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StartseiteInterview"Es ist schon relativ unwahrscheinlich, dass man erwischt wird"08.07.2016

Kampf gegen Raser"Es ist schon relativ unwahrscheinlich, dass man erwischt wird"

Immer wieder kommt es durch illegale Autorennen in Innenstädten zu schweren Unfällen. Rainer Fuchs von der Polizei Köln fordert daher schärfere Kontrollen, härtere Strafen und den Ausbau von Präventionsangeboten für Fahranfänger. Nur so und mit technisch versierten Fachkräften sei dem Phänomen beizukommen, sagte er im DLF. Die Wahrscheinlichkeit, als Raser erwischt zu werden, müsse erhöht werden.

Rainer Fuchs im Gespräch mit Doris Simon

 Rainer Fuchs von der Polizei Köln. (Deutschlandradio)
Rainer Fuchs von der Kölner Polizei: Der typische Raser ist männlich, zwischen 18 und 28 Jahren und vorwiegend mit Migrationshintergrund. (Deutschlandradio)
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Doris Simon: Immer wieder gibt es in Deutschland Tote und Schwerverletzte bei Raserunfällen. Besonders gefährlich sind illegale Rennen, die sich zwei oder mehrere Fahrer in deutschen Innenstädten liefern. Bis jetzt drohen ihnen dafür schlimmstenfalls 400 Euro Bußgeld und ein Monat Fahrverbot.

Nordrhein-Westfalen und Hessen wollen jetzt über den Bundesrat eine Verschärfung erreichen. Wer an illegalen Autorennen teilnimmt, der soll künftig mit Haft rechnen müssen und mit dem Verlust seines vermutlich geliebten Autos.

Rainer Fuchs ist vor dieser Sendung zu mir ins Studio gekommen und ich habe ihn gefragt, ob es die schärferen Strafen sind, die er als Leiter des Projektes Rennen bei der Kölner Polizei braucht im Kampf gegen Raserei.

Rainer Fuchs: Ich glaube schon, dass auch härtere Strafen da in die richtige Richtung weisen, denn eins wissen wir ja alle: Strafen schrecken auch in gewisser Weise ab. Aber ich denke, dass vielerlei Maßnahmen, nicht nur die Verschärfung von Straftaten auf vielen Gebieten dazu führen können, dass wir dieses Phänomen in den Griff kriegen. Alles was verhindert, dass jemand aufgrund eines illegalen Autorennens stirbt, ist die richtige Maßnahme. Insofern befürworte ich und auch die Polizei Köln dann die Verschärfung des Strafrechts oder dieses Tatbestandes.

Simon: An welche anderen Maßnahmen denken Sie?

Fuchs: Nun, das fängt mit Aufklärung an. Das fängt damit an, dass man wissen muss, um wen handelt es sich, wie kann ich schon im Vorfeld im Bewusstsein etwas ändern, wie kann ich zum Beispiel durch eine Beschränkung der PS-Zahl bei Fahranfängern etwas erreichen, wie kann ich etwas erreichen, indem ich zum Beispiel ein Fahrsicherheitstraining solchen Fahranfängern anbiete. Es gibt viele Ansätze, die so etwas verhindern können.

Simon: Sie sprechen gerade von Fahranfängern. Wen müssen wir uns vorstellen als einen, wenn es das gibt, typischen Raser oder typischen Teilnehmer bei illegalen Autorennen in der Stadt?

Fuchs: Ich kann da ja nur für Köln sprechen. Letztes Jahr war Anlass der Unfall am Auenweg und dann später ja auch er auf der Aachener Straße, die dazu geführt haben, dass wir diese besondere Ermittlungsgruppe da eingerichtet haben, und unsere ersten Erkenntnisse zeigten, dass sich bestimmte Treffpunkte herauskristallisierten, wo sich immer wieder junge Menschen treffen mit technisch veränderten Fahrzeugen, sich spontan dort zusammenfinden und von diesen Treffpunkten dann diese illegalen Rennen stattgefunden haben. Aber nicht nur diese Rennen, sondern auch Fahrten mit hohen Geschwindigkeiten, unabhängig davon, dass jetzt nur einer fährt.

"Es sind ausnahmslos Männer"

Simon: Sie sagten Menschen. Männer wie Frauen?

Fuchs: Es sind ausnahmslos Männer. Das ist schon etwas, was einem ins Auge springt. Es sind junge Menschen, 18 bis 28, Fahranfänger in der Regel. Es sind Fahrzeuge, die wir dort feststellen, das Spektrum der Fahrzeuge, die in sind, ich nenne sie jetzt mal, Audi, BMW, Porsche, die ein Statussymbol darstellen. Das ist aufgefallen.

Und was auch auffällt: Es ist eine große Anzahl an Deutschen mit Migrationshintergrund, Türken mit Migrationshintergrund. Ja, es sind auch Deutsche dabei, auch andere Staaten sind vertreten, aber das fiel uns schon relativ früh auf.

"Leider haben diese Gefährderansprachen so gut wie gar nichts gebracht"

Simon: Sie sprachen eben von freiwilligen Angeboten an Fahranfänger. Sind denn die, die Sie gerade alle aufgezählt haben, zugänglich für solche freiwilligen Angebote? Ist es dann nicht schon viel zu spät, wenn die irgendein dickes Auto fahren?

Fuchs: Ich kann nur von unseren Erfahrungen sprechen hinsichtlich der Tatsache, was haben wir präventiv versucht aufzunehmen, um dagegen etwas zu tun. Wir haben Gefährderansprachen letztendlich geführt, nachdem wir festgestellt haben, wer kommt denn da immer wieder hin, oder wer fällt uns wiederholt auf, und leider haben diese Gefährderansprachen so gut wie gar nichts gebracht.

"Wir haben in Köln ein extrem hohes Geschwindigkeitsniveau"

Simon: Das ist auch das Argument von Leuten, die im Augenblick sagen, Verschärfung der Strafen, wie sie zum Beispiel jetzt NRW über den Bundesrat fordert, das bringt gar nichts, weil das eigentliche Problem liege ja in der hohen Wahrscheinlichkeit, nicht erwischt zu werden. Ist das so? Kriegen Sie da nur einen kleinen Bruchteil von denen, die teilnehmen und die verantwortlich sind?

Fuchs: Einen kleinen Bruchteil würde ich jetzt nicht sagen. Wir sind schon erfolgreich. Das sieht man schon allein an den Tatsachen, dass wir, seitdem wir unterwegs sind, eine große Anzahl an Fahrzeugen, die technisch verändert sind und als verkehrsunsicher deklariert wurden, aus dem Verkehr ziehen konnten. Das ist das eine. Und wir haben dann natürlich auch illegale Rennen festgestellt und zur Anzeige bringen können.

Weil wir das erst so kurz machen, haben wir aber auch keine validen Zahlen. Wir können jetzt nicht vergleichen zwischen 2015 und 2016, wir können nicht vergleichen, was war 2014.

Ich bin aber davon überzeugt, dass das Gesamtpaket es macht: Schärfere Kontrollen, intensivere Kontrollen, dadurch die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass man erwischt wird. Das bezieht sich ja nicht nur auf jetzt illegale Kraftfahrzeugrennen oder auf die Raserei, sondern das gilt grundsätzlich. Wir haben in Köln ein extrem hohes Geschwindigkeitsniveau, insbesondere in den Abendstunden, je später es wird.

Simon: Das heißt, die Leute fahren schneller als erlaubt.

Fuchs: Die fahren schneller als erlaubt, ja. Und dieses hohe Geschwindigkeitsniveau, das ist ja auch mit ein Grund, warum Unfälle passieren, die nicht so schlimm ausgehen - Gott sei Dank! Aber ich glaube, dass das auch mit ein wirksames probates Mittel ist, nämlich den Flächendruck erhöhen und die Wahrscheinlichkeit zu erhöhen, dass man erwischt wird.

Zurzeit ist es so und da gebe ich Ihnen Recht: Es ist schon relativ, ich sage mal, unwahrscheinlich, dass man tatsächlich erwischt wird, und das muss sich ändern.

Simon: Haben Sie zu wenig Leute für diese Arbeit?

Fuchs: Ja! Das kann ich so beantworten. Das haben wir! Das ist ein generelles Problem der Polizei, nicht nur in Köln, sondern in ganz Nordrhein-Westfalen und auch im Bundesgebiet. Das ist so, ja!

"Wir brauchen speziell motivierte Leute"

Simon: Sind das ganz spezielle Leute, die Sie brauchen für die Jagd auf Raser und Leute, die an illegalen Autorennen teilnehmen?

Fuchs: Ja, wir brauchen eine gewisse Affinität. Das bedeutet zum Beispiel auch, zu unüblichen Zeiten arbeiten. Ich weiß, wovon ich da rede. Das bedeutet an Wochenenden, das bedeutet zu den Abendstunden, wo man normalerweise soziale Kontakte pflegt wie die Familie, die Freundin etc. Das ist schon mit Aufwand verbunden und man muss natürlich auch eine gewisse Affinität zur Technik haben. Man muss sich ein bisschen spezialisieren und bereit sein, sich fortzubilden. Ja, wir brauchen spezielle motivierte Leute.

Simon: Ein wichtiges Ding - das haben Sie ja schon angedeutet - für alle Teilnehmer an illegalen Rennen, aber auch für viele, die zu schnell fahren, ist das Auto, das Auto als Symbol, auf das man auch stolz ist. Würde Ihnen das helfen, wenn möglicherweise jenseits von Strafen jedes Mal Teilnehmern an solchen Rennen oder Rasern auch das Auto weggenommen werden könnte?

Fuchs: Ja, weil das ist das Spielzeug, sage ich jetzt mal so ganz provokativ, was man dann den Menschen wegnimmt. Das zeigen auch unsere Erfahrungen. Wenn wir zum Beispiel aus der Szene, die wir in Köln ja auch haben, die Fahrzeuge sicherstellen müssen, weil sie verkehrsunsicher sind oder der Verdacht da ist, dann tut denen das schon weh. Das ist so, ja.

Simon: Und machen Sie da auch die Erfahrung, dass die sich anschließend anders verhalten?

Fuchs: Das ist etwas, was wir nicht messen können. Dazu fehlen uns die Möglichkeiten und auch die Zahlen, das nachzuprüfen, ob das jetzt tatsächlich auch gewirkt hat. Das ist nicht so einfach.

"Wir müssen an vielen Baustellen was machen"

Simon: Sie kennen ja vielleicht auch diesen Werbespot eines großen deutschen Herstellers, der jetzt im Fernsehen läuft. Der wirbt für sein Modell mit einer Kurvenfahrt bei 330 Stundenkilometern. Ganz winzig wird dann so drei Sekunden lang unten eingeblendet, da braucht man aber schon eine sehr gute Brille, dass der Spot mit professionellen Fahrern gedreht wurde auf einer abgesperrten Teststrecke und dass man es bitte, bitte nicht nachahmen soll. Was denken Sie, wenn Sie so was sehen?

Fuchs: Dann wunder ich mich nicht. Das ist für mich ein Zeichen dafür, dass wir an vielen Baustellen was machen müssen, unter anderem auch bei den Fahrzeugherstellern. Das suggeriert ja jedem Fahranfänger, dass ich mit diesem Auto durch die Gegend fahren kann und es ist ungefährlich, es ist toll, es ist schön. Der Vergleich mit den Beschleunigungswerten einer Saturn-Fünf-Rakete, das ist schon deftig.

Und wenn man dann denkt, was in einem Fahranfänger vorgeht, der ja noch überhaupt keine Erfahrung hat im Umgang unter anderem mit so einem schnellen Auto, dann ist das mit ein Grund, mit ein Grund, sage ich jetzt ganz ausdrücklich, dass das irgendwie nicht in die richtige Richtung geht.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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