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StartseiteKalenderblattDer Vater der ewigen Philosophie26.02.2019

Karl Jaspers vor 50 Jahren gestorbenDer Vater der ewigen Philosophie

Ein Philosophieren im akademischen Stil, Vorlesungen und Vorträge in populärer Form und Statements mit politischer Relevanz: Karl Jaspers, geboren 1883 in Oldenburg, verstand es, mit großen Worten und konkreter Weltkritik sein Publikum zu erreichen. Dabei immer im Mittelpunkt: die menschliche Existenz.

Von Rolf Wiggershaus

Der Philosoph Karl Jaspers (1883-1969), einer der bedeutensten Vertreter des Existentialismus, in einer undatierten Aufnahme. (picture alliance / dpa)
Karl Jaspers hatte mit seiner Philosophie die globale Situation des Menschen stets im Blick (picture alliance / dpa)
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"Unsere Demokratie ist nicht geboren aus der hochgemuten Gesinnung eines Befreiungskampfes, sondern ist uns verordnet, als wir ein Haufen überlebender Deutscher waren."                               
In seiner Dankesrede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels 1958 in der Frankfurter Paulskirche praktizierte Karl Jaspers, wofür er als Philosoph seit langem eintrat: in humanen Formen um die Wahrheit kämpfen.

"Wir dürfen auch nicht behaupten, dass der Wirtschaftszustand der freien Welt in Ordnung sei. Die moderne Wirtschaft, die ihrer Herkunft nach expansiv ist, muss sich in ihrer Struktur und ihrem Ethos von Grund aus wandeln, wenn die Expansion an der Enge der endgültig verteilten Erde ein Ende gefunden hat, wie es jetzt im Geschehen ist."

Verbindung von großen Worten und konkreter Weltkritik

Wer erstaunt war über die Verbindung von großen Worten und konkreter Zeitkritik mochte sich fragen, auf welchen Lebens- und Denkweg dieser 75-jährige Philosoph wohl zurückblickte.

Jaspers kam am 23. Februar 1883 in Oldenburg als Sohn eines Bankdirektors zur Welt. Er studierte zunächst Rechtswissenschaft, dann Medizin und wurde Anfang der 20er-Jahre in Heidelberg Ordinarius für Philosophie. Eine bemerkenswerte Karriere auch, weil Jaspers lebenslang stark gehandicapt war.

"Ein organisches Leiden – Bronchiektasen – schien meinem Leben wenig Chancen zu geben. Umso stärker war Leben während bei mir der Drang zum Normalen, zur – wenn auch begrenzten – Gesundheit."

Durch Kommunikation zur Selbstwerdung

Entscheidenden Anteil am Gelingen hatte seine Frau Gertrud. Jaspers widmete ihr sein erstes philosophisches Werk, die 1919 erschienene "Psychologie der Weltanschauungen", die bereits deutlich machte, was für ihn Philosophieren bedeutete:

"Die Erhellung des Raums, in dem die existenziellen Entscheidungen fallen, die kein Gedanke, kein System, kein Wissen vorwegnimmt."

Anfang der 30er-Jahre erschienen die Abhandlung "Die geistige Situation der Zeit" und das 1400-seitige philosophische Hauptwerk mit dem lapidaren Titel "Philosophie". Eine Zeit, in der der Einzelne sich in einer von Technik und Massendasein geprägten modernen Welt zu verlieren droht, verlange nach einer zeitgemäßen Form der "philosophia perennis", der ewigen Philosophie, so Jaspers – und das war seine Existenzphilosophie. Das "Existieren" entsprang nun für ihn nicht mehr nur der Erfahrung von Grenzsituationen wie Leiden, Kampf und Tod, sondern auch einer "existenziellen Kommunikation", bei der Menschen durch Kommunikation zur Selbstwerdung gelangen.

"Wenn mir alles zusammenbricht, was Geltung und Wert zu haben beansprucht, bleiben die Menschen, mit denen ich in Kommunikation stehe oder möglicherweise stehen kann, und bleibt erst mit ihnen, was mir eigentliches Sein ist."

Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wurde Jaspers‘ Ehe mit einer Jüdin zwar als "privilegierte Mischehe" eingestuft, doch nach Zwangsemeritierung und Publikationsverbot drohte 1945 die Deportation seiner Frau. Die Besetzung Heidelbergs durch die US-Army am 30. März 1945 wurde zur Rettung im letzten Augenblick.

Die Idee einer Weltphilosophie

In der ersten Zeit nach dem Krieg engagierte Jaspers sich für einen grundlegenden Neubeginn. Über dessen Ausbleiben enttäuscht, folgte er 1948 einem Ruf an die Basler Universität. Seine Aufgabe sah er darin, für eine Weltphilosophie als Philosophie interkultureller Verständigungen einzutreten, ohne dabei aber auf politische Interventionen zu verzichten. Sie galten der Schuldfrage, der Atombombe, der Entwicklung der Bundesrepublik und machten ihn zu einem öffentlichen Intellektuellen, der Konflikte nicht scheute – etwa wenn er meinte:

"Der ständige Ruf nach Wiedervereinigung ist unfruchtbar und wirkungslos. Er lenkt von der eigentlichen politischen Aufgabe ab, nämlich eben dieser: Aus der Bundesrepublik einen innerlich freien demokratischen Staat zu schaffen, der noch nicht da ist."

Nach Jahren sich verschlimmernder Krankheit starb Karl Jaspers am 26. Februar 1969 in Basel. Heute ist er präsent als ein Philosoph, der den Blick auf die globale Situation der Menschheit lenkte.

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