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StartseiteTag für TagDer Gutgläubige 24.10.2018

Kampagne "Make friends"Der Gutgläubige

Mehr als 20 Religionsführer, darunter der Dalai Lama und der Papst, rufen in einer Videokampagne dazu auf, Freundschaften über Glaubensgrenzen hinweg zu schließen. Die Idee dazu hatte der Amsterdamer Marketingfachmann Mark Woerde. Nun plant er für 2020 ein Treffen der Oberhäupter in Den Haag.

Von Kerstin Schweighöfer

Vor blauem Hintergrund sind Bartholomeos I., Shawki Allam, Papst Franziskus, der Dalai Lama, Jonathan Sacks, Ayatollah Al-Milani und Bhai Sahib Mohinder Singh (von links) zu sehen. Das Bild ist mit "Make friends" überschrieben. Unten ist zu lesen: The world's most prominent religious leaders call on everyone to make friends across religions". (Make Friends/ Elijah Interfaith Institute)
22 prominente religiöse Führer rufen in der Videokampagne "Make friends" zu Kontakten mit Andersgläubigen auf (Make Friends/ Elijah Interfaith Institute)
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Der iranisch-britische Ayatollah Al-Milani ermutigt alle Gläubigen, auch in anderen Religionen nach Freunden zu suchen. Der ägyptische Großmufti Shawki Allam ermahnt sie, sich nicht auf die Unterschiede zwischen den Religionen zu konzentrieren, sondern auf die Gemeinsamkeiten. Und Bhai Sahib Mohinder Singh, einer der einflussreichsten Sikhs der Welt, stellt klar:

"Egal, von welcher Seite aus wir den Berg besteigen – wir sollten uns dabei helfen. Wir wollen alle nach oben, zu dem selben Ort. Und deshalb brauchen wir Freunde."

Insgesamt 22 prominente religiöse Führer rufen in dieser Videokampagne zu Kontakten mit Andersdenkenden und Andersgläubigen auf. "Make friends across religions", so das Motto der Kampagne, "schließt Freundschaften über alle Religionen hinweg".

Der Mann, der es geschafft hat, die 22 Oberhäupter vor die Kamera zu bekommen, heisst Mark Woerde, ein 45 Jahre alter Werbefachmann aus Amsterdam. Zweieinhalb Jahre brauchte er dafür und unendlich viel Geduld und Ausdauer. Zahllose Briefe hat er geschrieben, unzählige Klinken geputzt. Aber letztendlich machten sie alle mit: auch Großrabbiner Jonathan Sacks, Erzbischof Justin Welby, der Patriarch von Konstantinopel Bartholomeos der Erste und der Dalai Lama und der Papst.

Der ägyptische Großmufti Shawki Allam in der "Make Friends"-Kampagne (Screenshot) (Make Friends/ Elijah Interfaith Institute/ Youtube)Der ägyptische Großmufti Shawki Allam in der "Make Friends"-Kampagne (Screenshot) (Make Friends/ Elijah Interfaith Institute/ Youtube)

"Bei diesen beiden war es am schwersten", erinnert sich Woerde, ein großgewachsener Holländer mit dunkelblonden Haaren. "Der Papst wollte eigentlich sofort mitmachen, aber seine Berater waren dagegen. Eine Woche lang bin ich um den Vatikan herumgeschlichen und kam mir vor wie ein Idiot. Zum Glück hat der Papst sich dann durchgesetzt und mich zur Audienz geladen – ich bekam 15 Minuten. Beim Dalai Lama wäre es ebenfalls fast schiefgelaufen. Es dauerte ewig, dann sagte er endlich zu: 'Ok, Sie können kommen.' Doch ich sollte innerhalb von zwei Stunden erscheinen – und ich war fünf Stunden entfernt! Der Dalai Lama war not amused, aber er hat auf mich gewartet."

Oberhäupter wollen "Manifest der Freundschaft" unterschreiben

Millionen von Menschen in aller Welt haben sich das Videoprojekt inzwischen angesehen. Es hat Woerde nicht nur einen Friedenspreis der Vereinten Nationen eingebracht. Der Amsterdamer hat damit auch die Basis gelegt für einen historischen Gipfel, der im Sommer 2020 im altehrwürdigen Friedenspalast in Den Haag stattfinden soll.

Zusammen mit dem Elijah Interfaith Institute in Jerusalem will der Friedenspalast dafür sorgen, dass die wichtigsten religiösen Oberhäupter sich dann in Den Haag treffen, um ein "Manifest der Freundschaft" zu unterzeichnen, so machte der Direktor des Friedenspalastes Erik de Baedts Ende September bekannt:

"Der Friedenspalast ist zwar kein Ort für Religionen, er steht ganz im Zeichen des Friedens, aber von dieser Initiative kann ein Signal für den Frieden ausgehen."

Der einflussreiche Sikh Bhai Sahib Mohinder Singh im Video der "make friends"-Kampagne (Screenshot) (Make Friends/Elijah Interfaith Institute/ Youtube)Der einflussreiche Sikh Bhai Sahib Mohinder Singh im Video der "make friends"-Kampagne (Screenshot) (Make Friends/Elijah Interfaith Institute/ Youtube)

Mark Woerde selbst konnte es zunächst kaum glauben, als der Friedenspalast bei ihm anrief und ihm den Vorschlag unterbreitete: In ihrem Manifest, so der Plan, sollen sich die Oberhäupter der Weltreligionen nachdrücklich von Textstellen in ihren Heiligen Schriften distanzieren, in denen zu Gewalt aufgerufen wird oder die auf diese Weise missinterpretiert werden können. Und statt dessen an die vielen Passagen erinnern, in denen es um positive Dinge wie Frieden und Freundschaft gehe, betont Woerde.

Werbung für Werte statt Produkte?

Selbst bezeichnet er sich als "gutgläubig", aber ansonsten als nicht gläubig. Engagiert ist er, begeisterungsfähig und voller Energie. Wie kam dieser erfolgreiche Werbefachmann dazu, sein Talent auf einmal für den Verkauf von Werten statt Produkten einzusetzen? 

"Ich hatte eine Art Midlife-Crisis, das war der Wendepunkt. Die Werbeagentur, die ich zehn Jahre zuvor gegründet hatte, lief glänzend, aber ich merkte, dass ich am glücklichsten war, wenn es nicht nur ums Geld ging. Wenn versucht wurde, mehr zu verkaufen als nur ein Produkt."

So wie bei der Werbekampagne für einen Kaffeeproduzenten, in der die Konsumenten nicht nur zum Kaffeetrinken verführt werden sollten, sondern auch zu mehr sozialen Kontakten. Das kopje koffie ist den Niederländern heilig und immer ein soziales Happening. Woerde kam auf die Idee, einen burendag ins Leben zu rufen, einen "Tag der Nachbarn": 340.000 Menschen machten mit, unternahmen etwas mit ihren Nachbarn – und bekamen dafür ein Päckchen Kaffee geschenkt. Inzwischen wird dieser Tag als nationaler burendag jeden vierten Samstag im September von mehr als einer Million Bürgern im ganzen Land gefeiert: Überall in den Stadtvierteln treffen sich die Bewohner zu allerlei Aktivitäten, und sei es nur zum Kaffeetrinken:

"Durch diese Initiative konnten wir den sozialen Zusammenhalt stimulieren. Die Menschen lernen sich kennen, Spannungen werden abgebaut. Da dachte ich mir: Es muss mehr von diesen Kampagnen geben, davon muss ich sowohl die Unternehmen überzeugen als auch meine eigene Branche, die sogenannte kreative Industrie. Sie muss ihr Talent für das Gute einsetzen."

"Mit Kreativität die Welt verbessern"

Selbst ging er mit gutem Beispiel voran: 2013 erfand er im Auftrag der Hilfsorganisation "Terre des Hommes" Sweetie – eine computergeschaffene Phantomfigur, die aussah wie ein zehnjähriges philippinisches Mädchen. Sweetie diente im Internet als Köder, um pädophilen Männern auf die Spur zu kommen, die gegen Bezahlung Kinder für Webcamsex missbrauchen: Vor allem in Asien müssen unzählige minderjährige Jungen und Mädchen für diese Männer vor der Kamera sexuelle Handlungen verrichten.

Mit dem Phantommädchen Sweetie konnte Woerde auf diese Form der Ausbeutung aufmerksam machen und dafür sorgen, dass mehr als 1.000 Männer überführt wurden, die auf das Internet-Lockangebot hereingefallen waren: "Wenn man einmal die Kraft gefühlt hat, wie man mit Kreativität die Welt verbessern kann, dann lässt einen das nicht mehr los", erzählt er.

Die Kampagne wurde mit Preisen überschüttet und bescherte Woerde in den USA einen Platz auf der Liste der 50 kreativsten Menschen der Welt. In den Niederlanden wurde er zum Reklamemann des Jahres 2015 gekürt.

Weniger Vorurteile als gedacht?

"Kurz darauf war ich in London auf einem Werbekongress. Da wurde ich von einem jungen britischen Kollegen angesprochen. Er war Moslem. 'Mark', sagte er zu mir, 'als nächstes solltest du dafür sorgen, dass die Leute mich mit anderen Augen betrachten. Die denken alle, ich bin ein Terrorist!' Das ließ mich nicht mehr los: War das wirklich so? Oder bildete er sich das bloß ein?"

Zuhause schaltete Woerde ein renommiertes Meinungsforschungsinstitut ein. Es befragte 56.000 Menschen in 24 Ländern. Ergebnis: Egal, ob Christen, Muslime, Juden oder Hinduisten: Sieben von zehn Befragten gaben an, nichts gegen Menschen eines anderen Glaubens oder einer anderen Lebensüberzeugung zu haben – 68 Prozent.

Der iranisch-britische Ayatollah Al-Milani in der Kampagne "Make friends" (Screenshot) (Make friends/ Elijah Interfaith Institute/ Youtube)Der iranisch-britische Ayatollah Al-Milani in der Kampagne "Make friends" (Screenshot) (Make friends/ Elijah Interfaith Institute/ Youtube)

"Es war also so, dass Menschen oft nur denken, dass sie von jemandem mit einem anderen Glauben abgelehnt und nicht gemocht werden - obwohl das gar nicht so ist."

Und so entstand die Videokampagne "Friendship across Religions" mit 22 prominenten religiösen Führern, die sich im Sommer 2020 in Den Haag zu einem historischen Gipfel treffen sollen, um ein Manifest der Freundschaft zu verabschieden.

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