Donnerstag, 06. Oktober 2022

Alexa Hennig von Lange: "Die karierten Mädchen"
Karriere unterm Hakenkreuz

Mehr als 130 Tonbandkassetten mit Lebenserinnerungen hat ihre Großmutter hinterlassen. Die Schriftstellerin Alexa Hennig von Lange macht daraus einen Roman, der von einer besonderen Karriere im nationalsozialistischen Deutschland erzählt.

Von Shirin Sojitrawalla | 10.08.2022

    Hennig von Lange: „Die karierten Mädchen“
    Alexa Hennig von Lange widmet sich in „Die karierten Mädchen“ ihrer eigenen Familiengeschichte. (Portraitfoto: Madlen Krippendorf / Buchcover: DuMont Verlag)
    Klara Möbius ist 91 Jahre alt, kann nichts mehr sehen und lebt trotzdem allein in einem Reihenhaus, irgendwo in Norddeutschland. Es ist das Jahr 1999, Klaras gelebtes Leben umfasst also beinahe das ganze 20. Jahrhundert. Ein guter Zeitpunkt, um sich zu erinnern:

    „Klara spürte, wie sie von einem inneren Zittern erfasst wurde. (…) Vielleicht war es Zeit, ihren Kindern endlich zu erzählen, wer ihre Mutter wirklich gewesen war. Was sie erlebt hatte, als sie Anfang zwanzig war. Was sie getan hatte und warum. Dieser Teil ihrer Erinnerungen war düster und schmerzhaft. In ihm tobten Schuld und Verzweiflung, Sehnsucht und Liebe.“

    Schwungvoller Erzählton

    Was klingt, wie einer Telenovela entsprungen, bildet den Auftakt zu den Lebenserinnerungen von Klara, der Protagonistin im neuen Roman von Alexa Hennig von Lange. Klaras Lebensgeschichte hat sie ihrer eigenen Großmutter abgelauscht, die im hohen Alter rund 130 Tonbandkassetten mit ihren Erinnerungen aufgenommen hat. Hennig von Lange spult zurück ins Jahr 1929.

    Mit 21 Jahren tritt Klara eine Stelle als Lehrerin in einem Kinderheim an, das auch Heilstätte für tuberkulosekranke Kinder ist. Es ist ein beschwingter Auftakt, in dessen luftigem Überschwang Kurt Tucholsky, Mascha Kaléko oder Irmgard Keun anklingen. Inhaltlich sind „Nesthäkchen“, „Der Trotzkopf“ oder „Hanni und Nanni“ nicht weit: renitente Backfische, Wein aus Zahnputzbechern und Dramen des Alltags. Klara Möbius fügt sich da gut ein:

    „In ein Gespräch über Nationalsozialisten wollte sie wirklich nicht verwickelt werden. Sie hatte keine feste Meinung zu dem, was politisch passierte. Dazu wusste sie einfach zu wenig Bescheid. Überhaupt hatte sie kein Interesse daran, sich über Ereignisse aufzuregen, die sie sowieso nicht beeinflussen konnte. So viel war seit dem Krieg passiert. Gerade noch Kaiserreich, jetzt Weltwirtschaftskrise. Diese ganze Weimarer Republik war ein heilloses Durcheinander.“

    Mit gestärkten Blusen und dem Lesen von Weltliteratur versucht sich Klara, die aktuelle politische Wirklichkeit vom Leib zu halten. Davon versteht Hennig von Lange durchaus mitreißend zu erzählen. Noch besser gelänge das, würde sie nicht immer wieder im Pathos Zuflucht suchen.

    Leicht verfälschte Biografie

    Wie Hennig von Langes Großmutter macht auch Klara Karriere unterm Hakenkreuz. Erst im anhaltinischen Oranienbaum, später dann im Frauenbildungsheim Sandersleben. Im Gegensatz zur Großmutter nimmt sich Klara sonderbarerweise eines jüdischen Säuglings an. Das kleine Mädchen trägt den seltsamen Namen Tolla und wirkt im Roman wie ein Fremdkörper. In einem Interview erzählt Hennig von Lange, sie habe das Mädchen erfunden, weil ihre Großmutter so viel verschwiegen habe, so vieles gar nicht bei ihr vorgekommen sei, etwa der Brand der nahegelegenen Synagoge. Im Nachwort schreibt sie:

    „Aus diesem Grund habe ich ihre Erinnerungen in eine Erzählung gebettet, in der sich moralische Fragen stellen.“

    Ein merkwürdiger Satz, denn moralische Fragen stellen sich so oder so. Das kleine Mädchen, das Klara als ihr eigenes Kind ausgibt, fungiert im Roman als bloßes Dingsymbol für einen inneren Konflikt. Klara nimmt das Kind nicht deswegen an, weil es ein jüdisches, sondern weil es ein elternloses Kind ist. Richtig brenzlig wird das erst, als die Nationalsozialisten tonangebend werden. Die Entscheidung der Autorin überzeugt zwar nicht, so heikel wie etwa Takis Würgers Umgang mit der Geschichte von Stella Goldschlag ist sie aber nicht.

    Machtlose Untertanen

    Ob mit oder ohne Kind: Letztendlich muckt Klara nicht auf, widersetzt sich nicht, passt sich an, läuft mit. Eine Geschichte, wie man sie tausendfach gehört hat. So beherrscht auch Klara den zackigen Hitlergruß bald ebenso perfekt wie klümpchenfreie Mehlschwitze.

    „Zum begeisterten Applaus flatterte die große Hakenkreuzfahne über dem Eingang, so wie über tausend anderen Eingängen im Land auch. Es gab keine Inseln mehr. Fünf Jahre waren vergangen, seitdem Klara in Oranienbaum ihre erste Ansprache als Leiterin eines Frauenbildungsheims gehalten hatte. Damals hatte sie geglaubt, sie könnte Tolla in ihrer Rede verstecken, so wie sie sie im Heim versteckte. Sie hatte geglaubt, dass sie die Wirklichkeit außen vor lassen könnte, dass mit Fleiß, Strenge und etwas Glück die Verhältnisse einen Bogen um sie machen würden, wenn sie sich nicht offen gegen sie stellte.“

    Locker und schlicht erzählt

    Diese Art von Schicksalsergebenheit umwabert den Plot des Buches. Die Entscheidungen der Hauptfigur wirken alternativlos und nähren die Mär von den ahnungs- und machtlosen Deutschen. Immer wieder springt der Roman, der die Jahre zwischen 1929 und 1939 erzählt, ins Jahr 1999 vor, zur alt gewordenen Klara. Doch diese Passagen bleiben ohne Widerhall, dienen nur dem Spiel mit der Authentizität, weil man dort Klara beim Aufnehmen der Kassetten über die Schulter sieht.

    Alexa Hennig von Lange erzählt unkompliziert, tendiert aber zum Auserzählen. Zu oft folgt noch ein erklärendes Wort und verdeutlicht, was ohnehin deutlich zu Tage tritt. „Die karierten Mädchen“ bleibt ein schwungvoller Unterhaltungsroman auf leicht verfälschter biographischer Grundlage. Das liest sich locker, ergründet das beredte Schweigen der Großmutter aber nicht.
    Alexa Hennig von Lange: „Die karierten Mädchen“
    Dumont Verlag, Köln.
    366 Seiten, 22 Euro.