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StartseiteKalenderblattHinrichtung eines Attentäters 20.05.2020

Karl Ludwig Sand auf dem SchafottHinrichtung eines Attentäters

Im März 1819 reiste der Student Karl Ludwig Sand von Jena nach Mannheim und ermordete dort den Dichter August von Kotzebue. Er sah in dem Schriftsteller einen Landesverräter. Das Attentat betrachtete Sand als eine Befreiungstat. Vor 200 Jahren wurde er hingerichtet.

Von Otto Langels

Der Student Karl Ludwig Sand erstach den Schriftsteller August von Kotzebue im Jahr 1819. ( picture alliance / Mary Evans Picture Library)
Ein glühender Patriot, der 1815 an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teilgenommen hatte: Karl Ludwig Sand ( picture alliance / Mary Evans Picture Library)
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"Dem Carl Sand sind wir das rühmliche Zeugnis schuldig, dass er während seines Aufenthaltes in Erlangen zu den sittlichsten und musterhaftesten Studierenden gehörte."

Wohlwollend urteilte der akademische Senat der Universität Erlangen im Dezember 1817 über einen Studenten, zu dem die bayerische Staatsregierung einen Bericht wegen seines "gefährlichen revolutionären Geistes" angefordert hatte. 

Karl Ludwig Sand, 1795 im bayrischen Wunsiedel geboren, hatte unter anderem in Erlangen Theologie studiert. Er war ein gottesfürchtiger Christ und glühender Patriot, der 1815 an den Befreiungskriegen gegen Napoleon teilgenommen hatte. Ein Studienfreund urteilte über ihn:

"Seine Gesinnung war höchst edel, allem Gemeinen und Unreinen war er entschieden abgeneigt, opferbereit für alles Echte und Gute, treu und hingebend dem Freunde."

Feindbild für die politisch unzufriedenen Studenten

Sand schloss sich den Burschenschaften an, damals eine fortschrittliche Bewegung für Bürgerrechte und ein vereintes Deutschland. Im Oktober 1817 reiste er nach Eisenach zum Treffen freiheitlich gesinnter Studenten auf der Wartburg, wo er einem Kommilitonen ins Notizbuch schrieb: "Wir haben heute Großes geschaut und gehört. Dies alles will Gott uns verleihen. In diesem Glauben ist uns alles gegeben: Freiheit, Ehre, Demut, Stärke." Hier klang bereits der Wille des Einzelnen zur aufrüttelnden Tat an.

Beim Wartburgfest, einem Fanal gegen Kleinstaaterei und restaurative Politik, wurden als reaktionär geltende Schriften verbrannt, darunter auch Werke August von Kotzebues. Der populäre Dichter, einer der meistgespielten Theaterautoren seiner Zeit, war ein scharfzüngiger Kämpfer gegen politische Reformen und stand im Dienst des russischen Zaren. 

Kotzebue bot sich geradezu als Feindbild für die politisch unzufriedenen Studenten an. Vor seinem Haus in Weimar legten sie einen anonymen Brief nieder: "Fahre fort, Kotzebue, vielleicht wirst Du selbst und nicht allein Deine Schrift verbrannt." Als kurz darauf Steine in sein Wohnzimmer fliegen, zieht der Schriftsteller nach Mannheim um.

Anfang 1819 verfasst Karl Ludwig Sand die Schrift "Todesstoß dem August von Kotzebue": "Die Not meines Vaterlandes drängt mich zum Handeln. Viele der ruchlosesten Verbrecher treiben ungeahndet bei uns ihr Spiel. Unter ihnen ist Kotzebue der feigste und boshafteste. Soll nicht das ärgste Unglück über uns kommen, so muss er nieder." Am 9. März 1819 wandert der 23-jährige Student von Jena aus in Richtung Mannheim.

Er kommt am 23. März in Mannheim an, sucht Kotzebues Haus auf und stößt ihm mit den Worten "Hier, du Verräter des Vaterlandes!" mehrfach einen Dolch in die Brust. August von Kotzebue stirbt wenig später, Sand versucht sich selbst mit einem zweiten Dolch zu töten und bricht auf der Straße blutüberströmt zusammen. Bei sich trägt er die Schrift "Todesstoß dem August von Kotzebue".

Der "Mörder aus Vaterlandsliebe" wurde zum Märtyrer

"Auf du mein deutsches Volk! Hasse, morde alle, die sich in frevler mutwilliger Gesinnung so sehr überheben, dass sie des Göttlichen in dir vergessen." Sand überlebt den Selbstmordversuch, er bekennt sich zu dem Attentat, dem wohl ersten politischen Mord in Deutschland, und erklärt, sein Gewissen stehe als Stimme Gottes über dem weltlichen Gesetz. Doch das irdische Hofgericht Mannheim verurteilt Sand am 5. Mai 1820 als Mörder zum Tod durch das Schwert. 

Am 20. Mai findet die Hinrichtung in Mannheim statt. Das Wetter ist trüb und regnerisch, vermerkt ein Chronist. "Das Gesicht Sands war leidend, mit Sanftmut, die jedoch nicht vorherrschend war, die Augen leuchtend." Unter den Menschen, die der öffentlichen Hinrichtung beiwohnen, genießt Sand durchaus Sympathien. Lächelnd grüßt er ein letztes Mal in die Menge, bevor er die Stufen zum Schafott hinaufgeht und der Scharfrichter zur Tat schreitet. Danach nimmt das Geschehen Züge eines skurrilen Spektakels an.

"Die Umstehenden, worunter sich mehrere Studenten aus Heidelberg befanden, eilten die Stufen hinauf, um die wenigen Reste des abgeschnittenen Haares aufzulesen und Sacktücher und Papiere in das Blut zu tauchen." Karl Ludwig Sand, der "Mörder aus Vaterlandsliebe", wurde als Märtyrer und Volksheld verehrt, sein Grab zum Wallfahrtsort.

Doch statt der Freiheit eine Lanze zu brechen, erreichte er das Gegenteil: Das Attentat diente den Herrscherhäusern mit Fürst Metternich an der Spitze als Vorwand, um mit den sogenannten Karlsbader Beschlüssen die bescheidenen Freiheitsrechte im Deutschen Bund weiter einzuschränken.

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