandel gesprochen.

Das Klima wandelt und wandelte sich schon immer und es wird es auch immer tun. Gemessen an dem, was unsere Atmosphäre alles kann, leben wir immer noch in einem Schlaraffenland. Alles, was sich innerhalb des Rahmens zwischen extremer Hitze und Dürre mit versiegenden Flüssen und großer Kälte mit zugefrorenen Gewässern über viele Monate stattfindet oder was zwischen jahrelanger Schneelosigkeit bis in die Hochlagen bis hin zu Brücken wegreißenden Fluten bewegt, ist bei uns "normal". Es passt nur nicht in die verweichlichte Freizeit-Gesellschaft, in der das Wetter "schön" und angepasst zu sein hat!"

Konrad Kienle, Bürgermeister von Balderschwang im Allgäu, sagt dagegen: "Nein. Er fordert uns. Aber er überfordert uns nicht. Mein Eindruck ist: die meisten Menschen mögen den Winter. Sie freuen sich auf den Schnee. Und sie können auch damit umgehen, wenn mal mehr Schnee fällt als sonst. Oder wenn es sehr kalt wird. Ich lebe in Balderschwang im Allgäu, wir nennen uns gern das "bayerische Sibirien", weil es hier oben wirklich sibirisch kalt werden kann.

Derzeit liegt der Schnee meterhoch. Es ist ein harter Winter heuer, er verlangt uns und unseren Gästen einiges ab. Wir sind ein Touristen-Ort, wir haben jedes Jahr tausende Wintergäste aus ganz Deutschland, und die gehen bewundernswert mit dem Wetter um – sogar, wenn es verrückt spielt. Sie sind fast immer geduldig, sogar wenn wegen des Schnees die Straßen gesperrt sind oder die Lifte nicht fahren. Oder wenn gar eine Lawine herunterdonnert. Mir sagen viele Touristen: "So ist halt das Wetter – es gehorcht uns nicht, und das ist gut so." Und die Menschen sagen auch: Wir kommen nächstes Jahr wieder zu Euch nach Balderschwang. Hoffentlich ist dann wieder so ein schöner Winter."

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