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StartseiteInterviewZDK-Präsident Sternberg: „Ich verstehe diese Entscheidung nicht“ 25.09.2021

Kardinal Woelki bleibt im AmtZDK-Präsident Sternberg: „Ich verstehe diese Entscheidung nicht“

Mit der Entscheidung des Papstes, den Kölner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki im Amt zu lassen, werde Verantwortungsübernahme verhindert, kritisierte ZDK-Präsident Thomas Sternberg im Dlf. Neben der Missbrauchsaufarbeitung gehe es auch um „eine völlig zerrüttete Situation“ im Kölner Erzbistum.

Thomas Sternberg im Gespräch mit Josephine Schulz

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Rainer Maria Kardinal Woelki, Erzbischof von Köln, bei der Schlussvesper mit Bonifatiussegen im Rahmen der Herbst-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz im Dom St. Salvator zu Fulda (imago/Future Image/P. Back)
Rainer Maria Kardinal Woelki muss eine Zwangspause einlegen, darf aber Erzbischof von Köln bleiben (imago/Future Image/P. Back)
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Die päpstliche Entscheidung zur Zukunft des umstrittenen Kardinals Rainer Maria Woelki sieht vor, dass der Erzbischof von Köln im Amt bleibt, jedoch eine mehrmonatige Auszeit nehmen soll. Mit dieser Lösung werde verhindert, dass eine Leitungsperson – "unabhängig von der eigenen Schuld" – Verantwortung für gemachte Fehler übernehme, kritisierte der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZDK), Thomas Sternberg.

  (picture alliance / Jens Büttner) (picture alliance / Jens Büttner)Kommentar: Wie Verantwortung verdunstet
Völlig egal, wie schäbig sich Bischöfe gegenüber Opfern sexualisierter Gewalt verhalten – es bleibt für sie ohne Konsequenzen, kommentiert Christiane Florin. Das abgelehnte Rücktrittsgesuch des Hamburger Erzbischofs Stefan Heße sei ein weiterer Beleg dafür. 

Obwohl mehrere Bischöfe ihren Rücktritt angeboten hätten, werde eine solche Verantwortungsübernahme von Rom offensichtlich nicht gewollt, so Sternberg. Dabei sei es für die Betroffenen von sexuellem Missbrauch unglaublich wichtig, "dass alles sehr ernsthaft aufgearbeitet wird."

Sternberg: Noch nie ein so unzufriedenes Bistum erlebt

Neben der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle hätten die vom Vatikan entsandten Visitatoren auch die Aufgabe gehabt, eine komplexe pastorale Situation in Köln zu untersuchen, erläuterte Sternberg. "Und ich habe noch nie ein Bistum erlebt, in dem die Gläubigen – egal welcher Richtung, welchen Alters – so unzufrieden, so verbittert, so erzürnt waren über ihren Kardinal wie jetzt in Köln."

Sternberg bezweifelte, dass es ausreiche, die Situation mit einer Zeit der Buße und Abwesenheit zu bereinigen. "Ich glaube, so einfach wird das nicht funktionieren", machte Sternberg deutlich. Zudem bemängelte der ZDK-Präsident, dass es "noch längst keine flächendeckende, zufriedenstellende Aufarbeitung" gebe.


Das Interview in voller Länge:

Josephine Schulz: Können Sie die Entscheidung des Papstes nachvollziehen?

Thomas Sternberg: Nein, ich verstehe diese Entscheidung nicht, und zwar deswegen, weil ich den Eindruck habe, dass hier mit einer vatikanischen Entscheidung ein normales, gängiges Verfahren der Verantwortungsübernahme – unabhängig von der Frage nach dem Grad der persönlichen Schuld –, wie es in unseren Gesellschaften üblich ist, verhindert wird, dass nämlich eine Leitungsperson sagt, ich übernehme die Verantwortung für Fehler, die gemacht worden sind, unabhängig von der Frage der eigenen Schuld und trete deswegen zurück. Das ist ein gängiges Verfahren, ob das Probleme letztlich löst, weiß ich nicht, aber ein solches Verfahren wird hier offensichtlich geradezu unmöglich gemacht.

  (dpa / AFP / Ina Fassbender) (dpa / AFP / Ina Fassbender)Der Frust im Erzbistum Köln ist groß
Katholiken in Düsseldorf wollen nicht, dass Kardinal Woelki Jugendliche in ihrer Gemeinde firmt. Der kommt trotzdem. Das und die Missbrauchsfälle im Erzbistum Köln werden Woelki dennoch nicht zum Rücktritt bewegen, glaubt NRW-Korrespondentin Vivien Leue.

Schulz: Aber Sie haben jetzt gesagt, unabhängig von der eigenen Schuld. Kardinal Woelki wurde ja von diesem zweiten Gutachten in Köln entlastet, da konnte nicht festgestellt werden, dass er irgendetwas absichtlich vertuscht hat. Und auch diese apostolische Visitation hat das nicht festgestellt. Da ist es doch eigentlich naheliegend, dass der Papst dem dann folgt und Woelki auch entlastet oder?

Sternberg: Es geht hier, glaube ich, nicht alleine um die Frage des Umgangs mit der Missbrauchsaufarbeitung. Das ist ein wichtiger Komplex, zu dem ich letztlich nicht fähig bin, ein Urteil abzugeben, dafür müsste man viel mehr Informationen haben. Nein, es geht, glaube ich, um die Frage einer völlig zerrütteten Situation in seinem Erzbistum. Die Visitatoren hatten ja auch die Aufgabe, eine komplexe pastorale Situation zu untersuchen. Und ich habe noch nie ein Bistum erlebt, in dem die Gläubigen – egal welcher Richtung, welchen Alters – so unzufrieden, so verbittert, so erzürnt waren über ihren Kardinal wie jetzt in Köln. Und da habe ich schon die Frage, ob dann ein Verfahren reicht, bei dem man sagt, jetzt tue ich eine Zeit lang Buße oder nehme eine Auszeit, und dann ist alles wieder gut. Ich glaube, so einfach wird das nicht funktionieren.

Die Frage der persönlichen Übernahme von Verantwortung

Schulz: Über diese Auszeit würde ich gerne gleich noch mal sprechen. In einer Mitteilung vom heiligen Stuhl wurde vor allem Woelkis Kommunikationsweise kritisiert. Aber reicht schlechte Kommunikation wirklich, um einen Kardinal des Amtes zu entheben, denn er ist ja nun mal kein Politiker, der alle paar Jahre abgewählt wird.

Sternberg: Wissen Sie, die Gründe sind sehr, sehr schwierig. Mir geht es auch weniger um die Frage, ob jemand abgelöst wird von einer oberen Behörde, sondern diese Frage der persönlichen Verantwortungsübernahme. Das haben jetzt mittlerweile schon mehrere Bischöfe angeboten und haben gesagt, ich übernehme Verantwortung, und diese Verantwortungsübernahme drückt sich in einem Rücktritt aus. Das wird offensichtlich hier nicht gewollt und nicht möglich gemacht. Ob es möglich ist, sich von solchen ganz normalen Verfahren zu entziehen, da bin ich mir nicht sicher. Ich meine, ob die Frage eines Rücktritts wirklich ein Problem löst, das ist allerdings auch gefragt.

Schulz: Was bedeuten denn diese Entscheidungen aus Rom, Sie haben auch angesprochen die Rücktrittsangebote, die dann nicht angenommen wurden, was bedeuten die für in erster Linie die Opfer von sexuellem Missbrauch, aber auch für alle die, die das Vertrauen in die katholische Kirche vielleicht längst verloren haben?

Sternberg: Ich glaube, dass es vor allem bei den Betroffenen von sexuellem Missbrauch, das ist ja die entscheidende Frage auch, für die ist es unglaublich wichtig, dass das ernsthaft aufgearbeitet wird. Und diese persönliche Verantwortungsübernahme ist nicht unwichtig und ist auch ein wichtiges Zeichen, nur wie gesagt, es geht noch viel mehr darum, wirkliche Betroffenenorientierung zu machen, nicht solche katastrophalen Entscheidungen zu machen wie die, die der Kardinal selber ja auch bedauert, offensichtlich jetzt den Betroffenenbereit geradezu zu benutzen, das ist ungeheuerlich, das geht wirklich gar nicht. Da sind ja wirklich ganz, ganz schlimme Fehler auch in der Aufarbeitung gemacht worden.

Aber es geht darum, diese Aufarbeitung so gut zu betreiben, dass auch andere gesellschaftliche Bereiche, wenn sie mal ihre Aufarbeitung machen müssen, sagen müssen, wir können hinter das Anspruchsniveau der katholischen Kirche nicht zurückfallen, das muss vorbildlich gut sein. Und ich glaube, auch die Einrichtung der unabhängigen Kommission, die jetzt immer noch in allen Bistümern umgesetzt ist, die aber ganz, ganz wichtig ist, die muss beweisen, dass hier eben auch im Zusammenwirken mit staatlichen Stellen das sehr gut geht. Wie gesagt, der Weg ist da, es gibt diese klaren Absichten, es gibt auch viele gute Beispiele, aber es gibt noch längst nicht eine flächendeckende, zufriedenstellende Aufarbeitung.

Sternberg: Dem Papst ist die Kirche in Deutschland keineswegs egal

Schulz: Wenn man sich jetzt noch mal die Entscheidung des Papstes anguckt und auch den Vertrauensverlust, den Sie damit einhergehen sehen, ist das dem Papst egal oder sieht man das in Rom einfach nicht, was hier los ist, zum Beispiel in Köln?

Sternberg: Also zunächst mal glaube ich, man muss unterscheiden zwischen Papst und Vatikan. Der Papst ist natürlich der Verantwortliche und Entscheidende dahinter, wenn ich da höre, dass der "Tagesspiegel" gemeldet hatte, dem Papst sei die Kirche in Deutschland egal. Das ist nun wirklich völliger Unsinn, denn er hat sich sogar 2019 hingesetzt und hat einen langen Brief nicht an die Bischöfe geschrieben, sondern an die Gläubigen, an alle Gläubigen. Ein Brief, der nach wie vor sehr lesenswert ist und der uns in unserem Arbeiten des synodalen Weges auch Ziel und Leitung gibt, wo er sagt, dass wir eine Zeitenwende leben, die neue Antworten erfordert.

Das ist, glaube ich, nicht die Frage. Die Frage ist hier, ob die vatikanische Diplomatie, die wirklich eine lange Erfahrung und große Kenntnisse hat, ob sie diese demokratisch eingeübten Verfahren eines Rücktritts überhaupt in ihrer Bedeutung und in ihrer Wichtigkeit anerkennt. Wir haben ja Politiker-Rücktritte gehabt, eine ganze Menge, die hatten ja nicht immer damit zu tun, dass jemand eine persönliche, nachgewiesene Schuld hatte.

Schulz: Aber Sie haben ja die Situation in Köln geschildert, die Wut und Enttäuschung der Menschen. Haben die oberen der katholischen Kirche, der heilige Stuhl da nicht vielleicht ein bisschen den Bezug zur Basis verloren?

Sternberg: Ich bin nicht ganz sicher, ob man wirklich ausreichend genug gesehen hat, was in Köln wirklich los ist, andererseits habe ich schon den Eindruck, dass die Visitatoren sehr richtige und sehr gute Gespräche geführt haben. Ich kenne eine ganze Reihe Leute, mit denen sie gesprochen haben, das sind wohl sehr gute Gespräche gewesen.

Insofern, wenn da die Rede davon ist, dass da wirklich schwere Fehler gemacht worden sind, dann ist das ja kein so hingesetzter Ausdruck, sondern das ist ja mit Bedacht gewählt. Und wenn man sagt, ein Kardinal hat schwere Fehler gemacht, das ist nicht ohne, das ist schon eine ganze Menge. Und das bezieht sich eben gerade auf den Umgang in diesem Bistum und wesentlich, aber nicht alleine, auf die Frage des Umgangs mit den Betroffenen von sexualisierter Gewalt.

Schulz: Woelki bekommt ja jetzt oder nimmt sich diese Auszeit von mehreren Monaten – würden Sie das als Strafe verstehen, das haben ja auch einige so interpretiert?

Sternberg: Na ja, ich meine, es ist eine Vorschrift, es ist nicht sein Sabbatjahr, das jemand aus Vergnügen nimmt, sondern er wird regelrecht für eine Weile seines Amtes enthoben.

Schulz: Also, wenn Woelki sich dafür bedankt und sagt, er wollte das eigentlich selber, dann ist das Heuchelei.

Sternberg: Das weiß ich nicht, ob es Heuchelei ist, wissen Sie, das sind immer so scharfe und starke Wörter, aber ich finde das schon ein bisschen bemerkenswert, dass der Vatikan das hier vorschreibt, nicht genehmigt, sondern vorschreibt.

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Schulz: Und kann eine solche Auszeit denn, dieses In-sich-Gehen, kann das vielleicht tatsächlich etwas bringen?

Sternberg: Das ist die Frage, wissen Sie, wie wir überhaupt mittlerweile in unserer Gesellschaft mit Leitungsfunktionen und Leitungspersönlichkeiten umgehen, was wir ihnen zutrauen, zumuten, was wir glauben, was möglich ist und was nicht. Ich glaube, hier ist weniger die Frage, ob eine Person sich ändert da, das wird, glaube ich, nicht die Frage, sondern eher die Frage, wird es gelingen, dass in diesem Bistum in diesem Jahr wirklich eine Erneuerung dieses Verhältnisses zu ihrem Erzbischof möglich ist. Das bezweifele ich sehr.

Aber auf jeden Fall wird nötig sein, dass in diesem Jahr eine sehr, sehr intensive Arbeit in diesem Bistum mit den Gläubigen passiert, mit den Vertretungen der Gläubigen, auch mit den Vertretungen der Missbrauchsbetroffenen. Das sind ganz wichtige Prozesse. Wenn diese Auszeit nicht begleitet ist von einem wirklich bistumsweiten Kommunikationsprozess über das Verhältnis dieses Bistums mit ihrem Bischof, dann ist diese Causa überhaupt nicht gelöst.

Schulz: Sie könnten sich … Oder könnte es auch passieren, dass Woelki von dieser Auszeit zurückkommt und dann macht er weiter wie bisher oder was glauben Sie, was passiert?

Sternberg: Wissen Sie, das ist jetzt schwierig zu sagen, es könnte tatsächlich passieren, dass er weitermachen muss wie bisher, nur das hätte katastrophale Folgen, das kann ich mir gar nicht vorstellen. Ich denke schon, dass da jetzt auch schon bereits die Überlegungen laufen, wie kann man einen solchen Prozess steuern, der eben sein muss, der vertrauensbildenden Maßnahmen, der Vertrauensbildung. Das wird auch nicht ohne ihn gehen, egal wo er diese Auszeit nimmt, er muss das ja auch nicht als Bischof tun, das wäre ja vielleicht auch grade entlastend, wenn er es nicht als Bischof seiner Diözese tut, sondern er muss dann auch kommunikationsbereit sein über diese Auszeit hinaus. Wie das aussehen kann, wissen Sie, das ist mir auch noch sehr unklar, die Meldung ist ja so alt auch noch nicht.

Schulz: Nehmen wir mal an, Woelki geht in sich, wir haben ja auch gerade seinen Ton gehört, er meint diese Entschuldigungen wirklich ernst. Glauben Sie, das Erzbistum Köln, die Menschen können ihm noch mal verzeihen, noch mal Vertrauen fassen?

Sternberg: Das sind schwere Fragen solche prognostischen Dinge. Eines sollte man vielleicht feststellen: Wir leben in einer Kirche und wir liebe unsere Kirche, die ja ganz wesentlich auch damit zu tun hat, wie wir miteinander umgehen, wie wir generell miteinander umgehen. Und da ist natürlich Verzeihung, Vergebung, Wiederaufnahme, das sind alles ganz wichtige Faktoren und Dinge, die uns in einem geistlichen Prozess nicht unwichtig sind. Damit will ich aber nicht gesagt haben, dass das alles klappt und Schwamm drüber, das wäre völlig falsch.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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