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StartseiteDie neue PlatteCharles Gounods Ringen um den Rompreis13.05.2018

Kantaten und geistliche MusikCharles Gounods Ringen um den Rompreis

Drei Versuche brauchte Charles Gounod bis er den renommierten Rompreis mit einer Kantate gewinnen konnte. Eine neue CD stellt alle drei Wettbewerbs-Kantaten vor, dazu unbekannte geistliche Musik des Franzosen. Die Interpretation ist stilsicher, bis hin zum damals üblichen gallikanischen Latein.

Am Mikrofon: Michael Stegemann

Das zeitgenössische Porträt zeigt den französischen Komponisten Charles Francois Gounod (1818-1893). (bifab / dpa picture-alliance)
Der französische Komponist Charles Gounod (bifab / dpa picture-alliance)

Am 17. Juni jährt sich der Geburtstag des französischen Komponisten Charles Gounod zum 200. Mal. Erfreulicherweise hat auch der Plattenmarkt zur Kenntnis genommen, dass wir uns im Gounod-Jahr befinden. Die späte Oper Polyeucte, das Oratorium Saint-François d’Assise, einige geistliche Chorwerke und eine Auswahl der Klavierwerke sind kürzlich auf CD erschienen - vor allem aber eine Doppel-CD-Edition des "Palazzetto Bru Zane" für das Label Ediciones singulares. Zu hören sind die drei Kantaten, mit denen sich Gounod um den Rompreis des Pariser Conservatoire bewarb, und zwei frühe Messen.

Musik: Charles Gounod, "Dei genitrix intervede pro nobis" - Kyrie, aus der Messe vocale

Doch-doch, es geht tatsächlich um den Romantiker Charles Gounod - und nicht etwa um Palestrina oder einen anderen Renaissance-Meister, wie man nach diesem Choralvers "Dei genitrix intervede pro nobis" vielleicht vermuten könnte. Die Messe vocale für fünfstimmigen gemischten Chor a capella, die der 24-jährige Gounod Anfang 1843 komponiert hat, ist ganz im strengen Kirchenstil gehalten. Die Aufnahme mit dem sehr homogenen und intonations-sicheren Flämischen Rundfunkchor unter der Leitung von Hervé Niquet - dem Gründer des großartigen Barock-Ensembles "Le Concert spirituel" - hält eine schöne Balance zwischen der "altklassischen Vokalpolyphonie" und dem Cäcilianismus des Satzes - etwa im fugierten Beginn des Gloria.

Musik: Charles Gounod, Gloria, aus der Messe vocale

Dass der Flämische Rundfunkchor unter Hervé Niquet Gounods Kirchenwerke - wie hier das Gloria aus der Messe vocale - im gallikanischen Latein singt - also zum Beispiel "et in terra pax ominibüs" und nicht "hominibus", "Deüs" und nicht "Deus" -, entspricht einer Ausspracheregel, die in Frankreich bis 1905 verbindlich war, und die inzwischen im Zuge der historisch orientierten Aufführungspraxis mehr und mehr beachtet wird. Zwei Jahre vor der Messe vocale und noch während seines Stipendiums in der römischen Villa Medici hatte Gounod 1841 eine ganz andere Messe komponiert: die Messe de Saint-Louis-des-Français für Mezzosopran, Tenor, dreistimmigen Männerchor und Orchester. Und die klingt nun wirklich nach Gounod, bis hin zu einer gewissen Ähnlichkeit des Tenorsolos im Gloria mit dem Sanctus seiner berühmten "Cäcilienmesse" von 1855. Es singen Artavazd Sargsyan, Tenor und der Flämische Rundfunkchor, mit Hervé Niquet und den Brüsseler Philharmonikern.

Musik: Charles Gounod, Gloria, aus der Messe de Saint-Louis-des-Français

Natürlich kann man im lyrischen Gestus des Tenorsolos aus Gounods früher Messe de Saint-Louis-des-Français schon den Opernkomponisten erahnen, der zehn Jahre später, 1851, mit Sapho die Musiktheater-Bühne betreten wird. Vor allem Faust, aber auch Mireille oder Roméo et Juliette sichern bis heute seinen Ruf und Rang als Begründer "opéra lyrique". Darüber könnte man leicht vergessen, dass die Kirchenmusik - darunter 25 Messen, vier Requiem-Vertonungen und vier große Oratorien - im Schaffen Gounods einen sehr viel größeren Raum einnimmt als seine zwölf Opern. Nach seiner Rückkehr nach Paris im Mai 1843 hatte Gounod nicht nur einen Posten als Organist und Kapellmeister an der "Église des Missions étrangères" angetreten, sondern wollte sogar eine Priesterlaufbahn einschlagen und studierte am renommierten Seminar von Saint-Sulpice Theologie, bis ihn die Revolution von 1848 und die Begegnung mit der Sängerin Pauline Viardot sozusagen "säkularisierte". So liegt das Verdienst dieser Doppel-CD auch in der Erschließung eines weitgehend unbekannten Repertoires des großen Opernkomponisten. Außer den beiden Messen sind auf der zweiten CD noch zwei kleinere frühe Kirchenwerke zu hören - die Hymne sacrée und die Sopransolo-Motette "Christus factus est", wunderbar gesungen von Judith Van Wanroij. Hervé Niquet dirigiert wieder die Brüsseler Philharmoniker.

Musik: Charles Gounod, "Christus factus est"

Kirchenmusik des jungen Charles Gounod, komponiert während seines dreijährigen Stipendiums in der Villa Medici in Rom. Der Weg dorthin führte über den Prix de Rome - den obligatorischen "Rompreis", der bis 1968 jedes Kompositionsstudium am Pariser Conservatoire krönte. Seit Jahren schon ediert das "Centre de musique romantique française" der Stiftung "Palazzetto Bru Zane" dieses spannende Repertoire, und nach Camille Saint-Saëns und Maurice Ravel, die beide am "Rompreis" scheiterten, Gustave Charpentier, Claude Debussy, Paul Dukas und Max d’Olonne kann man nun also auch Gounods Kampf um den Prix de Rome verfolgen. Nach seinem Studium bei Antoine Reicha, Jacques Fromental Halévy und Jean-François LeSueur hatte der 19-jährige Gounod erstmals 1837 am Wettbewerb teilgenommen und für seine Pflicht-Kantate Marie Stuart et Rizzio immerhin einen "deuxième second prix" erhalten. Ein dramatisches Orchester-Prélude und das erste Rezitativ der Maria Stuart - hier gesungen von Gabrielle Philiponet - entsprachen wohl durchaus den Erwartungen der Jury.

Musik: Charles Gounod, Prélude & Récit, aus der Kantate Marie Stuart et Rizzio

Gemessen an einem Geniestreich wie der Rompreis-Kantate La Mort de Cléopâtre, mit der Hector Berlioz acht Jahre zuvor die Jury schockiert hatte, ist Gounods Marie Stuart et Rizzio ziemlich konventionell, wenn auch durchaus geschickt komponiert. Hervé Niquet und die Brüsseler Philharmoniker holen alles an Klangfarbigkeit und rhythmischer Verve aus der Partitur heraus, und auch die durchweg guten Gesangs-Solisten geben ihr Bestes. Hier zum Beispiel Chantal Santon-Jeffery und Yu Shao im Final-Duo der Kantate La Vendetta, mit der Gounod 1838 schon in der zweiten Runde des Wettbewerbs scheiterte.

Musik: Charles Gounod, "Là-haut, je le vois" - Duo aus der Kantate La Vendetta

1839 war es dann so weit: Im dritten Anlauf erhielt der 21-jährige Gounod für seine Kantate Fernand den "Premier Grand Prix de Rome" und das damit verbundene Stipendium in der Villa Medici. Und schon im Prélude zeigt sich eine ganz andere, reifere und subtilere Handschrift.

Musik: Charles Gounod, Prélude, aus der Kantate Fernand

Die Edition der drei "Rompreis"-Kantaten und der beiden frühen Messen Charles Gounods ist – wie alle Editionen des "Palazzetto" bei den Ediciones singulares - mit exzellenten Einführungstexten (in französischer und englischer Sprache), den Libretti und interessantem Bildmaterial geradezu bibliophil ausgestattet. Aufnahmetechnisch tadellos und mit viel Engagement und Kennerschaft stilsicher interpretiert sind die beiden CDs sicher einer der wichtigsten Beiträge zum Gounod-Jahr, aus dem ich Ihnen zum Abschluss gern noch das Trio-Finale der Preis-Kantate Fernand vorstellen möchte – mit Judith Van Wanroij, Yu Shao und Nicolas Courjal, sowie den Brüsseler Philharmonikern unter der Leitung von Hervé Niquet. Hier ist Gounod tatsächlich dem lyrisch-dramatischen Stil seiner großen Opern schon ganz nahe.

Musik: Charles Gounod, "Dieu qui lis dans les cœurs" – Trio final, aus der Kantate Fernand

Charles Gounod: Cantates et musique sacrée
Brussels Philharmonics
Flämischer Rundfunkchor
Gabrielle Philiponet, Judith Van Wanroij, u.a. 
Hervé Niquet, Leitung
Ediciones Singulares, Label
LC 29254

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