Karl-Heinz Göttert: „Der Rhein. Eine literarische Reise“ „Die Romantik ist untrennbar mit dem Rhein verbunden“

„Altvater“ Rhein: Berühmt und vielzitiert wird bis heute vor allem das Nibelungenlied und der Mythos von der männermordenden Rheinnymphe Loreley, sagt der Literaturprofessors Karl-Heinz Göttert. Er erinnerte er im DLF-Interview aber auch an weniger bekannte Rhein-Dichter wie Joseph Görres oder Georg Forster.

Karl-Heinz Göttert im Gespräch mit Gisa Funck | 15.12.2021

Karl-Heinz Göttert: "Der Rhein. Eine literarische Reise"
Zu sehen sind der Autor und das Buchcover, das ein Gemälde einer Rheinansicht zeigt.
Karl-Heinz Göttert: "Der Rhein. Eine literarische Reise" (Foto: privat, Buchcover: Reclam Verlag)
Gisa Funck: Hallo Herr Göttert!
Karl-Heinz Göttert: Hallo!
Funck: In Ihrem neuen Buch „Der Rhein“ nehmen Sie uns als Leser mit auf eine literarische Reise den Rhein entlang. Gibt es denn überhaupt so etwas wie eine spezifische Rhein-Literatur?
Göttert: Nein, das muss man ganz deutlich verneinen. Wir haben am Rhein stattdessen einen Querschnitt durch die deutsche Literatur. Alles, was es literarisch sonst gab und gibt, hat es auch am Rhein gegeben. Allerdings mit einer Einschränkung oder Ausnahme: Der Rhein hat bestimmte Mythen hervorgebracht – und die Literaten haben sich natürlich darauf gestürzt. Denken Sie an die Romantiker! Oder an das Nibelungenlied und solche Sachen. Das hat dann dafür gesorgt, dass es doch so eine gewisse thematische Kontinuität in punkto Rhein gibt.
Funck: Apropos Querschnitt. Ich habe ihr Buch als einen 300seitigen Parforce-Ritt quer durch die deutsche Literaturgeschichte gelesen. Aber mir schien, es gibt doch einen gewissen Schwerpunkt auf zwei Epochen, nämlich einmal das Mittelalter und zum anderen die Romantik?!

„Nibelungenlied und Loreley-Sage sind die Haupt-Rheinmythen“

Göttert: Ja, das entspricht dem, was ich eben gesagt habe, mit dem Mythos. Wichtig für die am Rhein entstandene Literatur ist einmal das Nibelungenlied im Mittelalter, auch wenn es noch mehr gibt als das Nibelungenlied.) Und dann in der Romantik gibt es eben dieses Stück um die Loreley herum. Diese beiden Mythen sind schon sehr prägnant.
Funck: Warum war in diesen beiden Epochen der Rhein ein so wichtiger und so inspirierender Ort?

„Die Romantiker sahen die französische Okkupation des linken Rheinufers als Bedrohung!“

Göttert: Hm, also für das Nibelungenlied kann man das vielleicht so nicht sagen. Ich würde jetzt mal sagen: Das ist ein gewisser Zufall gewesen, dass sich das da festgemacht hat. Da hatte man gewisse historische Vorstellungen, die heute eher absurd sind mit Worms und den Nibelungen und den Hunnen und all diesen Sachen. Die Nibelungensage ist mehr zufällig am Rhein entstanden. Aber die Romantik ist nicht zufällig am Rhein entstanden. Denn viele bedenken nicht, dass im späten 18. Jahrhundert die linke Rheinseite französisch besetzt war! Und nun kamen die Romantiker und fuhren munter den Rhein entlang mit dem Schiff. Setzten sich da drauf, meinetwegen Brentano mit Arnim, und dann sind die die ganze Zeit die Grenze entlanggeschwommen. Und sie haben dann auch sehr deutlich von einer Bedrohung gesprochen.
Also, dass damit ein Stück nationaler Kultur verlorengeht, das gerettet werden muss. Brentano hat z. B. mal erzählt, dass da munter die Burgen verkauft wurden auf dem linken Rheinufer. Dass die dann abgetragen wurden und man die Steine für irgendwas Anderes verwendete. Das hat ihn empört: Denn damit gehe doch die ganze Tradition verloren usw.! Und die Romantik, die sind ja am Volk interessiert und an all’ diesen Dingen – und die versuchten das eben zu retten. Also Rhein und Romantik, das ist kein Zufall, sondern hängt mit diesem verhängnisvollen deutsch-französischem Krieg zusammen.

„Da wurden munter die Burgen verkauft“

Funck: Es war dann ja so, dass nach dem Wiener Kongress 1815 das linke Rheinufer zurück an das Deutsche Reich fiel – und dann fängt es ja an, wirklich nationalistisch zu werden. Also dann fängt das ja an mit Gesängen wie „Die Wacht am Rhein“, also mit sehr patriotischen Gesängen?!

Die Vision einer friedlichen, „nicht-nationalistischen, rheinischen Republik“

Göttert: Ja, es gibt zwei große Stränge, die man sich konträrer gar nicht vorstellen kann. Einerseits gab es das, was Sie gesagt haben, nämlich diesen fürchterlichen Chauvinismus. Das Wort Nationalismus genügt ja hier gar nicht! Also, dass die Deutschen über die Franzosen triumphieren wollten – und umgekehrt. Und das drückt sich dann aus in diesen Liedern „Die Wacht am Rhein“, ein Lied, das gegen die Marseillaise geschrieben wurde. Aber das war nur die eine Seite. Es gab auch noch eine andere Autorenfraktion, die viel weniger bekannt ist, und das ist die Fraktion, die am Rhein die Idee verfocht, doch ein Reich zu gründen jenseits dieser Nationalismen.

Die Idee einer „Cis-Rhenanischen Republik“

Das knüpfte an die alte karolingische Idee von einem Zwischenreich an, das dann weder Frankreich noch Deutschland sein sollte, sondern eine „Cis-Rhenanische Republik“. Und da gibt es dann diese großen Publizisten wie Joseph Görres zum Beispiel oder auch Georg Forster, die haben diese Idee forciert und haben von einem nicht-nationalen Reich mitten in Europa geträumt, von dem dann ein neuer Gedanke entstehen sollte. Nämlich die Idee eines Europas ohne Kriege, ohne Nationalismen. Das war eine sehr bedeutende Vision, die nicht nur die Romantiker beschäftigt hat, sondern auch später viele Literaten des 19. Jahrhunderts
Funck: Sie haben jetzt schon ein paar Autoren genannt: Ferdinand Freiligrath, Joseph Görres, gehören dazu, auch jemand wie Alfons Paquet. Oder auch – natürlich – Heinrich Heine. Der war ja auch ein Napoleon-Verehrer.
Göttert: Ja, der Düsseldorfer Heine…
Funck: Ja, der Düsseldorfer Heine genau! War Ihnen das wichtig, dass man auch an diese Autoren erinnert? Also Heine kennt man natürlich. Aber ich meine jetzt Paquet oder Görres oder Freiligrath, die kennt heute ja kaum noch jemand?!
Göttert: Ja. Das war, wenn Sie so wollen, der Mehrwert des Buches. Wenn Sie eine Literaturgeschichte schreiben würden, dann würden Sie sich sozusagen auf die Gipfelleistungen stürzen. Und der Rhein bietet einem als Thema die wunderbare Gelegenheit, dass man bestimmte Autoren behandeln muss! Und dann nicht nur die ganz großen, also Goethe oder Schiller. Schiller war ja auch am Rhein in Mannheim ein paar Jahre lang am Theater tätig. Goethe war ein großer Fan vom Rhein. Aber daneben hat man eben auch die ganzen anderen Autoren, ich sage mal in Anführungszeichen die „kleineren“ Autoren, die einem einfach serviert werden. Und so entsteht eine Literaturgeschichte, die sozusagen eine Mischung darstellt aus den großen Gipfelleistungen und dem – ich will nicht sagen, was in den Niederungen geschieht - aber doch dem, was eben sonst noch alles literarisch am Rhein existierte. Und das habe ich sehr genossen, mich da einzulesen und gelegentlich auch etwas ganz Entlegenes auszugraben.

„Rheinliteratur besteht nicht nur aus literarischen Gipfelleistungen“

Funck: Ich glaube, woraus sich auch der Lesegenuss ihrer Chronik speist, das ist sicherlich auch, dass sie nicht so einen absolut ehrwürdigen mit den Literaturklassikern pflegen, sondern gerade in punkto Nibelungensage auch schon mal schreiben, dass diese Strophen ziemlich „zusammengestoppelt“ seien – oder dass es hier dramaturgisch holpert. Warum war Ihnen das wichtig zu sagen, dass diese Klassiker auch ihre Mängel haben?

„Man muss der Rhein-Pathetik mit Ironie begegnen“

Göttert: Ja, das war mir ganz wichtig. Denn sie müssen bedenken, nicht alle Menschen sind so ohne weiteres dazu zu bringen, sich mit der Literatur zu befassen. Und wenn man denen jetzt nur mit dem Pathos kommt, dann werden die doch eher abgeschreckt. Man muss da mit einer gewissen Ironie herangehen, so dass das Ganze auch seine heiteren Seiten hat. Das habe ich auch sehr genossen und extra so einige Szenen ausgesucht, genau unter diesem Gesichtspunkt, dass da auch die heitere Seite der Literatur vertreten ist.
Funck: Was ich auch überraschend fand, war, dass dieser berühmte Drachenkampf von Siegfried im Original-Epos anscheinend gerade mal mit vier spärlichen Zeilen bedacht wird. Das ist ja wirklich erstaunlich wenig. Warum wurde das später so ein Riesen-Spektakel?

Die „komische Leerstelle“ von Siegfrieds Drachenkampf wurde nachträglich „touristisch“ aufgemotzt

Göttert: Naja, das muss man sich schon fast unter Tourismus-Vorstellungen zurechtlegen. Also, das ist ja verbunden mit dem Drachenfels. Und da sind Sie wieder in der Romantik. Denn der Nibelungen-Stoff, der ist ursprünglich Ende des 12. Jahrhunderts, und am Anfang des 13. Jahrhunderts entstanden. Also so um 1200. Aber im Original gibt‘s eben eine komische Leerstelle mit dem Drachenkampf. Und das fanden einige Leute unmöglich, dass man gar nicht genau weiß, wo dieser Kampf eigentlich stattgefunden hat. Und die sagten dann: „Ach, wir wissen es aber doch, wo‘s war! Es war am Drachenfels!“ Und auf diese Weise spann sich diese Sage weiter - und wurde dann von den Romantikern aufgenommen. Auch Victor Hugo hat das später aufgenommen und andere Autoren. Also dieser Nibelungen-Mythos, der mit dem Rhein untrennbar verbunden ist, der ist immer wieder neu weitergesponnen und entzündet worden. Und am Drachenfels bot sich das besonders an, weil es dort schon eine andere Drachensage mit einer Drachenhöhle gab.
Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassung wieder. Der Deutschlandfunk macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.
Karl-Heinz Göttert: „Der Rhein. Eine literarische Reise“
Reclam Verlag, Stuttgart. 349 Seiten, 32 Euro.