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StartseiteDie neue PlatteWer die Nachtigall hört07.03.2021

Kammermusik von Johannes BrahmsWer die Nachtigall hört

Im höheren Alter geriet Johannes Brahms noch einmal ins Schwärmen. Antoine Tamestit an der Stradivari-Bratsche, Cédric Tiberghien an einem historischen Bechstein-Flügel und der Bariton Matthias Goerne lauschen seinen zarten Seelenregungen. Eine besonders sensible CD-Einspielung haben die Drei auf die Beine gestellt.

Am Mikrofon: Thilo Braun

Zwei Männergesichter, mit angedeutetem Lächeln, vor einer schwarzen Wand. (JulienMignot)
Die beiden Musiker Cédric Tiberghien und Antoine Tamestit hören bei Brahms sehr genau hin. (JulienMignot)
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Noch einen knappen Monat dauert es, dann blühen endlich wieder Tulpen und Obstbäume, frisches Blätterwerk schmückt die Äste – und der Frühling regiert mit ganzer Kraft. Am Waldesrand kann man dann, wenn man Glück hat, dieses wunderschöne Zwitschern hören: den Gesang einer Nachtigall. Die Menschen der Romantik erkannten in diesem Vögelchen das Sinnbild aller Sehnsüchte. Und wir können sie verstehen – nach einem kalten Corona-Winter vielleicht besser denn je.

Verlangen nach Licht, Wärme und Frieden

Denn dieser Gesang löst ein unendliches Verlangen aus nach Licht, Wärme und Frieden. Nachtigall – so heißt auch ein Klavierlied von Johannes Brahms. Sie werden es gleich hören, allerdings in einer Bearbeitung für Viola und Klavier des Bratschisten Antoine Tamestit. Er hat zusammen mit dem Pianisten Cedric Tiberghien eine neue CD mit Brahms-Werken aufgenommen – und diese CD steht im Mittelpunkt der heutigen Sendung mit Thilo Braun am Mikrofon.

Musik: Brahms (Arr. Antoine Tamestit), Nachtigall op. 97

In hohen Klaviertönen hört man das Schlagen der Nachtigall – während die Viola davon singt, was für eine "süße Pein" dieser Klang im Menschen entfacht. Gespielt haben Antoine Tamestit an der Viola und Cédric Tiberghien am Klavier.
Hauptwerke auf ihrem neuen Album mit Werken von Johannes Brahms sind dessen späte Sonaten für Viola und Klavier op.120. Brahms hat diese Sonaten ursprünglich für Klarinette und Klavier konzipiert. Deshalb möchte ich an dieser Stelle zunächst eine Version in der Original-Besetzung anspielen. In einer Interpretation von Andreas Staier am Hammerflügel und Lorenzo Coppola an der Klarinette.

Musik: Brahms, Sonata für Klarinette (Viola) und Klavier Nr. 1 in f-Moll op. 120/1

Die ersten Takte der Sonate für Klarinette und Klavier in f-Moll, gespielt von Lorenzo Coppola und Andreas Staier. Die beiden Musiker arbeiten die Kontraste des Werks sehr schön heraus: In der Lautstärke etwa, im Wechsel zwischen energischem Spiel und Träumerei. Aber auch die Klangfarben sind vielfältig. Die Klarinette spendet warme, samtige Töne in der Mittellage. In höheren Passagen klingt sie leidender, manchmal fast schrill. Dem gegenüber steht der prägnante, knöcherne Sound eines historischen Steinway-Flügels, auf dem Andreas Staier spielt. Die Farben der Instrumente ergänzen sich perfekt, das macht diese Aufnahme so facettenreich. Und nun zur Fassung für Viola und Klavier: Auch sie stammt von Johannes Brahms, beide Versionen hat er gleichzeitig veröffentlicht. Brahms war allerdings nicht ganz zufrieden damit, da ihm das Klangbild etwas zu dunkel wurde durch die Bratsche. Auch hier zum Vergleich zunächst der Ausschnitt aus einer älteren Aufnahme: Bratschistin Tabea Zimmermann spielt mit Kirill Gerstein am Klavier.

Musik: Brahms, Sonata für Viola (Klarinette) und Klavier Nr. 1 in f-Moll op. 120/1

Tabea Zimmermann und Kirill Gerstein sind fantastische Kammermusiker. Daher gelingt ihnen hier eine wirklich überzeugende Aufnahme. Dennoch lässt sich das "Problem" nicht ganz vertuschen: Gerstein spielt auf einem modernen Konzertflügel von Steinway, ein Instrument mit kräftigem Sound. Einen zu kräftigen Sound für die Bratsche womöglich, denn die kann zwar in der Höhe mithalten, droht aber zu verschwinden, wenn sie in tieferen Lagen spielt. Das liegt nicht an Tabea Zimmermann, sondern an den Proportionen des Instruments selbst – denn die Bratsche ist für ihre Lage eigentlich ein bisschen zu klein und daher nicht so kräftig wie etwa ein Violoncello.

Ungemein zärtliche Klänge

Und jetzt die Überraschung: Auf der neuen Aufnahme von Antoine Tamestit und Cédric Tiberghien ist die Viola durchweg gut zu hören! Trotzdem hat man nicht den Eindruck, dass Tiberghien sich am Flügel besonders zurückhalten muss:

Musik: Brahms, Sonata für Viola (Klarinette) und Klavier Nr. 1 in f-Moll op. 120/1

Nicht nur die hervorragende Arbeit der Toningenieure ist das Geheimnis hinter dieser optimalen Mischung – sondern auch das Instrument, auf dem Cedric Tiberghien spielt: Ein Bechstein-Flügel aus dem Jahr 1899, gebaut fünf Jahre nach Entstehung der Brahms-Sonate. Der Bechstein-Flügel hat ein dumpfes, basslastiges Timbre. In einer Geigensonate wäre er vielleicht schon zu dunkel – in Kombination mit der Viola aber sorgt er dafür, dass diese im Kontrast ungewohnt hell und strahlend klingt. Ihren milden, warmen Klang beeinträchtigt das nicht. Im Gegenteil: Gerade weil sie sich farblich vom Flügel abgrenzt, kann Tamestit ihr so ungemein zärtliche Klänge entlocken.

Musik: Brahms, Sonata für Viola (Klarinette) und Klavier Nr. 1 in f-Moll op. 120/1

Es ist Musik wie aus einer anderen Welt, fern von der Hektik und den Sorgen des Alltags. Tamestit und Tiberghien gestalten diesen zweiten Satz der f-Moll-Sonate abwechslungsreich – und halten sich zugleich dezent zurück – eine Einladung, genau hinzuhören!

Musik: Brahms, Sonata für Viola (Klarinette) und Klavier Nr. 1 in f-Moll op. 120/1

Brahms kündigte seine Sonaten 1894 in einem Brief an den Freund Joseph Joachim als "anspruchslose Stücke" an. Die Bescheidenheit hat einen doppelten Boden – denn Joachim hatte wohl nicht damit gerechnet, dass Brahms überhaupt noch einmal etwas komponieren würde. Der hatte nämlich kurz zuvor verkündet: Er wolle mit seinen 60 Jahren nun das Komponieren sein lassen.

Eine Einladung, genau hinzuhören

Doch dann hörte er einen Freund, Richard Mühlfeld, Klarinette spielen. Und dessen Spiel faszinierte und berührte ihn so stark, dass er doch noch einmal eine Reihe von Kammermusik-Werken mit Klarinette komponierte. Er schrieb jedoch nicht für die große Bühne, sondern für Hauskonzerte im privaten Kreis. Zu dieser Atmosphäre passt die Einspielung von Tamestit und Tiberghien – denn ihre Interpretation verzichtet auf pathetische Gesten. Sie klingt eher wie ein Gespräch unter guten Freunden. Da wird nostalgisch der Jugend nachgeträumt, da wird über Geschichten gelacht – und auf dem alten Dielenboden im Salon noch einmal ein Tanz gewagt.

Musik: Brahms, Sonata für Viola (Klarinette) und Klavier Nr. 2 in Es-Dur op. 120/2

Der zweite Satz der Sonate Nr. 2 in Es-Dur, ein leidenschaftliches Allegro. Man merkt es der leichtfüßigen Interpretation von Tamestit und Tiberghien nicht an, aber das Spätwerk von Brahms ist sehr komplex. Da gibt es falsche Fährten und irrwitzige Motiv-Verwandlungen, rhythmische Schocks und plötzliche Stimmungswechsel. Man muss den Aspekten gar nicht im Detail folgen können, um zu spüren, wie abwechslungsreich und raffiniert diese Musik ist. Jedenfalls wenn sie mit einer so virtuosen Lässigkeit interpretiert wird wie von Antoine Tamestit und Cédric Tiberghien.

Musik: Brahms, Sonata für Viola (Klarinette) und Klavier Nr. 2 in Es-Dur op. 120/2

Das Ende der Sonate Nr. 2 für Viola und Klavier op. 120 von Johannes Brahms. Nach einem Konzert in Leipzig, in dem Brahms selbst am Klavier saß, erschien im "Musikalischen Wochenblatt" eine schöne Würdigung. Der Rezensent schrieb:

"Die Musik, welche uns der Meister […] bescheert hat, verzichtet, wohl absichtlich, auf das Gefallen der grossen Menge; um so herzlicher wird sie aber von allen Denen gewürdigt werden, welche ihre vielen inneren Schönheiten und Herrlichkeiten verstehen; ihnen bietet sie eine Quelle der reinsten Freude"

Vielleicht ist diese "reinste Freude" möglich, weil der alte Brahms niemandem mehr etwas beweisen musste – sondern mit der Musik einfach sich und seinen Freunden schöne Stunden bereiten wollte. Auch das "Geistliche Wiegenlied" op. 91 trägt eine solche persönliche Note: Brahms hat es zur Geburt seines Patenkindes Johannes Joachim komponiert. Das war der Sohn seines Freundes Joseph Joachim, der übrigens nicht nur genial Geige, sondern auch Bratsche gespielt hat. Das Original ist für Altstimme, Viola und Klavier komponiert:

Musik: Brahms, Zwei Gesänge für Singstimme, Viola und Klavier op. 91, 2. Geistliches Wiegenlied

Ein kleiner Ausschnitt aus Jessye Normans Interpretation des "Wiegenlieds" mit Daniel Barenboim am Klavier und dem Bratschisten Wolfram Christ. Auf der CD von Antoine Tamestit und Cedric Tibergien singt an Stelle einer Altistin der Bassbariton Matthias Goerne. Bei ihm klingt es, als würde ein Vater mit klopfendem Herzen sein schlummerndes Kind betrachten und zwischendurch immer wieder aufbrausend die viel zu wilde Welt um Ruhe bitten.

Musik: Brahms, Zwei Gesänge für Singstimme, Viola und Klavier op. 91, 2. Geistliches Wiegenlied

Es ist toll, wie lebhaft es Matthias Goerne gelingt, die Stimmungswechsel in seinem Gesang auszudrücken: das liebevoll Andächtige ebenso wie das impulsiv Aufbrausende. Man meint fast, Brahms hätte dieses Lied für Männerstimme schreiben müssen, so gut ergänzt sich die mollige Dunkelheit in Goernes Stimme mit der eleganten Wärme der Bratsche. Wieder zeigt sich, was für ein gutes Gespür Antoine Tamestit für die Wirkung seines Instruments hat.

Friedliche Nostalgie und melancholische Freude

Diese CD ist nicht nur geeiget, um späte Kammermusik von Brahms zu entdecken, mit ihrer besonderen Mischung aus friedlicher Nostalgie und melancholischer Freude. Sondern auch, um die Bratsche als Soloinstrument von ihrer besten Seite zu erleben.

Brahms: Viola Sonatas, Op. 120 - Zwei Gesänge, Op. 91
Antoine Tamestit, Bratsche
Cédric Tiberghien, Klavier
Matthias Goerne, Bariton
Label: Harmonia Mundi, HMM 902652

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