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StartseiteKalenderblattWeibliches Aufbegehren gegen die männliche Dominanz08.08.2014

KaiserreichWeibliches Aufbegehren gegen die männliche Dominanz

Um das Jahr 1900 erschütterte eine Handvoll junger Frauen das Weltbild der wilhelminischen Männlichkeit: Sie hatten im Ausland studiert und wollten nun richtige Akademikerjobs an Universitäten, in Krankenhäusern und Fabriken. Eine von diesen jungen Frauen war Marie Baum. Sie starb vor 50 Jahren, am 8. August 1964.

Von Ulrike Rückert

Lila Luftballons mit dem aufgedruckten Symbol für weiblich schweben am 14.02.2014 über den Köpfen von Demonstrationsteilnehmern in München (Oberbayern). Die Demonstration richtete sich gegen Gewalt an Frauen und warb für mehr Gerechtigkeit im Umgang mit Frauen.  (picture alliance / dpa / Rene Ruprecht)
Schon im Kaiserreich setzte sich Marie Baum für die Frauenrechte ein. (picture alliance / dpa / Rene Ruprecht)
Weiterführende Information

Frauenrechte gestärkt (Deutschlandradio, Aktuell-Archiv, 16.03.2013)
Vorkämpferin für die Frauenrechte (Deutschlandradio Kultur, Aus der jüdischen Welt, 13.07.2012)

"Obrigkeit ist männlich! Das ist ein Satz, der sich eigentlich von selbst versteht."

Wir befinden uns am Ende des 19. Jahrhunderts. Und das ganze wilhelminische Kaiserreich teilt die Überzeugung des preußischen Professors von Treitschke: Die entscheidende Qualifikation für Repräsentanten der Staatsgewalt ist der Testosteronspiegel. Doch nein! In einem kleinen, süddeutschen Land bereitet sich der Umsturz vor:

"Der Begründer der Fabrikinspektion war in Baden Dr. Friedrich Woerishoffer, ein ausgezeichneter Mann, der erklärte, dass er eine weibliche Gewerbeinspektorin als Ergänzung der männlichen Gewerbeinspektoren haben wollte."

Der Chef der großherzoglich-badischen Gewerbeaufsicht stellte die promovierte Chemikerin Marie Baum ein. Sie sollte kontrollieren, ob die Betriebe die gesetzliche Begrenzung der Arbeitszeit einhielten.

"Ich war zuständig für alle Fabriken und Werkstätten, in denen Frauen und Kinder tätig waren. Und hatte außerdem während der ersten Jahre die gesamte Zigarrenindustrie in meinem Arbeitsbereich."

Marie Baum, 1874 in Danzig geboren, war eine Großnichte von Felix und Fanny Mendelssohn Bartholdy, Enkelin von Professoren und Tochter eines Chefarztes. Vor allem aber war ihre Mutter Flora eine Frauenrechtlerin, der eine solide Ausbildung für ihre Töchter genauso wichtig war wie für ihre Söhne. Marie Baum studierte in Zürich Naturwissenschaften, als das in Deutschland noch unmöglich war. Danach suchte sie eine Stelle in der Industrie.

"Die Direktoren sahen sich die ungewohnte Bewerberin nicht ohne Interesse an, fanden aber übereinstimmend, dass ganz allgemein die Frau für die raue Luft des Fabrikbetriebes zu schade sei. Ich fragte mich, warum sie wohl die gleichen Betrachtungen nicht auch für ihre Arbeiterinnen anstellten. Und ob die Akademikerin nicht vielleicht für das Verhungern zu schade sei."

Marie Baum kapitulierte als Fabrikinspektorin

Als staatliche Fabrikinspektorin war Marie Baum die einzige Beamtin im höheren Dienst im gesamten Deutschen Reich. Doch sie musste sich von den männlichen Kollegen kontrollieren lassen. Und schließlich kapitulierte sie. Der Soziologie Max Weber machte mit einem Zeitungsartikel einen öffentlichen Skandal daraus:

"Außerhalb wie auch innerhalb der Fabrikinspektion erhob sich die bedrohte männliche 'Geschlechtseitelkeit' bei dem fürchterlichen Gedanken, dass eine Frau den Staat 'nach außen repräsentieren', womöglich gar 'Verfügungen' erlassen solle, die dann von Männern, zähneknirschend natürlich ob dieser Pantoffelwirtschaft, auszuführen wären."

Marie Baum stellte ihre Weichen neu: Die Arbeiter lebten in elenden Verhältnissen, aber eine staatliche Fürsorge gab es kaum, während sich viele bürgerliche Frauen ehrenamtlich in Wohltätigkeitsvereinen engagierten. Sie wurde eine Vorkämpferin für eine moderne, professionelle Sozialarbeit, die gleichzeitig ein neues Berufsfeld für Frauen sein sollte, in dem sie nicht auf eine etablierte männliche Abwehrphalanx prallten.

Engagement in der Familienfürsorge

Bis zum Ersten Weltkrieg war Marie Baum Geschäftsführerin eines halbstaatlichen Vereins im Rheinland, der die hohe Säuglingssterblichkeit bekämpfte. Dort entwickelte sie ein Modell der Familienfürsorge, beschäftigte Sozialarbeiterinnen, die an neuen, von Frauenvereinen gegründeten Fachschulen ausgebildet waren. Und förderte die Forschungen junger Sozialwissenschaftlerinnen. Dabei hing sie, die Linksliberale, einem konservativ-bürgerlichen Familienideal an - und wirklichen Zugang zu ihrer Klientel fand sie nicht:

"Der Eindruck, den man damals von der Arbeiterschaft als Ganzem hatte, war, dass es doch eine dumpfe Menge war, eine dumpfe Masse war."

Später leitete sie eine Schule für Sozialarbeit in Hamburg, war in der Weimarer Republik eine der ersten weiblichen Reichstagsabgeordneten, stieg – wieder im Staatsdienst – zur Oberregierungsrätin auf und lehrte am Institut für Sozial- und Staatswissenschaften der Heidelberger Universität. Diese Stelle verlor sie unter den Nationalsozialisten, ihrer jüdischen Vorfahren wegen. Mit einem Heidelberger Pfarrer half sie Juden bei der Emigration. In der Nachkriegszeit war sie, schon über 70, noch einige Jahre Dozentin an der Universität. Am 8. August 1964 starb Marie Baum in Heidelberg, eine Pionierin auf vielen Gebieten.

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